Hausbesetzung

Pankows renitente Rentner werden Medienstars

Die Rentner aus der Stille Straße in Berlin kämpfen um den Erhalt ihres Freizeittreffs - und ernten deutschlandweit große Sympathien.

Foto: DAPD

Vor dem Gartenzaun mit den Protestplakaten steht ein Fernsehteam. Der Kameramann konzentriert sich auf Heidi Knake-Werner, Berlins frühere Sozialsenatorin. Sie spricht ins Mikrofon eines Berliner Senders. Aus Solidarität sei sie gekommen, sagt die 69-Jährige.

Es ist Freitagvormittag. Im Seniorentreff an der Stille Straße 10 in Niederschönhausen herrscht Hochbetrieb. Am Morgen hat schon ein anderes Fernsehteam die Senioren beim Sporttreiben gefilmt. Für eine Dokumentation.

Eine Reporterin bleibt den ganzen Tag lang im Haus. Die junge Frau wird ihren Bericht für ein Berliner Boulevardblatt schreiben. Eben angekommen ist der Journalist einer Frauenzeitschrift.

Er guckt sich neugierig in den Räumen um, begutachtet die Klappliegen und die Matratzen. Lässt sich von Klub-Chefin Doris Syrbe (72) das Haus zeigen. Die Journalisten sind so etwas wie die zweiten Besetzer in der alten Villa geworden.

Die Senioren haben sich an die neue Betriebsamkeit gewöhnt. Seit dem 29. Juni besetzen sie das Haus. Denn ihr Freizeittreff sollte zum 1. Juli 2012 geschlossen werden. Die BVV und das Bezirksamt Pankow haben diesen Beschluss gefasst.

Besetzung als letzter Ausweg

Die Mittel im Bezirkshaushalt sind knapper geworden. Fünf Millionen Euro muss Pankow in diesem Jahr einsparen. Galerien, Bibliotheken, ein Theater und ein Museum standen auf der Streichliste. Intensive Proteste führten dazu, dass die meisten Einrichtungen erhalten bleiben. Nicht jedoch der Seniorentreff Stille Straße.

Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) spricht von rund 60.000 Euro, die der Bezirk jährlich für das Haus bezahlt. Außerdem müsse das Gebäude saniert werden, meint die Stadträtin. Denn es hat Treppen, aber keinen Fahrstuhl.

Was diese Sanierung kostet, hat noch niemand genau berechnet. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende in der BVV, Daniela Billig, spricht von 1,5 Millionen Euro, die für Instandhaltung, Brandschutz und Barrierefreiheit erforderlich wären. Diese Kosten "würden uns finanziell das Genick brechen."

Stadträtin Zürn-Kasztantowicz schätzt, dass es um mehr als zwei Millionen Euro geht. Ihre Verwaltung hat schon vor Monaten vorgeschlagen, dass die 29 Kurse des Clubs in anderen Freizeitstätten in Pankow fortgesetzt werden. Das jedoch haben die Senioren von der Stille Straße abgelehnt.

Ebenfalls vor Monaten. Proteste in den Sitzungen der BVV waren ohne Erfolg. Dass sie als letzten Ausweg die Besetzung des Hauses sehen, haben die Rentner angekündigt.

Kein Platz für neugierige Reporter

"Wir wollen als Gemeinschaft zusammenbleiben", sagt Peter Klotsche. Er war Schlossermeister von Beruf. Der 71-Jährige erzählt von gemeinsamen Museumsbesuchen, vom Ausflug zum Bundestag. Wenn es ein Fest im Garten des Seniorentreffs gibt, dann ist Peter Klotsche der Grillmeister.

"Dazu wird Musik gemacht, es gibt ein Tänzchen." Klotsche nächtigt seit mehr als 14 Tagen auf einer Matratze, zusammen mit seiner Frau. "Wir haben unsere Schlafsäcke mit", erzählt er. Er würde schon gern mal wieder im Bett liegen. Auch die warme Dusche vermisst er.

"Aber für einen guten Zweck machen wir alles." Abends sitzen die Senioren zusammen, reden über den Tag, die Besucher. Morgens frühstücken sie gemeinsam. "Wie eine WG."

An diesem Tag herrscht auch in der Küche Hochbetrieb. Klaus Lederer, Landeschef der Linken, und ein paar Mitstreiter kochen Pasta mit Tomaten-Gemüse-Soße für die Rentner. Alle Zutaten haben sie mitgebracht. Lederer sitzt am Tisch und schneidet Pilze und Zwiebeln.

