Die Stocklocken sitzen noch nicht perfekt. Mit einem heißen Onduliereisen korrigiert Verena Einwanger behutsam einige Strähnen der braunen Echthaarperücke – bis jede so liegt, wie sie soll. Die 28-Jährige hat die Perücke nach einer historischen Vorlage gefertigt. Eine solche Frisur haben Frauen zur Zeit des Barock getragen, also vor rund 400 Jahren.

Einwanger hat drei Wochen gebraucht, um die Perücke fertig­zustellen. „Ein ausgebildeter, erfahrener Maskenbildner macht das in einer Woche“, sagt sie und amüsiert sich über sich selbst. Verena Einwanger lernt im dritten und damit letzten Jahr an der Maskenbildnerschule Hasso von Hugo in Tiergarten.

Die Schule wird sie mit der staatlich anerkannten IHK-Prüfung abschließen. Sie habe sich dazu entschlossen, um beruflich mehr Möglichkeiten zu haben, erzählt die Friseurmeisterin. Einen Schauspieler im Film oder am Theater um Jahrzehnte altern zu lassen, ausdrucksstarke Bösewichte entstehen zu lassen, sei etwas anderes, als jemanden „nur hübsch zu machen“.

Drei Ausbildungen als Basis für die Karriere

Als Meisterin im Friseurhandwerk, die auch eine Ausbildung zum Make-up-Artist absolviert hat, betreibt Einwanger in ihrer Heimat, einem niederbayrischen Dorf, ein eigenes Geschäft. „Als ich vor drei Jahren mein Haarstüberl eröffnet habe, hatte ich die Maskenbildnerei schon im Kopf“, erzählt die Teilzeit-Berlinerin. „Ich will nicht die nächsten 30 Jahre nur noch im Laden stehen“, sagt sie.

Während ihrer Ausbildung in der Hauptstadt arbeitet sie in ihrem Salon nur in den Ferien und am Wochenende: „Das funktioniert auf dem Lande“, sagt sie. „Meine Kunden warten, bis ich komme.“ Wie geht es für sie nach dem Abschluss als Maskenbildnerin weiter? „Hollywood ruft bestimmt nicht an“, sagt sie und lacht. Sie setzt auf zwei Standbeine: ihr Geschäft und die Arbeit an Theatern.

„Es gibt eh kaum unbefristete Verträge für Maskenbildner“, erzählt Verena Einwanger. „Ich versuche, begrenzte Engagements zum Beispiel für Festspiele zu bekommen.“ Da ihre Maskenbildnerschule mit Theatern kooperiert, kommt sie als Praktikantin im Friedrichstadt-Palast und an der Komischen Oper zum Einsatz. Bringt ihr die Ausbildung als Friseurin dabei denn etwas? „Ja klar“, sagt Verena Einwanger. „Der Umgang mit Haar ist mir einfach schon sehr vertraut.“

Seit 15 Jahren gibt es die Berufsausbildung

Eine Voraussetzung für den Abschluss als Maskenbildner ist die vorherige Friseurlehre jedoch nicht mehr. „Jahrelang war dies nur ein Weiterbildungsberuf“, sagt Hasso von Hugo, Inhaber und Namensgeber der Schule. Erst seit 15 Jahren habe die Maskenbildnerei ein eigenes Ausbildungsprofil und einen staatlich anerkannten Abschluss, erzählt er. Hasso von Hugo hat sich selbst stark für diese Aufwertung eingesetzt.

Im Jahr 1990 eröffnete er sein privates Institut. Rund 800 Maskenbildner haben sich seitdem bei ihm ausbilden lassen. „Man braucht kein Abitur“, sagt von Hugo. „Handwerkliches Geschick und eine künstlerische Ader sind wichtig.“

Maskenbildner setzen die Vorstellungen von Regisseuren um und bringen dabei auch ihre eigenen Ideen ein. So helfen sie den Schauspielern, in Rollen zu schlüpfen. „Da hat man es nicht immer mit einfachen Menschen zu tun“, sagt Hasso von Hugo. Wenn Regisseur und Schauspieler über eine Rolle unterschiedlicher Meinung sind, müsse man als Maskenbildner geschickt und feinfühlig vermitteln.

Preis fürs Maskenbild von „Der Name der Rose“

Wer gut ist, kann sogar Preise gewinnen – wie Hasso von Hugo. 1988 bekam er als Chefmaskenbildner des Films „Der Name der Rose“ mit Sean Connery den „British Academy Film Award“ für die beste Maske. Als Ausbilder motiviert er seine Schüler: „Engagement, Fleiß und Passion ist der Motor zum Erfolg. Wer am Ball bleibt, findet nach der Ausbildung Arbeit.“ Die eine Hälfte seiner Schüler gehe zum Film, die andere zum Theater.

