Occupy Seniorenklub

Wie Berliner Rentner zu Hausbesetzern wurden

Die Wut über die Verdrängung aus ihrem Kiez hat nun auch Berliner Rentner gepackt. Sie wollen mit einer Besetzung ihren Seniorenklub retten.

Foto: DPA

Berlin ist bekannt für Hausbesetzer und Occupy-Aktivisten. Bislang waren die eher jung. Jetzt haben auch Senioren diese Protestform für sich entdeckt. Seit kurzem halten Rentner einen Seniorenklub besetzt. Die Pankower Villa steht in exquisiter Lage in Nachbarschaft zum Majakowskiring, in dem früher die DDR-Elite wohnte. Der Bezirk will sie verkaufen oder verpachten, doch ist nun ratlos. "Dass Senioren ein Haus besetzen, ist für uns auch neu", sagt der stellvertretende Bezirksbürgermeister Jens-Holger Kirchner (Grüne). Aber auch bei anderen Aktionen sind in jüngster Zeit immer mehr ältere Demonstranten zu sehen gewesen, zum Beispiel bei Stuttgart 21 und in Frankfurt/Main bei Flughafen- und Bankenprotesten.

Eine Luxusvilla reiht sich in der Stillen Straße an die andere, dazwischen ein Tennisplatz – gesichert mit hohen Zäunen und Videokameras. Die alte Villa, Nummer 10, mit ihrem verwunschenen Garten und dem offenen, hölzernen Tor wirkt wie aus der Zeit gefallen. Protestplakate am Zaun zeigen, dass die Nutzer des Seniorenklubs aber alles andere als das sind. "Wir Alten sind nicht mehr so wie die von vor 30 Jahren. Wir haben Grips im Kopf", sagt die Klubvorsitzende und Hausbesetzerin Doris Syrbe, 72.

Drinnen herrscht reges Treiben. Besucher tragen sich in die Unterstützerlisten ein. Einige Frauen geben Interviews, andere kochen Kaffee. In der Küche stapeln sich Kartoffeln, Pilze und andere Spenden. "Morgens haben uns Nachbarn auch schon Brötchen und Eier gebracht, andere kamen mit Pralinen – Nervennahrung", sagt Brigitte Klotsche. Sie ist 73 und ebenfalls in den Klub gezogen. Neben den sechs aktiven Besetzern kommen täglich bis zu 40 Helfer.

Dass sie einmal Hausbesetzerin wird, habe sie sich nicht vorstellen können, sagt die einstige Kita-Chefin Klotsche. Doch nachdem Pfeifkonzerte, Demonstrationen und Gespräche mit Politikern nicht fruchteten, hätten die Senioren keinen anderen Ausweg gesehen. "Wir sind vorsichtshalber kurz vor dem Schließungstermin hier eingezogen, damit sie nicht einfach die Schlösser austauschen können", sagt sie.

Mit ihrem Mann Peter und anderen Senioren campiert sie nun in den Räumen, in denen sonst etwa 300 Rentner pro Woche Canasta spielen, singen, tanzen oder Sprachen lernen. "Campingliegen und Isomatten - da fällt das Aufstehen schon manchmal schwer", sagt der 72-jährige Peter Klotsche. Doch für den Klub nehme er auch Schmerzen in Kauf. Seit 14 Jahren nutzen Seniorengruppen das Haus. "Wir wollen zusammenbleiben", sagt er. Eine Aufteilung auf andere Einrichtungen komme nicht infrage.

Bezirksamt und BVV hätten das Aus beschlossen, sagt Jens-Holger Kirchner. Was nun mit den Rentnern passieren soll, sei noch unklar. "Räumen werden wir aber auf keinen Fall". Am Dienstag sollte im Bezirksamt darüber beraten werden. Die zuständige Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) erklärt die Schließung mit Sparzwängen. Das Haus brauche einen behindertengerechten Zugang und einen zweiten Fluchtweg.

Die Sanierungskosten schätzt sie auf 2,5 Millionen Euro, die der verschuldete Bezirk nicht habe. Auch die 60.000 Euro für den Unterhalt müssten gespart werden. Die Wahl sei auf diesen Klub gefallen, weil es für Rentner fußläufig auch andere Angebote gebe. Wie viel Geld das Grundstück in der Top-Lage bringen könnte, wissen die Stadträte eigenen Angaben zufolge nicht. Vom Verkaufserlös würde der Bezirk 20 Prozent bekommen.

Die Rentner wollen bleiben. Unterstützung haben sie auch von anderen Initiativen, die sich gegen Verdrängung aus den Kiezen und hohe Mieten wehren. "Wir haben die Senioren schon besucht und planen mit ihnen eine größere Aktion", kündigt Alexander Kaltenborn von der Kreuzberger Bewegung "Kotti & Co." an. Er finde es "überraschend" und "bemerkenswert", dass jetzt auch die ältere Generation aufwache und protestiere. Das Ehepaar Klotsche hofft, "dass auch andere Senioren, die sich sonst nicht trauen würden, den Mut finden, für ihre Interessen zu kämpfen".

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