Sie ist das Highlight in der Polizeiausbildung – die Tatortstraße in Spandau. 85 Meter lang und reichlich bunt: Hier gibt es nicht nur Kellerverschläge und eine Gartenlaube, sondern auch den Tante-Emma-Laden „Lebensmittel“ und das nach dem berühmten TV-Kommissar benannte „Café Schimanski“. Jeder der Schauplätze wurde eigens für die Auszubildenden geschaffen und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, damit alles so echt wie möglich wirkt. Und an jedem dieser Schauplätze finden täglich fiktive Verbrechen statt, die Polizeischüler aufklären müssen.

An diesem Morgen besucht die 20 Jahre alte Laura K. die Tatortstraße, die 2006 in der Polizeischule gebaut wurde. K. hat ihre Ausbildung zur Polizeimeisterin schon abgeschlossen, aber zu Fortbildungszwecken kommen auch berufstätige Polizisten regelmäßig hierher. Mit Handschuhen, Pinsel und Rußpulver sichert sie Fingerabdrücke an einer Glasscheibe. Später wird sie mit Mundschutz und Wattestäbchen DNA-Spuren aus einer Blutlache aufnehmen, dann auf dem Boden verteilte Schmuckkästchen fotografieren. „Die Arbeit bei der Polizei ist vielfältig, und deshalb macht sie so viel Spaß“, sagt K.

Inzwischen arbeitet die junge Frau bei der Bereitschaftspolizei, kommt bei Fußballspielen und großen Demonstrationen zum Einsatz. Das Risiko, in brenzlige Situationen zu geraten oder gar verletzt zu werden, gehört für sie zum Berufsalltag. Deshalb möchte sie auch nicht ihren vollen Namen in der Zeitung lesen. Polizistin wollte sie trotz aller Gefahren schon seit Kindheitstagen werden. „Das stand für mich immer fest“, sagt K. Als Schülerin machte sie Praktika bei der Polizei. Später, so sagt sie, möchte sie vielleicht mal als Hundeführerin oder in der Jugendarbeit tätig sein.

Feingefühl beim Umgang mit den Opfern gefragt

Die Spuren, die Laura K. an diesem Morgen sichert, stammen alle von einer Person: Patrizia Bamberger ist Kriminalhauptkommissarin und leitet die Tatortstraße. Die 48-Jährige denkt sich die Szenarien aus, die die Polizeischüler bearbeiten müssen. Sie hebelt Türen auf, entleert Schubladen, zerbricht Fensterscheiben und verteilt Theaterblut. „Es dreht sich alles um die Spuren, die der Täter hinterlässt. Die Schüler müssen ein Feingefühl dafür bekommen“, sagt Kriminalhauptkommissarin Bamberger. „Sie müssen sich in den Täter hineinversetzen und beispielsweise fragen, was er wo angefasst haben könnte.“

Doch müssen sich die Polizeischüler nicht nur in die Täter, sondern auch in die Opfer hineinversetzen und letzteren Verständnis entgegenbringen. Um das zu üben, schlüpft Bamberger in die Rolle des betroffenen Mieters oder Eigentümers. Kommt der Polizeischüler am Tatort an, spielt sie das aufgebrachte Einbruchsopfer, fuchtelt herum und schreit, dass dieser oder jener Gegenstand vorher an einer anderen Stelle gestanden hat. „Ich versuche die Opfer zu beruhigen und ihnen die einzelnen Schritte unserer Kollegen zu erklären“, sagt Laura K. „Gleichzeitig muss ich mitdenken, wie realistisch das ist, was das Opfer erzählt. Wenn jemand sagt, dass ihm fünf Fernseher gestohlen wurden, muss das nicht unbedingt stimmen.“

Laura K. hat die Ausbildung für den mittleren Dienst der Schutzpolizei absolviert. Sie dauert zweieinhalb Jahre und umfasst Theorie sowie Praxis. Die Polizeischüler lernen unter anderem Rechtskunde, Computer- und Funktechnik, Schießen, Eigensicherung, Festnahmen und die Tatortarbeit mit Spurensicherung in der Tatortstraße. Die Ausbildung für den gehobenen Dienst der Schutz- und Kriminalpolizei sieht indes ein dreijähriges Studium vor, in dem unter anderem Kriminalistik und Kriminaltechniken gelehrt werden.

Berliner Polizei leidet unter Nachwuchsproblemen

Zurzeit hat die Berliner Polizei allerdings Probleme mit dem Nachwuchs. Im vergangenen Jahr haben sich deutlich weniger Männer und Frauen für die Polizeiausbildung beworben als in den Vorjahren. Die Lücke erscheint umso größer, als die Behörde aufgrund von Pensionierungswellen immer mehr Auszubildende einstellt. Allein für Herbst 2014 ist ein Einstellungs-Plus von einem Drittel vorgesehen. Für den mittleren Dienst der Schutzpolizei werden 264 Auszubildende, für den gehobenen Dienst der Schutzpolizei 120 und für den gehobenen Dienst der Kriminalpolizei 60 Auszubildende/Studierende eingestellt.

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Die Bewerber sind nach Angaben von Polizeisprecher Stefan Redlich auch immer weniger geeignet. Die Einstellungsvoraussetzungen blieben aber nach wie vor hoch. Die Bewerber müssen unter anderem einen Test absolvieren, bei dem ihre Intelligenz, Persönlichkeit und Sportlichkeit geprüft wird. Mit dem Ergebnis, dass von 15 Bewerbern im Durschnitt nur einer genommen wird.