Kulturpolitik

Parzinger drängt auf ein Museum der Moderne in Berlin

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist den Streit um den Umzug der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel leid. Parzinger will eine schnelle Entscheidung für einen Neubau in Tiergarten.

Foto: Reto Klar

Seine Aufgabe bei der größten Kultureinrichtung Europas ist hochpolitisch und gleicht zuweilen einem Spagat. Das erlebt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gerade wieder in diesen Monaten. Schließlich ändern sich mit jedem Personalwechsel bei den Eigentümern – Bund und Länder – auch die Prioritäten.

So setzt sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) seit ihrem Amtsantritt für einen Umzug der Alten Meister aus der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel ein.

Von der Position, die Parzinger noch vor zwei Jahren selbst vertrat, hatte er sich eigentlich schon verabschiedet.

Berliner Morgenpost: Monika Grütters plädiert für einen Umzug der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel. Doch Sie jubeln gar nicht über ihre Initiative.

Hermann Parzinger: Na ja, jubeln kann man erst, wenn wir für unsere Vorhaben eine realistische Perspektive erhalten. Ich freue mich natürlich, wenn Monika Grütters wie wir der festen Auffassung ist, dass die Vollendung der Museumsinsel erst perfekt ist, wenn auch die Malerei dort verankert ist – im Zusammenspiel mit der Skulptur: ein großer Gang durch die Kunst- und Kulturgeschichte Europas von der Antike bis ins 19. Jahrhundert.

Aber?

Es gibt einen Haken, weil das eine Lösung ist, die eine große finanzielle Kraftanstrengung erforderlich macht und nur Schritt für Schritt erfolgen kann. Monika Grütters ist gerade dabei auszuloten, wie hier die finanziellen Spielräume sind. Aber sie sieht genauso wie wir, dass wir ein überaus drängendes Problem haben, und das ist die fehlende Präsentationsfläche für die Kunst des 20. Jahrhunderts. Das können wir nicht auf die lange Bank schieben. Es sollte dazu in diesem Jahr eine Richtungsentscheidung geben.

Mittelfristig soll also die kleine Lösung realisiert werden, als große Lösung dann in etwa 15 Jahren der Umzug auf die Insel?

Wenn man die Äußerungen von Monika Grütters liest, sieht sie die Projekte in einem zeitlichen Nacheinander. Niemand weiß heute, wann genau die große Lösung realisierbar ist. Und schließlich warten auf die Stiftung noch andere große Bauvorhaben: Beim Masterplan Museumsinsel haben wir gerade die Hälfte hinter uns, die James-Simon-Galerie wird derzeit errichtet, das Pergamonmuseum saniert und erweitert. Das Alte Museum und die Archäologische Promenade sind noch nicht einmal terminiert. In 2016 soll die Sanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden abgeschlossen sein, doch dann steht auch die Grundsanierung der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße an. Und die Neue Nationalgalerie wird Ende des Jahres wegen Sanierungsbedarf geschlossen. Es sind alles Gebäude von einzigartiger architektonischer Qualität. All dieses vor Augen wird es nicht leicht sein, zusätzlich Mittel für ein Neubauvorhaben zu bekommen. Aber ich bin sicher, wir schaffen das, weil die absolute Notwendigkeit gesehen wird, rasch zu einer Lösung für die Kunst des 20. Jahrhunderts zu kommen.

Aber all das wussten Sie ja längst. Woher kommt der Umschwung in der Stiftung?

Wieso Umschwung? Wir haben auch zuvor gesagt, dass es verschiedene Varianten gibt, die Raumprobleme der Sammlungen zu lösen, doch ein Umzug der Alten Meister in einen Neubau am Kupfergraben scheint bei all den Bauaufgaben der Stiftung derzeit schwer vorstellbar. Die Weiterentwicklung der Berliner Museumslandschaft ist keine Sache von wenigen Jahren, sie braucht langfristig tragende Richtungsentscheidungen.

Aber in der Stiftung wird man vorher doch mal die Projekte durchgerechnet haben?

Erst mit der Bewilligung der zehn Millionen Euro durch den Haushaltsausschuss des Bundestags in 2012 war es möglich, Kosten und Zeitpläne fundierter zu ermitteln. Eine belastbare Variantenuntersuchung, wie wir sie in Auftrag gegeben haben, rechnet man nicht einfach schnell mal so durch, das sind umfangreiche Erhebungen mit beträchtlichem zeitlichen Aufwand.

Welchen Standort bevorzugen Sie für das Museum der Moderne?

