Als auf dem Buchmarkt der zweite Titel von Robert Pragst erschien, ehemals Staatsanwalt und später Strafrichter am Kriminalgericht in Berlin-Moabit, waren sich die Rezensoren reflexartig sofort einig. Von einer „Anklage“ gegen die Justiz war die Rede und von einer „gnadenlosen Betrachtung der Wirklichkeit“.
Pragst schaut kurz auf seinen Kaffee und schüttelt dann mit der ihm eigenen Gelassenheit den Kopf. Nein, sagt der 43-Jährige, da könne er sich nicht wiederfinden, in solchen Interpretationen.
Jeweils etwa ein Jahr während seiner Zeit als Richter auf Probe trug Pragst die Roben des Strafrichters (2003) sowie des Anklägers (2005) in Europas größtem Kriminalgericht. Die Zeit als Richter auf Probe dauert hierzulande insgesamt drei Jahre, in denen ein Anwärter sich auf seine Ernennung zum Richter auf Lebenszeit vorbereitet.
Von den landläufigen Klischees über den Arbeitsalltag verbeamteter Juristen fehlt kaum eines in dem Erfahrungsbericht, den er unter dem Titel „Verurteilt. Mein Jahr als Strafrichter“ veröffentlicht hat. Aktenberge und triste Arbeitsräume, in denen die Zeit seit den 50er-Jahren stehen geblieben zu sein scheint. Personalmangel und Urteile, die auf altmodischen Schreibmaschinen getippt werden.
Verfahren, die sich wegen nervenzehrender Winkelzüge und Verzögerungstaktiken der Verteidigung Monate hinziehen, um dann vor einer anderen Instanz noch einmal ganz neu aufgerollt zu werden.
Keine allgemeine Justizschelte
Frustrierende Bedingungen, mit denen Pragst in seinem bisherigen Berufsleben noch niemals konfrontiert war: Als Bankkaufmann hatte er gearbeitet und als Immobilienmakler, ein halbes Jahr lang sogar als Croupier in der Spielbank Glücksspiele geleitet.
Eine schillernde und auch etwas verwirrende Welt hatte sich dem bei der Wende gerade 19-Jährigen aus Prenzlauer Berg eröffnet, und er war bereitwillig eingetaucht. „Croupier sein war einfach cool, und man hat gutes Geld verdient“, so Pragst.
Schnell allerdings verflog der Reiz des Unbekannten, auch die Konzentration auf Einsätze und Spielschritte wurde zur Gewohnheit. Pragst: „Und da wurde der Job dann doch ein bisschen eintönig.“
Den Schritt ins Jurastudium hat er nicht bereut. Ernüchternd war die Bekanntschaft mit den Arbeitsbedingungen an deutschen Gerichten gleichwohl. Eine allgemeine Justizschelte allerdings hatte der heutige Lichtenberger Zivilrichter mit seinem Buch keineswegs im Sinn: „Wenn ein Strafrichter seine Erfahrungen aufschreibt, dann erwarten alle automatisch, das muss wohl eine Systemkritik sein“, sagt er achselzuckend. „Aber der Gedanke, dass jemand einfach nur den Berufsalltag und das Innenleben des Gerichtes schildert, wirkt für manchen vielleicht zu banal.“
Druck der Öffentlichkeit
Dabei sind die Erlebnisse, von denen Pragst berichten kann, keineswegs banal. In der Verhandlung über einen mutmaßlichen moldawischen Hehler, der von der Abschiebung bedroht war, schnitt sich dieser mit einer Rasierklinge die Pulsader auf. Die Verletzung war nicht gefährlich. Das Bild aber von dem Blut überall war keines, dass sich so ohne Weiteres vergessen ließ.
Im Gerichtssaal regierte trotzdem die Routine. Der Wachtmeister wischte das Blut auf, am nächsten Tag würde der nächste Angeklagte auf der Bank sitzen. „Normales Alltagsgeschäft im Kriminalgericht Moabit“, konstatiert Pragst.
Eben jener Gerichtswachtmeister, mit dem er sich schon bei unzähligen Verhandlungen an der Tür zum Sitzungssaal gegrüßt hatte, wurde wenig später beim Abführen eines anderen Angeklagten von diesem überwältigt. Erst einen Tag später fand man ihn bewusstlos in einer Toilette.
Und auch mit latentem Druck durch die Öffentlichkeit bekamen es Pragst und sein Richterkollegium zu tun. Die Leiterin eines Asylbewerberheimes, der Betrug wegen unrechtmäßiger Abrechnungen vorgeworfen wurde, brachte seinen Richtertisch in die Abendnachrichten. Im Fernsehen wurde die Angeklagte mit dem mitleiderregenden Bild einer Flüchtlingsfrau zusammengeschnitten, die ein Kind sowie einen viel zu schweren Koffer hinter sich herzog.
Die Richter habe das geärgert, weil die Leiterin des Flüchtlingsheimes ja nicht die Asylsuchenden, sondern den Steuerzahler geschädigt habe, so Pragst. „Ich frage mich immer“, sagt er, „ob in international medienwirksamen Prozessen wie dem NSU-Prozess das Urteil, das irgendwann fällt, dasselbe wäre, würde es nicht so viel Aufmerksamkeit geben.“ Der Richterspruch von ihm und seinem Vorsitzenden im Fall der Heimleiterin fiel niedriger aus als von der Staatsanwaltschaft gefordert.
Dass er jetzt als Zivilrichter nicht permanent mit den düsteren Seiten Berlins befasst ist, sieht Pragst als Erleichterung an. Er sei als Strafrichter mit einem anderen Blick durch die Stadt gegangen. „Da regt sich die Unterwelt, das verändert den Menschen auf Dauer“, glaubt er.
Am Zivilgericht und auch in seiner Zeit als Betreuungsrichter im Amtsgericht Pankow/Weißensee, wo er über die Betreuung von psychisch Kranken oder Verwirrten entscheiden musste, kommt es ihm auf die Aufmerksamkeit für den Einzelnen an. Für dessen Sicht auf die Dinge. „Wenn die Menschen rausgehen mit dem Gefühl: ‚ich hätte mir vielleicht eine andere andere Entscheidung gewünscht, aber es war gut, dass das mein Richter war‘ – dann bin ich zufrieden.“
Robert Pragst: „Verurteilt. Mein Jahr als Strafrichter“, Deutscher Taschenbuch Verlag, 220 Seiten, 14,90 Euro


