Auf dem Plakat der „Scorpions“ lächeln dem Betrachter nicht nur die Musiker entgegen. Gerhard Kämpfe steht in ihrer Mitte. In seinem Büro an der Dorotheenstraße hängen mehrere solcher Plakate und jede Menge Schallplatten von Sängern wie Roland Kaiser und Georg Danzer. Der Mann ist beliebt bei den Künstlern.
Sponsoren pflegen
Gerhard Kämpfe und Mario Hempel sind die Organisatoren des Classic Open Air, das seit nunmehr 23 Jahren jeden Sommer über fünf Tage Tausende von Menschen an den Gendarmenmarkt lockt. Die Unwetterbilanz: Von 140 Konzerten versanken nur zwölf im Regen, etwa zehn wurden von einem Schauer überrascht. „Man muss das Beste daraus machen“, sagt Hempel und erzählt, wie die Leadsängerin der Supremes bei einem außerordentlichen Guss ihre überdachte Bühne verlassen hatte, weil sie das Publikum nicht alleine nass werden lassen wollte. Die Zuschauer fanden die Geste großartig, man applaudierte doppelt und johlte. Am besten bleiben immer die Dinge in Erinnerung, die nicht geklappt haben.
Hempel und Kämpfe gehören zu den erfolgreichsten Sommerkultur-Managern der Stadt. Nicht nur das Classic Open Air gedeiht unter ihrer Hand, sondern auch die Pyronale, ein riesiges Feuerwerksfestival, das seit 2006 immer freitags und samstags am ersten Septemberwochenende auf dem Maifeld stattfindet.
Geschäftsführer Hempel, ehemals Bassist und Sänger in der DDR, ist der Herr der Zahlen und zuständig für Marketing, Werbung und Sponsoring. Anders als im Sport sei es im Kulturbetrieb nicht so einfach, Sponsoren zu finden, sagt er. Und hat man sie erst einmal, muss man sie pflegen – so wie den Manager einer großen Autofirma, der nach einem Konzert der Scorpions zu seiner Lieblingsband in den Backstagebereich durfte. Das Festival am Gendarmenmarkt kostet 550.000 Euro, bevor auch nur ein Euro für das künstlerische Programm ausgegeben ist. Rund 300 Positionen stehen auf der Kostenliste. Wie behält man da den Überblick? Und wie bekommt man das Geld wieder rein? Hempel weiß es.
Musiker aufpäppeln
Der Festivaldirektor Gerhard Kämpfe – von der Öffentlichkeit als Mr. Classic Open Air wahrgenommen – ist gelernter Musikproduzent. Ein Mann, der weiß, wann noch ein weiteres Mikrofon gebraucht wird und der Sound nicht gut klingt. Ein Mann, der auch mal von heute auf morgen einen neuen Tenor auftreiben kann, wenn ein Interpret überraschend den Blinddarm rausbekommt. Kämpfe, der in den 70er-Jahren Schlagerstars wie Roland Kaiser und Bernhard Brink entdeckte, ist der Künstlerversteher. Er weiß, wie man sie wieder aufpäppelt, wenn die erste Nummer vielleicht mal nicht so toll lief wie sonst und wie wichtig es ist, dass die Schecks pünktlich kommen.
Viele junge Leute möchten heute „etwas mit Kultur“ machen. Inzwischen gibt es den Studiengang „Kulturmanagement“, in dem viele Dinge vermittelt werden, die man wissen sollte, wenn man in der Branche arbeiten will. Kämpfe arbeitet als Gastdozent an der Freien Universität Berlin. In seinen Veranstaltungen hat er nicht nur spannende Geschichten über Künstler auf Lager. Er vermittelt den Studenten auch, dass es so etwas wie eine Versammlungsstättenverordnung gibt, die Bibel aller Veranstalter. Wie sieht es beispielsweise mit den Fluchtwegen aus? Manchmal ändern sich die Gesetze, dann muss spontan nachgebessert werden. Ein Sponsor hatte einmal die Bühne mit Tausenden von bunten Papierblumen schmücken wollen, die Girlanden waren schon geliefert worden. Kommt die Bauaufsicht. Papierblumen? Um Himmels Willen, die können ja brennen! Also wieder runter mit dem Zeug. So entstehen Kosten, die schnell mal übersehen werden.
