Start-up

App-solut historisch: Zeitzeugen teilen ihre Erinnerungen

Der Forscher Max von Grafenstein und seine Mitarbeiter verwirklichen die Mauerschau-App. Hier berichten Zeitzeugen an Originalschauplätzen über das Leben mit und das Überwinden der Mauer

Foto: Mauerschau Medienproduktion

Nichts erinnert mehr an die Flucht von Monika Schallert. Das Haus, von dem aus ihr 1961 das „Rübermachen“ gelang, reiht sich ein in die Häuserzeile der Bernauer Straße. Auch den Tunnel, durch den drei Jahre später 57 Menschen in den Westen flüchteten, kennen die meisten nur aus Geschichtsbüchern.

Doch der damals 20 Jahre alte Winfried Schweitzer, der als junger Student den Tunnel mitbaute, lässt die Geschichte am Originalschauplatz wieder Gestalt annehmen. Monika Schallert und Winfried Schweitzer sind nur zwei von vielen Zeitzeugen, die ihre Mauergeschichten an Originalschauplätzen wieder lebendig werden lassen.

Ins Visier nimmt sie dabei Max von Grafenstein, geboren vor 34 Jahren in München und zurzeit des Mauerfalls irgendwo – nur nicht in Berlin. „Als ich endlich hier war, hatte sich der aufgewirbelte Staub der Wendezeit schon wieder gelegt.“ Das täte ihm heute noch leid, beteuert der junge Mann, dem der Mut zur Lücke nicht in die Wiege gelegt wurde. Diese Erfahrungslücke musste gefüllt werden. Und so kam ihm die Idee mit der Zeitzeugen-App.

Tor in die Vergangenheit

Mauerschau heißt die App, durch die Zeitzeugengeschichten zum Bau und Fall der Berliner Mauer an den Orten des Geschehens nacherlebt werden können. Ein Tablet oder das Smartphone sind das Tor in die Vergangenheit, die User folgen mit Blick und Schritt der Kamera und erleben Vergangenes auf dem Terrain der Gegenwart. „Die Idee hat mich fasziniert“, sagt Max von Grafenstein. „Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass die Umsetzung so aufwendig ist.“

Denn neben den Zeitzeugenfilmen bietet die App auch eine Datenbank mit historischen Fotos und Videos, die an geschichtsträchtigen Orten der Stadt über oder neben das aktuelle Bild gelegt werden können. „Die Klärung der Urheberrechte war schwierig und hat sehr viel Zeit gekostet“, erläutert Max von Grafenstein. „Es war leichter die Zeitzeugenvideos zu drehen, als Archivfotos -und videos zu besorgen.“ Dankbar ist er dem Defa-Archiv, Transitfilm und der Deutschen Wochenschau, die sich „wirklich auf mein Projekt eingelassen haben“. Hier haben er und die Regisseure des Teams wochenlang gesessen, recherchiert, Fotos gesichtet und zugeordnet.

Beruflich gut aufgestellt

Beruflich ist Max von Grafenstein auf die Aufgabe, sein Start-up zum Erfolg zu führen, gut vorbereitet: Abgeschlossenes Jura-Studium, abgeschlossenes Filmstudium, Schwerpunkt Filmproduktion, sowie Tätigkeiten in der Rechtsabteilung verschiedener Medienhäuser, wie dem Bayrischen Rundfunk und der Ufa. Zurzeit ist er Doktorand für „Internetbasierte Innovation und Entrepreneurship“ am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG).

Hier baut er im Rahmen der Forschungsgruppe Internet Entrepreneurship Startup-Clinics auf, in denen junge Unternehmen aus der Internetbranche ihre Geschäftsmodelle unter rechtlichen, wirtschaftlichen und personellen Gesichtspunkten analysieren und weiterentwickeln können. Nebenher berät er junge Unternehmen auf den Gebieten des Urheber-, Film-, Medien-, Datenschutz- und Internettechnologierechts.

„Als Jurist war ich von Innovationen zu weit weg, deswegen bin ich meiner Filmleidenschaft nachgegangen und habe noch ein Filmstudium aufgesattelt. Ich wollte hochwertige Filme fürs Internet produzieren“, beschreibt er seinen Werdegang. Keine Dokumentarfilme sollten es sein, sondern Location based Storys über das kulturelle Leben in Berlin, beispielsweise.

Mit dieser Idee kam er 2011 in die Hauptstadt. „Da stand ich dann an der Gedenktafel an der Bernauer Straße und stellte mir vor, wie die Leute hier auf der Mauer getanzt haben und wie toll es wäre, wenn ich jetzt einfach mein Smartphone zücken könnte, um es mir anzuschauen.“ Er grinst und sagt: „Jetzt weiß ich auch, dass sie am Brandenburger Tor getanzt haben.“

Finanzierung des Unternehmens

Mittlerweile sind drei Jahre ins Land gezogen. Sein Start-up ist am Markt und er arbeitet am HIGG. Eine optimale Situation, findet der Wahlberliner. „Hier kann ich als Forscher herausfinden wie es mit den neuen Medien funktioniert. Und gleichzeitig mein Start-up und meine Mitarbeiter finanzieren.“ Denn der Jungunternehmer hat weder eine Crowdfunding-Kampagne gestartet noch Geldspritzen von Investoren eingetrieben.

Nur die Förderung vom Medienboard Berlin-Brandenburg hat er im März 2013 als Starthilfe in Anspruch genommen, sodass er sein Start-up im August bereits launchen konnte. „Ich setze ganz auf Querfinanzierung“, sagt er. Die garantiere ihm seine Unabhängigkeit, gerade in Entscheidungsfragen, die sein Unternehmen betreffen. Hinzu kommen noch die Einnahmen, die er durch den Verkauf der App hat. Erst einmal ist diese kostenlos, die einzelnen Touren müssen hinzu gekauft werden, zwischen 89 Cent und 2,69 Euro kosten sie.

Arbeiten im Team

Allein ist die Arbeit, die hinter seiner Mauerschau-App steht, natürlich nicht zu schaffen. Zur Seite stehen ihm ein Entwickler, zwei Filmemacher, die die Zeitzeugenvideos drehen, eine Mitarbeiterin für die Hintergrundrecherche und die Texte, eine Grafikerin und eine Marketingberaterin. „Ich hatte die Visionen, habe das Konzept geschrieben und bin als kreativer Produzent tätig. Heißt, ich sorge dafür, dass die einzelnen Gewerke zum Schluss die gleiche inhaltliche Message rüberbringen.“

Für sein berufliches Ziel wird er seine Mitstreiter noch lange bei der Stange halten müssen. Er kann sich seine Zeitzeugen-App auch an anderen historisch wichtigen Orten vorstellen. „Ich möchte das größte virtuelle Museum der Welt werden.“ Doch bevor es auf die große Reise geht, muss sich seine Idee erst einmal vor Ort behaupten. Mit Menschen wie Monika Schallert, Winfried Schweitzer und Holger Klein, drei Zeitzeugen von vielen, die den Umbruch erlebt haben.