Sie hat Architektur studiert und spricht vier Sprachen. Trotzdem hangelt sich Laura Veronese seit fünf Jahren von einem befristeten Job zum nächsten. Die 30-Jährige gehört zum guten Drittel junger Akademiker in Deutschland, die von einer sicheren, unbefristeten Beschäftigung nur träumen können – trotz gut laufender Konjunktur und Beschäftigungsbooms in Deutschland.
Als vor Jahren von der „Generation Praktikum“ die Rede war, wurde das als Übergangsproblem einer eher kleinen Gruppe von Hochschulabsolventen abgetan. Es ist inzwischen aber fast normal, dass Berufseinsteiger erst mal nur befristet in Arbeit kommen. Das gilt für fast jeden dritten jungen Akademiker in Deutschland (29 Prozent).
Die 30-Jährige gehört dazu. Als man ihr in ihrem letzten Arbeitsverhältnis zum dritten Mal eine Verlängerung anbot, lehnte sie ab – und stieg aus. „Man gibt alles in dieser Art von Beschäftigung“, sagt sie. „Man will zeigen, dass man gut genug ist für eine Festanstellung.“ Das mache Stress.
Doktoriat in Italien
Sie entschied sich, neue Wege zu gehen, meldete sich in Venedig an der Università IUAV zum Doktorat an und machte sich mit einem kleinen Unternehmen selbstständig. Urbab heißt ihr Baby. Hier kann sie ihr Wissen um die Berliner Landschaftsarchitektur mit ihren Sprachkenntnissen verbinden. Sie führt Touristen mit dem Rad zu den großstädtischen Brachflächen und eröffnet ihnen neue Perspektiven auf die Stadt. Das war nicht ihr Lebensentwurf. Ihre unsichere Arbeitssituation brachte sie dorthin.
Auch in anderen Bereichen sieht es nicht besser aus. An Hochschulen beispielsweise ist der wissenschaftliche Nachwuchs besonders von Zeitverträgen betroffen: Laut Statistischem Bundesamt hatten 80 Prozent der 25 bis 29 Jahre alten Akademiker, die 2011 an einer Universität, Akademie, Fach- oder Verwaltungshochschule beschäftigt waren, einen befristeten Vertrag.
Zeitvertrag als Chance?
Einer von ihnen ist Max Marwede. Der 32-jährige Diplom-Wirtschaftsphysiker arbeitet an einer Berliner Universität im Forschungsbereich.
Zwei Jahre ist er schon dabei, gerade wurde sein Zeitvertrag um ein weiteres Jahr verlängert. „Wir müssen uns unsere Stellen selber finanzieren“, erzählt er. „Wir akquirieren unsere Forschungsprojekte.“ Heißt: Das Team akquiriert Drittmittel fürs gesamte Team, gibt es Geld, werden die Verträge verlängert. „Manche Mitarbeiter arbeiten so schon seit 20 Jahren“, sagt Max Marwede. Selbst 50-Jährige mit Familie säßen mit im Boot. Ihn selber strengt die Planungsunsicherheit an. „Wir erfahren meist erst ein oder zwei Monate vor Vertragsende, ob es eine Verlängerung gibt“, sagt er. Obwohl sein Abteilungsleiter sich schon sehr dafür einsetze, seine Leute zu halten. Doch in seinem Bereich gebe es eben keine Planstellen.
Planungsunsicherheit ist auch bei Laura Veronese das Argument gegen Zeitverträge. Sie kann dem befristeten Arbeitsverhältnis, im Gegensatz zu Max Marwede, noch eine positive Seite abgewinnen. „Ich habe einen zeitlich begrenzten Vertrag auch als Chance angesehen, das Unternehmen kennenzulernen und mich nicht gleich so lange binden zu müssen.“ Damals sei sie aber auch noch jünger gewesen. Jetzt würde sie schon mehr auf Sicherheiten achten und eine Festanstellung bevorzugen. Zumal sie auch erfahren musste, dass sie erheblich schlechter bezahlt wurde als ihre festangestellten Kollegen.