In meinen Augen spricht eindeutig mehr für die Sigismundstraße. Mit den Fragen des Denkmalschutzes, also der Frage, was zwischen Mies van der Rohe und Scharoun überhaupt zulässig ist, mit den gesplitteten Eigentumsverhältnissen beim Grundstück und dem fehlenden Bebauungsplan sehe ich bei der Potsdamer Straße höhere Hürden. Eine Einfügung zwischen Nationalgalerie und Gemäldegalerie wirft dagegen weniger Fragen auf und erscheint organischer auch für das gesamte Kulturforum.

Gibt es eine Verbindung zwischen den Gebäuden?

All dies wird man im Vorfeld und bei der Planung noch abzuwägen haben. Bei Fragen wie diesen hat auch der Denkmalschutz eine gewichtige Stimme.

Allerdings ist mit diesem einen Bau das städtebauliche Chaos am Kulturforum nicht gelöst.

Das ist der Punkt. Ein einzelnes Gebäude, egal wo, wird das städtebauliche Problem des Kulturforums nicht lösen, aber ich bin sicher, dass mit einem neuen Bauvorhaben Schwung in die Sache kommt. Eines scheint mir klar: Mit einem Bau an der Potsdamer Straße würde man ganz anders in die städtebauliche Gesamtsituation eingreifen. Das wiederum setzt eine klare städtebauliche Vision voraus.

Wann wird der neue Intendant für das Berliner Schloss ernannt?

Das Humboldt-Forum soll 2019 eröffnet werden, also brauchen wir im nächsten Jahr jemanden, der mit der Programmgestaltung für das gesamte Haus beginnt. Aber mit einem Intendanten allein ist nicht viel getan. Er wird ein ganzes Team brauchen, damit wir eine Verknüpfung zwischen den Ausstellungs- und Wissenschaftsbereichen gestalten, Wechselausstellungen kuratieren und vielfältige Veranstaltungen auf allen Etagen anbieten können.

Bereitet es Ihnen Sorge, dass die Vorfreude über das Schloss in Berlin begrenzt ist?

Die Diskussion, was an diesem Platz passiert, ist von Anfang an kontrovers geführt worden. Ich glaube fest daran, dass der Inhalt des Hauses und seine Fassade – also die Wiederherstellung des städtebaulichen Kontextes – kein Widerspruch sind. Der Kern des Humboldt-Forums, also die Sammlungen, waren ja ursprünglich im Schloss. Das Spannende ist doch, dass es dabei trotz Schloss keine Nabelschau unserer eigenen Geschichte und Kultur sein wird. Im Zusammenspiel mit der Museumsinsel entsteht ein Ort, der neue Blicke auf die Welt eröffnen wird.

Diese Welt könnte, wer wollte, auch schon in Dahlem besichtigen.

Aber das Humboldt-Forum wird eben ganz anders werden. Nur ein Beispiel: Einer der Leitfäden für die künftige Darstellung der Objekte ist Multiperspektivität. Das heißt, dass wir verschiedene Sichtweisen anbieten werden, die vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte gerade auch die Perspektiven der Herkunftsgesellschaften der Objekte bieten muss, das können Sie in Dahlem so nicht sehen. Ferner wollen wir stets auch einen Bezug zur Gegenwart herstellen, auswärtige Künstler werden einzelne Räume kuratieren, und das Humboldt-Forum wird ja auch viel mehr als nur ein Museum.

Nach Dahlem kommen pro Jahr gerade einmal 120.000 Besucher. Was werden Sie besser machen, wenn die außereuropäischen Sammlungen in Mitte zu sehen sind?

In Dahlem ist immer noch in weiten Teilen eine Bespielung der 1960er und 70er Jahre zu sehen, das heißt: Seit der Eröffnung hat sich dort nicht sonderlich viel verändert. So etwas Statisches wird es im Humboldt-Forum nicht geben. Daher ist es für uns wichtig, dass die Präsentation stets veränderbar ist. Im Übrigen hat zum Beispiel das Pariser Musée du quai Branly für außereuropäische Kunst und Kultur enormen Zulauf.

Ein engagiertes Programm wird dann wohl auf ein eher touristisches Publikum treffen.

Das würde ich so nicht sagen. Klar ist aber, dass das Humboldt-Forum nur dann Erfolg haben wird, wenn es uns gelingt, ein sehr breit gefächertes Publikum mit recht unterschiedlichen Interessen und Voraussetzungen anzusprechen und zu begeistern. Das ist der große Auftrag, es muss ein Ort für alle werden, aber da bin ich ganz zuversichtlich.