Wie das Classic Open Air am Gendarmenmarkt will auch das Monbijoutheater Hexenkessel ohne Subventionen auskommen. Etwa 100.000 Zuschauer besuchen die Spielstätte im Jahr, zu der im Winter auch die Märchenhütten auf dem benachbarten Bunker gehören. Christian Schulz, seit 15 Jahren Intendant und Leiter des Unternehmens, ist ein Quereinsteiger, wie die meisten in dieser Branche heutzutage. „Man wird Kulturmanager, weil es einen zwickt“, sagt der Schauspieler, „weil man in seiner Stadt etwas losmachen und Künstler, die man liebt, auf die Bühne bringen will.“ Als das Hexenkessel Hoftheater, das noch zu DDR-Zeiten im Prenzlauer Berg ansässig war, 2001 seine Spielstätte aufgeben musste, zog man in den Monbijoupark. „Damals war der Park noch verwildert“, erinnert sich der schmale 44-Jährige, „Wir waren bezaubert von diesem Ort gegenüber des Bodemuseums.“
Ausgleich zum Job finden
Inzwischen hat sich aus der Off-Location ein professioneller Betrieb mit großem Freundeskreis entwickelt: Ein Dramaturg war einmal der Assistent von Castorf, der Beleuchter hat lange im Deutschen Theater gearbeitet, viele Schauspieler kennt man von anderen größeren Bühnen in der Stadt. Netzwerken und die richtigen Leute um sich scharen – das sei unerlässlich, sagt Schulz. Inzwischen hat das Monbijoutheater rund 200 Mitarbeiter und finanziert sich ausschließlich über die Eintrittskarten und den Getränkeverkauf. Damit alles rund läuft, delegiert Schulz inzwischen die meisten Aufgaben an seine Mitarbeiter, doch stehen immer noch jeden Tag eine Reihe von Entscheidungen an. Wo soll investiert werden? Welche Stücke werden neu eingespielt? Welche wieder aufgenommen?
Im Dezember steht bereits fest, was im kommenden Sommer laufen soll. Der Job ist stressig, vor allem im Sommer, wenn das Wetter auch noch eine Rolle dabei spielt, ob die Vorstellungen gut laufen. Der Theatermacher empfiehlt jedem, der in diesem Bereich arbeiten möchte, Meditation und Sport zum Ausgleich fürs Gemüt.
In diesem Jahr feiert das Theater sein 20-jähriges Bestehen. Das Programm wird daher noch umfangreicher, das Amphitheater wird als Spielstätte nicht ausreichen. Aus diesem Grund soll das Theaterschiff wieder mobilisiert werden und an einer exponierten Stelle ankern. Schulz dachte da an den Lustgarten. Erlaubt ist das nicht wirklich. Natürlich gibt es unter den Entscheidern Leute, die das für eine blöde Idee halten. Der Antrag ist jedenfalls schon einmal geschrieben. „Das muss einfach klappen“, sagt der Mann, der reichlich Erfahrung damit hat, ungewöhnliche Kulturorte zu etablieren. Die beiden Märchenhütten auf dem Bunker im Monbijoupark gehören dazu. Seit acht Jahren werden sie nun schon an der Stelle geduldet. Was nicht verboten ist, könnte ja eventuell erlaubt sein. Christian Schulz spricht aus Erfahrung: „Je größer der Zuspruch der Zuschauer, desto wahrscheinlicher, dass die Genehmigung kommt.“
Den Geschmack der Zuschauer treffen
„Der Elvis-Abend geht immer“, sagt Britta Richter. Ansonsten sei der Geschmack der Spandauer ein wenig speziell. Und den gilt es zu treffen, denn nur ein volles Haus lässt die Einnahmen steigen. Bevor Britta Richter die Leitung der Freilichtbühne in Spandau übernommen hatte, waren die Zuschauer entweder jünger als zehn oder älter als 60 Jahre. „Das wollte ich ändern“, sagt die 37-jährige Kulturmanagerin. Also motzte sie das Programm auf: Mehr Comedy – das war eine Maßnahme.
Britta Richter ist von der anderen Seite in diese Branche hineingerutscht. An der Hochschule für Musik Hanns Eisler ließ sie sich zur Orchestermusikerin ausbilden. Doch viel lieber wollte sie unterrichten: Seit 15 Jahren bringt sie Kindern an der Musikschule bei, wie man Klarinette spielt. Irgendwann bot man ihr die Fachbereichsleitung an der Musikschule an. Seit sechs Jahren leitet sie die Freilichtbühne an der Zitadelle, seit einem Jahr ist sie außerdem stellvertretende Kunstamtsleiterin. Ob es darum ging, eine Moderation zu übernehmen, einen Theaterabend zu organisieren oder einen Liederabend: „Immer, wenn man jemanden gebraucht hat, wurde ich gefragt.“
Flexibel sein
Was kann man machen, wenn ein Techniker nicht kommt? Wenn das Wetter nicht mitspielt? „Ruhe bewahren, auch wenn mal was schief geht“, sagt die Spandauerin. „Außerdem muss man Verständnis haben für alle Menschen, die bei einer Vorstellung mitwirken – vom Künstler bis zum Hilfsarbeiter, der die die Bänke putzt.“
Was braucht es, wenn man ein guter Kulturmanager sein will? „Kopf, Herz und Schnauze“, sagt Mr. Classic Open Air Kämpfe. „Gut funktionierende Netzwerke und starke Nerven“, sagt Mario Hempel. Wer in diesem Job ohne Nervenzusammenbruch bestehen will, muss flexibel sein. Bloß keine Panik zeigen – das war auch die Devise bei besagtem Unwetter 2001. Der ausverkaufte Gendarmenmarkt musste evakuiert werden, 6000 Zuschauer. Nicht länger als achteinhalb Minuten hatte das Prozedere gedauert, erinnern sie sich – nicht ohne Stolz. „Block für Block, mit einer Polonaise.“





