Nach Ulan Bator sind es 6183 Kilometer, nach Doha 4401. Die Schilder im Flughafen Tegel, auf die man vom Café Leysieffer blickt, verweisen auf das große, bunte Reiseuniversum. Kleiner ist die Welt in dem Raum nebenan, auf den ein Hinweisschild des roten Kreuzes – eine Hand mit verbundenem Daumen – verweist. Das Zimmer hat den Namen zweckmäßig verdient. Ein paar Stühle, Telefon, Broschüren und Adressenlisten.
Fliederfarbene Weste
Was ins Auge sticht, sind die fliederfarbenen Westen in der Ecke. „Sie sind unser Erkennungszeichen“, sagt Pater Wolfgang Felber, der zusammen mit Justus Münster, seinem evangelischen Kollegen, die Flughafenseelsorge in Schönefeld, Tegel und irgendwann einmal auch am Willy Brandt Airport betreut. „Wir werden häufig angesprochen. Passagiere wollen oft mehr als nur den Weg erfragen“, weiß der Pater mit der lila Weste aus Erfahrung. „Auch Angestellte wollen sich aussprechen und ein paar ruhige Minuten zum Verschnaufen haben“, berichtet er. „Wir gehören zum Flughafen dazu, weil wir hier arbeiten und einen Ausweis haben, gleichzeitig sind wir aber auch außerhalb des Systems, sodass man mit uns leichter ins Gespräch kommt“, so Felber.
Sie organisieren auch mal einen Schlafplatz
Aber es gibt auch Menschen, auf die die fliederfarbenen Helfer selbst zugehen. Da ist der abgerissene und völlig mittellose Passagier aus den USA, dem die Weste zugeknöpft werden muss, bevor dann ein Schlafplatz für ihn organisiert wird. Oder die 65-jährige Dame, die täglich um 17.15 Uhr ihre Freundin aus Moskau abholen möchte. Die Ehefrau, deren Mann während einer Reise gestorben ist, und die jetzt alleine aus dem Flugzeug steigt.
Für diese Menschen will erst einmal die richtige Ansprache gefunden werden. „Zuhören, sich hineindenken gehört für ein solches Gespräch dazu“, sagt Pater Felber. Die Sorge, die Verzweiflung dürfe aber nicht zur eigenen Befindlichkeit werden, gibt er seinen Ehrenamtlichen in der Ausbildung zum Seelsorger mit auf den Weg.
Die Ausbildungstage sind intensiv
Acht Module absolvieren die zukünftigen Flughafenseelsorger. Dazu gehören Kommunikation und Gesprächsführung, der Umgang mit den Themen Trauma, Sterben, Tod, Trauer, mit psychische Krankheiten oder den Weltreligionen. Das Praktizieren von Ritualen und Andachten auf dem Flughafen wird ebenso vermittelt, wie Sicherheit am Airport und der Umgang mit Flüchtlingen.
Doch auch wenn man an einem der Ausbildungstage viel über den Umgang mit psychischen Erkrankungen gelernt hat: In der Realität des Tegeler Flughafens sieht alles ganz anders aus. Da steht der Mann, der immer am Wochenende kommt, unter Verfolgungswahn leidet, plötzlich direkt vor dem Seelsorger. „Wir sind nicht dafür ausgebildet zu erkennen, wie psychisch krank jemand ist“, sagt Martin Taegener, ehrenamtlicher Flughafenseelsorger und ehemaliger Richter. Er hat den kranken Mann dann ins Krankenhaus gefahren. „Das hätte auch schiefgehen können“, erkennt Taegener heute.
„Ich habe gelernt, auf Menschen zuzugehen“
Pater Felber nickt. „Wir sind weder Ärzte noch Psychologen. Unsere Ehrenamtlichen werden zwar geschult und auf die Aufgabe vorbereitet, aber niemand hat studiert, wie man mit psychotischen Menschen umgeht.“ „Ich bilde mir ein aus meinen Beruf eine gewisse Menschenkenntnis zu haben“, meint Taegener. „Und ich habe gelernt auf Menschen zuzugehen. Am Anfang bin ich aber hier rumgelaufen wie Falschgeld“, so der pensionierte Richter.
Inzwischen zieht er in Tegel wie selbstverständlich seine Runden, schaut mal in den Laden, spricht mit den Angestellten und steckt einige mit seiner Energie und guten Laune an. Nicht jeder der Seelsorger arbeitet direkt mit den Menschen, auch die Dienstpläne und Anträge für die Bedürftigen wollen geschrieben werden. „Flughafenseelsorger ist kein Berufsziel“, meint Pater Felber. „Die hauptamtlichen Seelsorger sind oft Pfarrer oder Priester mit noch anderen Aufgaben und werden auch so bezahlt.“ Felber selbst gehört, wie Papst Franziskus, dem Jesuitenorden an, dem Orden, der die Bekämpfung der Armut als zentrales Ziel formuliert hat.