Weniger Gehalt
Das gewerkschaftsnahe Tarifarchiv des WSI (Wirtschafts- und Sozialinstitut) fand bei 4300 Befragten heraus, dass 34 Prozent der Jung-Akademiker mit bis zu einem Jahr Berufserfahrung einen Zeitvertrag bekommen hatten, was sich auch beim Gehalt bemerkbar macht: Mit im Schnitt 2940 Euro monatlich hinken die Betroffenen beim Einkommen den unbefristet beschäftigten Kollegen um etwa ein Fünftel hinterher.
Für Reinhard Bispinck, Tarifexperte beim WSI, ist die Entwicklung besorgniserregend. „Wenn bis zu 80 Prozent der Hochschulabsolventen als Einstieg nur einen befristeten Arbeitsvertrag bekommen, dann ist das ein Alarmzeichen. Die Politik ist dringend aufgefordert, die Spielräume für die Befristung von Arbeitsverträgen einzuschränken. Und die öffentlichen Arbeitgeber selber sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen.“
Befristete Beschäftigung und Praktikum gehen oft Hand in Hand. Auch Laura Veronese lernte ihr Architekturbüro über ein Praktikum kennen. Nach Ablauf wurde ihr ein Zeitvertrag angeboten, dann noch einer – bis es ihr dann reichte. Kritiker sehen in diesem Prozedere eine trickreiche Verlängerung der Probezeit – zulasten der Betroffenen. Die beträgt bei einer Festanstellung üblicherweise sechs Monate. Gewerkschafter sprechen vom „Abbau des Kündigungsschutzes durch die Hintertür“.
Verlängerung der Laufzeit
Zeitverträge haben nach Meinung der Experten nur eine Berechtigung, wenn ein Sachgrund vorliegt, wie bei Schwangerschaft, Elternzeit- oder Krankheitsvertretung. Nur hier ist von einer „Befristung mit Sachgrund“ die Rede. Arbeitgeber weichen bei Ersteinstellungen nach Meinung von Kritikern aber immer häufiger ohne konkrete Begründung auf Verträge auf Zeit aus.
Solche sachgrundlose Befristung bei ein und demselben Arbeitgeber darf höchstens für zwei Jahre vereinbart werden. Verträge mit kürzerer Laufzeit können dreimal verlängert werden, bis die zwei Jahre ausgeschöpft sind. 1996 machte die Regierung unter Helmut Kohl (CDU) auch Befristungs-Ketten möglich, was aber von Rot-Grün 2001 mit dem Teilzeit- und Befristungsgesetz wieder revidiert wurde. Viele Firmen nutzen offenbar die gesetzlich erlaubten zwei Jahre und lassen Neulinge vor der Übernahme regelrecht zappeln.
Für Gewerkschaften ist jedoch klar: „Sachgrundlose Befristungen gehören abgeschafft“, sagt Annelie Buntenbach, im DGB-Bundesvorstand für den Arbeitsmarkt zuständig. „Sie führen dazu, dass Beschäftigte keine Chance haben, sich eine halbwegs sichere Perspektive für Beruf, Familie und Kinder aufzubauen. Das gilt sogar für den Wohnort, denn man weiß nie, wo man als nächstes landet.“ Nur die Arbeitgeber haben eine andere Sicht der Dinge. Eine „Generation Befristung“ gibt es nicht“, heißt es beim Arbeitgeberverband BDA.
Blick in die Zukunft
Max Marwede, der gerade seine Doktorarbeit abgegeben hat, wegen der er eine Zeit lang nur zu 60 Prozent beschäftigt war, arbeitet wieder Vollzeit an der Uni. Wie es im kommenden Jahr, wenn sein Vertrag ausläuft, für ihn weitergehen soll, weiß er noch nicht. Er kann sich jedoch schwer vorstellen, sich weiter von Zeitvertrag zu Zeitvertrag zu hangeln wie einige seiner Kollegen. Langfristig strebt er nach mehr Sicherheit.
Laura Veronese führt derweilen ihre Touristen durch die Stadt, stemmt als Freelancer kleinere Projekte in diversen Architekturbüros, schreibt an ihrer Doktorarbeit und verschickt Initiativbewerbungen. Für sie tut sich jedoch gerade ein kleiner Streifen am Horizont auf. Eine ihrer Bewerbungen fiel auf fruchtbaren Boden und sie bekommt einen Vertrag angeboten. Ob befristet oder unbefristet – das alleine weiß sie noch nicht.
mit dpa





