Ärztemangel

Brandenburg fehlt es akut an Haus- und Fachärzten

Das Bundesland hat die älteste Bevölkerung Deutschlands, doch Ärzte sind Mangelware. Das führt in manchen Orten zu skurrilen Situationen.

Foto: Thomas Kienzle / dapd

In Brandenburg fehlen derzeit 120 Hausärzte und mindestens zwölf Spezialisten. Gesucht werden auch Hautärzte, Augenärzte und Kinderärzte. Besonders dramatisch ist die Situation in den berlinfernen Regionen. „Doch auch im Speckgürtel um Berlin droht mittelfristig ein Ärztemangel“, sagt der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Hans-Joachim Helming.

Auch dort werde die Bevölkerung älter, Ärztenachwuchs werde daher bald auch um Berlin herum dringend benötigt. „Brandenburg hat nachweislich die älteste Bevölkerung in der gesamten Bundesrepublik – und im Alter sind die Menschen krankheitsanfälliger und leiden stärker unter chronischen Erkrankungen“, sagt Helming.

Lange Schlangen vor der Praxis

Augenärzte sind deshalb besonders gefragt. In Rathenow im Kreis Havelland bildete sich diese Woche eine lange Schlange auf dem Gehsteig. Dort hatte eine mehrere Monate verwaiste Augenarztpraxis an der Paracelsusstraße neu eröffnet.

Die ersten Patienten waren schon gegen 6 Uhr morgens gekommen. Bald standen bis zu 250 Menschen an. Sie alle wollten nur eins: einen Termin bei der Augenärztin. Mit einem solchen Ansturm hatte aber selbst die „Neue“, Renate Mellentien, kaum gerechnet. „Wir haben zehn Stunden durchgearbeitet“, sagt die Augenärztin.

Mit nunmehr wieder drei Augenarztpraxen ist Rathenow nicht einmal „unterversorgt“. Im Havelland praktizieren derzeit neun der 175 Augenärzte im Land Brandenburg – ein Mediziner mehr als die derzeit geltende Bedarfsplanung von 1993 vorsieht. Diese Planung wird in Brandenburg wie auch in Berlin bald verändert. „Bis zum Sommer muss das neue Konzept stehen“, sagt KV-Vorsitzender Helming.

Im Januar trat das neue bundesweite Versorgungsstrukturgesetz in Kraft. Es ermöglicht, den sogenannten Demografiefaktor in die Berechnungen mit einzubeziehen. „Bislang errechnet sich der Bedarf aus der Einwohnerzahl der zu versorgenden Regionen, die den Landkreisen entsprechen“, sagt Helmig. „Künftig werden diese Gebiete nicht nur kleiner gefasst, es wird auch das Alter der Bevölkerung berücksichtigt.“

„Man kann sich Ärzte auf dem Land nicht aus den Rippen schneiden“

Die Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung als Vertretung der niedergelassenen Ärzte wollen die neue Bedarfsplanung bis Mitte des Jahres erarbeiten. Dann soll die Struktur stehen. Mit am Tisch sitzen beratend die Landesregierung und die Landeskrankenhausgesellschaft. Genehmigen muss die neue Planung schließlich der Landesausschuss, ein Gremium aus Krankenkassen und KV.

Neben den fehlenden 120 Hausärzten werden derzeit vier Dermatologen gesucht – in der Prignitz, im Havelland, in Spree-Neiße und Elbe-Elster. „Es gibt bundesweit zu wenige Hautärzte“, sagt KV-Vorsitzender Helming. In Spree-Neiße und Barnim fehlen zwei Augenärzte.

Cottbus bräuchte einen weiteren Nervenarzt. Kinderärzte werden in Spremberg, Pritzwalk und Eisenhüttenstadt benötigt. Diese Orte gelten für diese Fachgruppe als unterversorgt. Während in der Landeshauptstadt Potsdam derzeit kein neuer Hausarzt eröffnen darf, sind die Städte Guben und Schwedt „unterversorgt“.

„Die neue Bedarfsplanung wird das Problem höchstens mildern, aber nicht lösen“, sagt KV-Chef Helming. „Denn eine Stelle versorgt noch keine Patienten“. Und er fügt hinzu: „Man kann sich die Ärzte auf dem Land eben nicht aus den Rippen schneiden.“

Keine medizinische Fakultät in Brandenburg ansässig

Brandenburg ist das einzige Flächenland ohne Medizinerausbildung. Das überlässt man Berlin. Dabei wollen die meisten angehenden Brandenburger Mediziner laut einer Studie in ihrem Herkunftsland studieren und später auch dort arbeiten. Das hätten zwei Drittel der Befragten angegeben, teilte der Verbund christlicher Kliniken Brandenburg jetzt in Potsdam mit. Die Universität Trier habe die Untersuchung angestellt.

„Der Trend zum heimatnahen Studium ist mehr als eindeutig und dürfte sich durch die Einrichtung einer Medizinhochschule mit großer Wahrscheinlichkeit verstärken“, fand der Autor und Soziologe Rüdiger Jacob heraus. Das Potenzial an Medizinstudenten aus der Region biete Lösungsansätze gegen den Ärztemangel in der Mark, glaubt auch der Klinikverbund.

Er hat die „European University of Health“ initiiert – als Niederlassung eines österreichischen Partners und mit Hilfe von Privatinvestoren. Sitz könnte Frankfurt (Oder) werden.

Dem Wissenschaftsrat von Bund und Ländern liegt auch der Antrag zur Gründung der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane vor. Die Ruppiner Kliniken in Neuruppin und das Städtische Krankenhaus Brandenburg/H. haben das Projekt angeschoben. Beide Hochschulen wollen zum Wintersemester 2013/14 Studenten annehmen.

Patientenbus fährt ältere Menschen zum Arzt

Die rot-rote Regierung müsste sich nach Ansicht von KV-Chef Helming viel intensiver mit dem Thema Ärztemangel befassen. Die Idee, polnische Ärzte als niedergelassene Mediziner ins Land zu holen, sei nie verwirklicht worden, sagt Helmig. „Das hat keinen Sinn, sofern sie nicht gut Deutsch sprechen.“

Über das KV-Regio-Med, einem speziellen Programm, setze man in Brandenburg beispielsweise auf einen Patientenbus, der die nicht mehr mobilen, älteren Bewohner zum Arzt fahre. „Das ist sinnvoller als umgekehrt“, sagt Helming. „Ein Arzt soll sich um die Patienten kümmern und nicht den halben Tag über die Dörfer juckeln.“

In Joachimsthal (Barnim) hat die KV eine erste eigene Praxis eröffnet, nachdem der dortige Allgemeinmediziner in den Ruhestand gegangen ist. Fünf Jahre suchte er zuvor einen Nachfolger. Seit 1. Januar betreut die Ärztin Eva-Maria Passon seine Patienten. Sie ist bei der Kassenärztlichen Vereinigung angestellt – und hat so kein finanzielles Risiko zu tragen.