Wenn Kathinka Marcks beginnt, eine Geschichte zu erzählen, dann glänzen ihre Augen. Immer wieder schweift ihr Blick in die Ferne, während sie redet. Die Fantasiewelt, von der die 27-Jährige berichtet, scheint sich in bewegten Bildern vor ihr zu entfalten. Wenn sie erzählt, liegt kein Buch in ihrem Schoß, aus dem sie vorliest. „Ich bin keine Märchentante“, betont sie und wackelt mit dem Zeigefinger.

Kathinka Marcks ist hauptberuflich Erzählerin. In Grundschulen, Kindergärten und auf privaten Veranstaltungen begeistert sie Kinder mit einer vielfältigen Sammlung an abenteuerlichen Geschichten und Fabeln, allesamt von ihr erfunden oder mit ihrer ganz persönlichen Note versehen.

Ihre Stimme ist dabei ruhig, sie betont mit Bedacht und benutzt ihre Hände, um die Welt zu beschreiben, in der sich ihre Figuren bewegen. Wenn ein Löwe darin auftaucht, senkt sie ihre Stimme, starrt ihre Zuhörer an und wackelt ein wenig mit dem Kopf. Mit ihren langen Rastalocken wirkt sie dann selbst wie der König des Dschungels, der seine mächtige Mähne schüttelt. Jedes genau beschriebene Detail, vom Wetter bis zu Geräuschen aus der Umgebung, dient ihren Zuhörern dazu, weiter in diese Welt einzutauchen.

Atmosphäre aufbauen

Sie sollen den kühlen Regen auf der Haut spüren und das hohle Klopfen des Spechts vernehmen, wenn der Vogel mit seinem Schnabel gegen den Baumstamm schlägt. Ein gewisses „Heimatgefühl“ solle entstehen, erläutert sie. Man müsse sich beim Zuhören mit der Umgebung vertraut machen und gerne wieder dorthin zurückkehren wollen.

Darum lässt sie sich bei ihren Auftritten mitunter von Instrumenten musikalisch begleiten, mit einer Geige oder einer Trommel zum Beispiel. „Sie helfen mir dabei, Atmosphäre aufzubauen und eine Geschichte ausklingen zu lassen.“ Wenn das Instrument fehlt, fange sie manchmal selbst an zu singen.

Kathinka Marcks wurde in der Nähe von Hannover geboren. In ihrer Kindheit kam sie durch Brieffreundschaften und ihr Tagebuch mit dem Erzählen in Berührung. Sie sei jedoch schon immer eine gute Zuhörerin gewesen. In ihrer Familie finden sich viele Künstler: Die Mutter ist Ausdruckstänzerin und Lehrerin, der Urgroßvater war der berühmte Bildhauer und Grafiker Gerhard Marcks. In Freiburg studierte sie Französisch, Medienwissenschaften und Kunstgeschichte.

Studium in London

Sie begann Freude zu haben beim Erzählen, vor allem durch den direkten Kontakt mit den Menschen. Also ging sie nach London, wo sie sich an der International School of Storytelling zur Erzählerin ausbilden ließ. Heute wird sie gebucht, um Orte, Figuren und Handlungen aus dem Stegreif zu erschaffen. Erzählt man Geschichten für Kinder, sollte man ihnen, so die Geschichtenerzählerin, genügend Freiraum bieten, um eigene Ideen einzubringen.

„Kinder wollen miterzählen, Erwachsene muss man eher animieren“, sagt sie. Während ein älteres Publikum ein offenes oder trauriges Ende zu schätzen wisse, käme das bei den Jüngeren nicht so gut an. „Kinder brauchen ein rundes und glückliches Ende.“ Das sei noch ein Relikt aus der Zeit, in der Märchen entstanden.

Diese erzählt Marcks immer noch gerne, genauso wie Fabeln und Volksgeschichten. Nur eben nicht so, wie sie niedergeschrieben wurden, sondern frei. Etwa 50 Geschichten, schätzt die Erzählerin, habe sie in den letzten Jahren aus dem Stegreif vorgetragen.

Persönliche Bilder

Diese Erzählungen seien Bilder aus ihrem Inneren, sehr persönlich und sie drehen sich fast immer um ein Problem, das am Ende gelöst wird. Eine große Sorge bereitet der Erzählerin, dass das Geschichten erfinden bei steigendem Medienkonsum verloren gehen könnte. „Kinder müssen lernen, ihren eigenen Bildern zu trauen“, mahnt sie.

Für den Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE) zählt das Erzählen und Vorlesen von Geschichten zu einem wesentlichen Baustein der Erziehung. „Kinder, die von klein auf mit Geschichten aufwachsen, kommen in der Schule besser mit“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Michael Gomolzig. Es helfe Kindern, den Inhalt von Texten zu erfassen, ihn zu verstehen sowie darüber reflektieren und reden zu können.

Die besten Geschichten, so findet Marcks, entstünden aus dem Kontakt mit dem jungen Publikum heraus. Da sei Spontaneität vom Erzähler gefragt. Ein Vogel, der am Fenster vorbei fliegt und von den Kindern bemerkt wird, kann so kurzerhand ein Teil der Geschichte werden. Und nicht zu unterschätzen sei, wie sehr Zuhörer jeden Alters einen Sinn für Humor begrüßen.

Beim Erzählen lacht Kathinka Marcks immer wieder. Ob sie sich gerade über eine unerwartete Wendung in der Geschichte amüsiert, oder eine Reaktion des Publikums provoziert – ansteckend ist es immer.