Chefs suchen Azubis

Die Ansprüche der Lehrlinge steigen

Angehende Hotelfachleute und Köche haben derzeit gute Chancen einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Aber viele brechen ihre Lehre ab. Schichtdienst und ein schlechtes Betriebsklima schrecken ab

Foto: Christian Kielmann

Den ganzen Tag war Isabell Bismark im Hotel unterwegs, hat den Gästen Frühstück oder Willkommensgrüße auf das Zimmer gebracht, pausenlos in Bewegung, immerfort freundlich, unentwegt lächelnd. Trotzdem spricht die 20-jährige Berlinerin nach Dienstende von ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau so begeistert, als könne sie den nächsten Morgen kaum erwarten: „Es ist eine wahnsinnig abwechslungsreiche Arbeit, ich bin ständig in Kontakt mit Menschen und weiß nie, was der Tag bringt.“

Im Gastgewerbe sind Auszubildende wie Bismark derzeit heiß begehrt. Denn dort bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt, weil es an Interessenten fehlt. Nur Ausbildungsberufe wie Gebäudereiniger, Klempner, Fleischer, Koch und Bäcker sind noch unbeliebter.

Allein im vergangenen Jahr blieben insgesamt 33.500 Ausbildungsplätze unbesetzt. Betroffen sind davon vor allem kleinere Betriebe, die für Schulabgänger offenbar weniger attraktiv wirken und zudem kaum Geld haben, auf sich aufmerksam zu machen.

Anwerben von Nachwuchs

Dass Unternehmen so große Probleme mit der Rekrutierung von Nachwuchs haben, liegt zunächst an der demografischen Entwicklung. So ist die Zahl der Schulabgänger gesunken, gleichzeitig zieht es mehr als die Hälfte von ihnen inzwischen an die Hochschulen.

Gerd Woweries von der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) sieht in einigen Branchen aber auch hausgemachte Ursachen für den Mangel an Nachwuchs: „Im Gastronomie- und Hotelgewerbe ist zum Teil versäumt worden, Auszubildenden bessere Bedingungen zu bieten, etwa mit Blick auf die Arbeitszeiten.“

Dem Nachwuchsmangel begegnen einige Berliner Unternehmen mit immer mehr Anreizen und bieten etwa Willkommensprämien wie Tablets. Woweries empfiehlt indes, die Ausbildung attraktiver zu gestalten, etwa mit obligatorischen Auslandsaufenthalten oder Projekten, die Lehrlinge in eigener Verantwortung betreuen.

Ausbildung beim Chef

Wie schwierig es ist, geeignete Lehrlinge zu finden, hat Matthias Schmidt im vergangenen Jahr erfahren. Er ist Geschäftsführer der Geyer Edelstahl GmbH, seine zwanzig Mitarbeiter stellen Edelstahlmöbel für Großküchen und Restaurants her, außerdem Spielplatzrutschen und Bootszubehör.

Den Betrieb gibt es seit 1947, typischer Berliner Mittelstand. Weil sich in den nächsten Jahren etliche Mitarbeiter in den Ruhestand verabschieden, will Schmidt den Nachwuchs selbst ausbilden. „Es ist ansonsten sehr schwer“, sagt Schmidt, „an gute Leute zu kommen.“

Den Ausbilder ließ er einen kleinen Test zusammenstellen, der die Auswahl der Bewerber erleichtern sollte. „Ein paar Rechenaufgaben und ein bisschen Geometrie, alles in allem recht simpel“, sagt er. Doch von den 15 Bewerbern hat schließlich nur ein Einziger den Test bestanden. „Den konnten wir allerdings nicht übernehmen, weil er gleich gesagt hat, dass er nach der Ausbildung studieren will“.

Schwierige Suche

So fand Schmidt für sein Unternehmen keinen Lehrling, dabei sei die angebotene Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker vielseitig einsetzbar, die anschließende Übernahme in ein Arbeitsverhältnis nahezu gewiss.

Die Klage über unqualifizierte Bewerber heben viele Ausbildungsbetriebe jedes Jahr aufs Neue an, verbunden mit dem Ruf nach besserer Schulbildung. Auch Matthias Schmidt sieht die Schulen und mit ihnen die Eltern in der Pflicht, Jugendliche besser auf das Berufsleben vorzubereiten.