Tobias Barthel ist mit Maskenbildnern aufgewachsen: Seine Eltern haben den Beruf am Theater ausgeübt. Das habe ihn geprägt, sagt er, aber dennoch nicht dazu gebracht, selbst gleich Richtung Maskenbild zu gehen. Barthel zog eine Koch- der damals erforderlichen Friseurlehre vor. Als ab 2002 der direkte Weg möglich war, ließ er sich doch ausbilden. Acht Jahre arbeitete er danach an der Oper Leipzig.

Inzwischen ist der 44-Jährige Chefmaskenbildner an der Komischen Oper Berlin. „Ich bin dort direkt der Intendanz unterstellt, habe Mitverantwortung für das Personal, das Budget und natürlich die künstlerische Arbeit“, erklärt Tobias Barthel. Sein festes Team besteht aus 13 Personen. Bei Vorstellungen kommen bis zu 20 Aushilfen dazu.

Maskenbildner arbeiten mit Übertreibung

Ideen für die Maske zu entwickeln und umzusetzen, ist für ihn eine spannende Herausforderung. „Das Maskenbild muss auch in der hintersten Zuschauerreihe wirken“, sagt er. Darum werde auch viel mit Übertreibung gearbeitet. Die Arbeit am Theater findet er im Vergleich zum Maskenbild beim Film lebendiger – live eben. „Theater ist einfach mein Metier“, sagt Barthel.

Alesja Pede ist eine der wenigen Quereinsteiger in der Branche. Sie kam über die Arbeit an Bühnen zur Maskenbildnerei. Nach ihrem Fachabitur Raumgestaltung absolvierte sie ein Studium in Kommunikationsdesign und sammelte erste Erfahrungen im Kulissen- und Puppenbau sowie als Maskenbildnerin. Im vergangenen Sommer fiel ihr Entschluss, sich in dieser Branche selbstständig zu machen. „Das ist für mich perfekt“, sagt sie. „Es ist vielfältig. Ich habe immer wieder mit neuen Materialien zu tun.“

Wissen wächst durch Experimentieren

Devise der 33-Jährigen: Learning by doing. „Mein Wissen wächst täglich durch experimentelles Ausprobieren und das Know-how der Kollegen“, sagt Pede. „Hierdurch kann ich mich in dieser Branche auch ohne den staatlich anerkannten Berufsabschluss beweisen.“ Im Moment arbeitet sie für die Maskenbildwerkstatt Tricky MaC FX, die auf Spezialeffekte für Film- und TV-Produktionen spezialisiert ist.

Chefin von Tricky MaC FX ist Christiane Rüdebusch. Sie gründete die Firma im Jahr 1999, damals mit Sitz in den Filmstudios Babelsberg. Als sie mehr Platz brauchte, ging sie mit ihrer Werkstatt vor sechs Jahren nach Spandau. Wer die Halle betritt, hat sofort den Geruch von Kleber und Kunststoff in der Nase. Beim Fertigen der Plastiken tragen Rüdebuschs Mitarbeiter Atemmasken.

Kontakte zu Arbeitgebern aufbauen und pflegen

Die Chefin holt sich je nach Auftragslage Freiberufler ins Team. Es sind meist Quereinsteiger. Die Ausbildung an privaten Schulen sieht die Maskenbildnerin kritisch: „Es gibt Leute, die dafür Kredite aufnehmen, die sie später nicht abbezahlen können, weil sie von ihrem Beruf nicht leben können.“ Wie für alle Freiberufler ist es auch für Maskenbildner wichtig, Kontakte zu Arbeitgebern aufzubauen und zu pflegen. Vor allem so kommen sie an Aufträge.

Die 53-Jährige baute ihre Karriere auf einer Friseurlehre auf. Es folgten die Maskenbildnerausbildung an einem Theater in Dortmund und Stationen in Essen und Salzburg. „Ich wurde über Mundpropaganda immer weitergereicht“, erinnert sie sich.

Serien fürs Fernsehen nennt sie „Brot- und Butter-Aufträge“. Dort gebe es meist großen Zeitdruck. Am schlimmsten aber sei es in der Werbung. „Da wird immer noch geplant, obwohl schon gedreht werden müsste“, sagt Christiane Rüdebusch. Doch trotz aller Kritik, die sie an ihrer Branche hat, sagt sie auch: „Meine Arbeit macht mir immer noch Spaß. In welchem Beruf gibt es das?“ Aber jetzt muss sie erst einmal zügig die Plastik für den aktuellen Auftrag fertig machen.