Doch für neugierige Reporter ist in der Küche kein Platz. "Wegen der Hygiene", sagt Margret Pollak (67), Mitglied im Vorstand des Seniorentreffs. Und schickt die Unbefugten hinaus.

Besucheransturm reißt nicht ab

Treffpunkt für Journalisten, Gäste und Besetzer ist die Veranda, mit Blick auf den Garten, auf die reifenden Birnen und den Rasen. Die Senioren sind zur Attraktion dieses Sommers geworden. "Die Resonanz ist unheimlich groß", sagt Peter Klotsche.

"Wir werden förmlich überrannt." Das sei auch anstrengend. Denn der Besucheransturm reißt nicht ab. Jugendliche aus einem besetzten Haus in Wedding seien gekommen. Bewohner der Wagenburg an der Rummelsburger Bucht waren im Seniorentreff, Protestcamper vom Kottbusser Tor und Bewohner aus dem Wrangelkiez.

Nachbarn schauen immer wieder vorbei. Und Reisende aus ganz Deutschland. "Leute, die in Berlin Urlaub machen und von uns gehört haben, wollten unbedingt die Stille Straße sehen und die Rentner, die den Mut hatten", erzählt Peter Klotsche.

Heidelberger, Bremer, Stuttgarter und Hamburger waren da. Die Besucher bringen Kaffee, Kekse, Brot, Wurst, Käse, Wasserflaschen, Obst und Gemüse mit. "Der Kühlschrank ist voll."

Rar sind dagegen Besucher aus der Bezirksverwaltung Pankow. Es habe ein Gespräch mit der Sozialstadträtin gegeben, erzählt Club-Leiterin Doris Syrbe. "Ohne, dass sich etwas Neues ergeben hätte." Sozialdemokraten aus Pankow hätten sich ins Gästebuch eingetragen. Moralische Unterstützung komme auch von der Piratenfraktion in Reinickendorf.

Oliver Twist und Jenseits von Afrika

Syrbe, die 72-jährige Klubchefin, gibt geduldig Auskunft. "Ein bisschen erschöpfend ist es schon", sagt sie. "Ich bin geschafft", stöhnt auch Margret Pollack, als sie sich am Tisch auf der Veranda niederlässt und eine Zigarette anzündet. Zweieinhalb Wochen Besetzung kosten Kraft.

Einer der noch ausgeruht wirkt, ist Dieter Richter, der Englisch-Lehrer für fünf Gruppen an der Stille Straße. "Ich bin gerade aus dem Urlaub zurück", erzählt er. Der 70-Jährige hat schon ein TV-Team aus der Schweiz durch die Räume geführt.

Vertreter eines iranischen Fernsehteams seien ebenfalls im Haus gewesen, erzählt er. Seine Kursteilnehmer sind zwischen 63 und 87 Jahre alt. Sehr interessiert seien sie, sagt er. "Nicht an perfektem Englisch, aber am wöchentlichen Treffen, an Spaß beim Unterricht, an Aspekten wie englisches Königshaus und Hochzeit."

Einige Senioren lernen seit drei Jahren bei ihm, andere schon seit den 90er-Jahren. Die Fortgeschrittenen haben Charles Dickens "Oliver Twist" im Original gelesen, und "Jenseits von Afrika". Auch Dieter Richter übernachtet in der Villa: "Ich will meinen 50 Schülern diesen Platz erhalten."

Doch noch gilt der Beschluss der Pankower Politiker, dass das Haus zum Verkauf an den Liegenschaftsfonds geht. "Wir müssen auch viel größere Immobilien wie den Verwaltungsstandort Fröbelstraße und das Rathaus Weißensee aufgeben, weil wir kein Geld für die bauliche Unterhaltung haben", sagt Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung und stellvertretender Bürgermeister.

Erbbaupachtvertrag für Villa

Doch er spricht auch von Überlegungen, die Villa Stille Straße mit einem Erbbaupachtvertrag an einen freien Träger zu vergeben. Aber der müsse das Haus in den kommenden zwei bis fünf Jahren sanieren, sagt Kirchner. "Das schreckt ab."

Unterstützung hat der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, versprochen, als er bei den Senioren war. "Er will versuchen, Sponsoren für uns zu finden", erzählt Doris Syrbe.

Auch Peter Klotsche hofft, dass die Hausbesetzung Erfolg hat. "Sollte das nicht der Fall sein", sagt der 71-Jährige, "dann haben wir wenigstens etwas losgetreten." Die Leute würden später einmal sagen: "Wenn sich die alten Pankower das trauen, dann können wir das auch."

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