IHK- Ausbildungsexperte Gerd Woweries sagt, dass für viele Berliner Unternehmen schlechte Leistungen in der Schule nicht mehr ausschlaggebend seien: „Die Ausbildungsbetriebe erwarten dann aber zumindest soziale Kompetenzen wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Und sie erwarten junge Leute, die wirklich lernen wollen.“

Widerspruch vom DGB

Christin Richter befasst sich für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) mit dem Ausbildungsmarkt in Berlin und Brandenburg. Den Unmut über die vermeintlich schlechte Bildung der Schulabgänger will sie nicht teilen: „Davon ist nicht viel zu halten, die Jugendlichen sind in den vergangenen Jahren ja nicht dümmer geworden“.

Stattdessen seien die Ansprüche gewachsen, „die Unternehmen wurden lange verwöhnt, vor zehn Jahren konnten sie sich unter vielen Bewerbern noch die Rosinen auspicken“, sagt sie. Defizite sieht Richter stattdessen bei den Firmen selbst, die immer weniger Arbeit mit ihren Auszubildenden haben wollen und denen es oft an fähigen Ausbildern fehlt, die das notwendige Know-how an ihre Lehrlinge weitergeben könnten.

Im vergangenen Jahr hat der DGB in Berlin und Brandenburg 1600 Lehrlingen befragt und die Ergebnisse zu einem Ausbildungsreport zusammengefasst – mit durchwachsenen Ergebnissen. Zwar sind etwa 75 Prozent der Jugendlichen alles in allem zufrieden mit ihrer Ausbildung, ein Viertel aber wird regelmäßig zu Überstunden verdonnert und muss an mehr als fünf Tagen in der Woche arbeiten.

Berufsschulstunden nacharbeiten?

Einige sind sogar verpflichtet, die Pflichtstunden in der Berufsschule im Betrieb nachzuarbeiten – und das bei einer Monatsvergütung, die für etwa vierzig Prozent der Azubis unter 500 Euro liegt. Zu den Berufen mit den ungünstigsten Ausbildungsbedingungen zählt der DGB die Gesundheitsberufe, Friseure, Köche, Berufe in der Sicherheitsbranche sowie in Gastronomie- und Hotelgewerbe.

Isabell Bismark ist mit ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau zufrieden; sie hat einen Ausbildungsplan, durchläuft vom Pagen bis zur Rezeption alle Servicebereiche ihres Hauses und lernt so, wie sie sagt, die Institution Hotel am besten kennen. „Ich weiß natürlich, dass dieser Beruf nicht für jedermann geeignet ist“, sagt sie.

Als sie ihre Ausbildung vor anderthalb Jahren begann, seien sie in ihrem Jahrgang insgesamt acht Lehrlinge gewesen, vier von ihnen hätten inzwischen aufgegeben. „Wahrscheinlich haben sie die Schichtdienste und die körperlich anstrengende Arbeit nicht verkraftet“, sagt Bismark.

Ihre Erfahrungen decken sich mit den Zahlen des Berufsbildungsberichtes der Bundesregierung, wonach im Hotel- und Gastronomiegewerbe etwa jede zweite Ausbildung nicht beendet wird. Fasst man die abgebrochenen Ausbildungen für alle Branchen zusammen, liegt der Anteil bei etwa einem Viertel.

Schlecht vorbereitet in die Ausbildung

Auszubildende mit niedrigen Schulabschlüssen geben dabei häufiger auf als andere. Die Hälfte der Abbrecher begründet diesen Schritt damit, dass die Ausbildung „nicht das Richtige“ gewesen sei.

Auch im Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftbundes hat ein Fünftel der Befragten eingeräumt, die begonnene Ausbildung sei eigentlich nicht der Wunschberuf. „Das zeigt, wie wichtig schon in der Schule Aufklärung ist“, sagt Christine Richter. „Von den etwa 300 Ausbildungsberufen in Deutschland kennen die meisten nur eine Handvoll“.

Zudem seien Männer und Frauen noch immer auf ein bestimmtes Rollenbild fixiert, nicht nur auf Seiten der Bewerber: „Junge Frauen stehen noch immer unter Schwangerschaftsverdacht und können in vielen Berufen deshalb nicht Fuß fassen“.

Frauen sind Selbstläufer

Auch Gerd Woweries von der Berliner IHK rät Unternehmen, männlich dominierte Berufe stärker für Frauen zu öffnen, bislang gebe es hier noch zu wenig Fortschritte: „Dabei sind Frauen quasi Selbstläufer, weil sie häufig bessere Leistungen abliefern und der Mischung im Betrieb gut tun.“

An eine eigene Familie denkt Isabell Bismark noch nicht, eine Zukunft als Hotelfachfrau will sie sich dennoch nicht so recht vorstellen: „Ich habe mich nach dem Abitur entschieden, zunächst einen praktischen Beruf zu erlernen und Erfahrungen zu sammeln.“ Nach der Ausbildung, sagt sie, wolle sie aber erst mal studieren.