Ausbildung in Berlin

Wer heute nicht ausbildet, hat morgen keine Fachkräfte

Mit Dilek Kolat (SPD), Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration, sprach Marie-Thérèse Nercessian über den Berliner Ausbildungsmarkt, Defizite und Chancen bei der Berufsorientierung und die richtige Berufswahl.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berliner Morgenpost: Woran liegt es, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Berlin fast doppelt so hoch ist, wie anderswo in Deutschland? Werden Jugendliche an der Schule intensiv genug auf den Beruf vorbereitet?

Dilek Kolat: Für Schülerinnen und Schüler ist Berufsorientierung sehr wichtig. Wir haben über 350 Berufe, die man lernen kann. Die Jugendlichen kommen aus der Schule und kennen nur wenige. Und selbst dann haben sie oft falsche Vorstellungen. Leider führt das dazu, dass es in Berlin viel zu viele Abbrecher gibt. Das müssen wir ändern. Ein anderes Problem ist die niedrige Ausbildungsbetriebsquote. Viele Betriebe, die ausbilden könnten, tun dies nicht, oder nicht im notwendigen Maße. Deshalb appelliere ich an die Unternehmen: Wer heute nicht ausbildet, hat morgen keine Fachkräfte! Ich möchte, dass jeder und jede Jugendliche in Berlin ein passendes Angebot erhält. Daher hat der Berliner Senat in diesem Jahr die Jugendberufsagentur auf den Weg gebracht, die künftig alle Angebote zur Berufsorientierung und Ausbildungsberatung unter einem Dach anbieten soll. Um Berufsorientierung transparenter und effizienter zu gestalten, wird ein "Landeskonzept Berufs- und Studienorientierung" entwickelt. Dieses definiert Standards, die künftig einzuhalten sind und verpflichtet die Schulen, die Berufsorientierung in ihren Schulprogrammen zu verankern.

Wie können mehr junge Menschen motiviert werden, etwas für ihre eigene Ausbildung zu tun und sich ausreichend zu informieren?

Wichtig ist zunächst, junge Menschen in die Lage zu versetzen, Erkenntnisse über ihre Stärken zu gewinnen und über das, was sie gerne tun. Dies sollte spätestens ab der 7. Klasse erfolgen. Darauf aufbauend können an der Schule weitere Informationen vermittelt und über Betriebserkundungen oder Praktika erste Erkenntnisse über die Berufspraxis gewonnen werden. Leider sind die Angebote in den Schulen sehr unterschiedlicher Qualität. Mal klappt es, mal nicht. Das wollen wir verbessern. Wichtig ist auch das Elternhaus. Wenn Eltern frühzeitig eingebunden sind, sind die Chancen am größten, dass eine richtige Berufswahl getroffen wird. Eltern können ihre Kinder häufig besser motivieren als Außenstehende. Und oft sind sie auch die besten Vorbilder! Unabhängig davon stehen in den Schulen Ansprechpersonen zur Verfügung. Neben Lehrkräften etwa auch die Berufsberater der Agentur für Arbeit. Auch die Ausbildungsberatung der Kammern ist ansprechbar.

Wie kann man Unternehmen und Schulabgänger zusammenbringen? Wie wichtig sind Praktika?

Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen sind hilfreich. Angebote wie Praktika sind für die jungen Leute die beste Möglichkeit, um einen Beruf und unternehmerische Prozesse kennenzulernen. Nur wer einen Beruf in der Praxis erleben konnte, kann beurteilen, ob er wirklich etwas für einen ist. Nicht selten ergibt sich aus einem guten Praktikum ein Ausbildungsplatz. Für die Motivation der Auszubildenden im Betrieb ist Vertrauen wichtig. Ehrenamtliche Mentoren, ob aus dem Betrieb oder extern, können sehr hilfreich für die Stabilisierung von Jugendlichen sein.

Welche Chancen haben Jugendliche mit einem schlechten oder gar keinem Schulabschluss? In welchen Branchen besteht besonders Bedarf?

Das Land Berlin fördert Unternehmen finanziell, die mit Jugendlichen ohne Schulabschluss oder der einfachen Berufsbildungsreife einen Ausbildungsvertrag abschließen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, einen Berufsabschluss im Rahmen einer außerbetrieblichen Ausbildung zu erreichen. Parallel dazu gibt es im Rahmen von "Ausbildung in Sicht" die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzuholen oder mit gezielter Qualifizierung die Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu erhöhen. Wir haben auch Talente unter den Jugendlichen, die eine zweite oder dritte Chance brauchen. Insbesondere im Handwerk besteht hoher Bedarf, aber auch in Gesundheitsberufen, wie zum Beispiel der Pflege, die so wichtig ist für unsere alternde Gesellschaft.

Reicht eine Ausbildung heutzutage überhaupt noch aus oder ist ein Studium doch die bessere Alternative?

Wichtig ist, dass der Beruf zu einem passt und den Vorstellungen und Fähigkeiten entspricht. So bedeutet die Befähigung der Hochschulreife nicht zwangsläufig, dass die entsprechenden Personen auch ein Studium aufnehmen. Von den Jugendlichen, die 2012 einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben, hatten über 30 Prozent die Hochschul- oder Fachhochschulreife.

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