Präsidentenwahl

Investoren zeigen Wladimir Putin die gelbe Karte

Putins Wahlsieg gilt als sicher. Doch die Wirtschafts ist skeptisch. Der Aktienindex hinkt den Börsen anderer Schwellenländern hinterher.

Foto: Infografik DWO

Zu den Glanzstücken der Weltliteratur gehört die Erzählung „Die Nase“ von Nikolaj Gogol. Der Dichter beschrieb darin, wie ein Beamter eines Morgens ohne Nase erwachte, sich auf die Suche nach derselben begab und dabei allerlei Absurdes erlebte.

Nun soll am Samstag, einen Tag vor den Präsidentschaftswahlen, in Moskau eine Neuerzählung des Stückes aufgeführt werden. Der Beamte heißt darin jedoch diesmal Wladimir Putin, und ihm fehlt nicht die Nase, sondern ein anderes Körperteil. Welches, das kann sich jeder ausmalen, der weiß, wo das Stück Premiere haben soll: im Erotikmuseum. Putin, das Alpha-Tier, wird gestutzt. Das ist die politische Botschaft.

Doch die Realität sieht anders aus. Da wird Putin mitnichten in seiner Macht beschränkt . Vielmehr wird er aller Voraussicht nach am Sonntag einen großen Wahlsieg einfahren. Es wird auch eine große Jubelveranstaltung geben, wo ihm seine Anhänger eifrig zuwinken.

An den Börsen, die ja oft ein viel besseres Bild der Lage zeichnen, ist jedoch von Jubel keine Spur . Denn weltweit sind zwar die Börsen seit rund drei Monaten im Aufwärtstrend, vor allem seit Jahresbeginn findet eine regelrechte Rallye statt, auch und vor allem in den Schwellenländern.

Russland wird dabei jedoch abgehängt. Vergleicht man den russischen Leitindex Micex mit dem MSCI Emerging Markets, der alle Schwellenländer abdeckt, so wird dies überdeutlich. Moskaus Börse liegt gegenüber den anderen Wachstumsmärkten weit zurück.

Der Grund liegt darin, dass viele Investoren sich generell vom dortigen Markt fernhalten. „Wenn man auf Russland aus einer gewissen Entfernung schaut, dann wirken die dortigen Aktien stets günstig“, sagt Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees beim Fondsanbieter Carmignac, der stark in Schwellenländern engagiert ist.

„Wenn man aber genauer hinsieht, dann merkt man: Es gibt gute Gründe dafür.“ Welche das sind? Er halte die politischen und wirtschaftlichen Strukturen und Prozesse für problematisch, drückt er sich diplomatisch aus. Auf gut deutsch heißt das jedoch schlicht: Korruption und Vetternwirtschaft schrecken ab. „Wir haben deshalb kein Vertrauen in den Markt und halten uns von dort lieber fern“, so Saint-Georges.

Doch die Wirtschaft ist nicht nur von zweifelhaften Seilschaften durchsetzt. Hinzu kommt, dass diese nach wie vor fast komplett von den Rohstoffen des Landes, vor allem Öl und Gas, abhängt. Die Ausfuhr dieser Rohstoffe macht rund zwei Drittel aller Exporte aus und steht für ein Viertel der gesamten Wirtschaftskraft des Landes.

Doch auch der Rest der Wirtschaft, beispielsweise der Konsum, steht und fällt mit den Mitteln, die vom Energiesektor in den Wirtschaftskreislauf gepumpt werden. Eine Faustregel besagt, dass Russlands Bruttoinlandsprodukt bei einem Anstieg des Ölpreises um zehn Dollar etwa 0,6 bis 0,9 Prozentpunkte steigt.

Insofern spricht natürlich derzeit eigentlich doch einiges für Russland als Anlageziel. Denn der Ölpreis steigt seit Wochen, und Russlands Aktienmarkt wird von der Öl- und Gasindustrie sowie anderen Rohstoffunternehmen dominiert. Doch ebenso gut könnten Anleger auch direkt auf den Ölpreis oder auf große internationale Rohstoffkonzerne setzen. Das hätte für die Rendite einen ähnlichen Effekt, und man muss nicht auf Firmen mit dubiosen Bilanzen und fragwürdigen Geschäftspraktiken setzen.

Zumal es wenig Hoffnung gibt, dass sich auf dieser Ebene in naher Zukunft etwas verbessert. Denn derjenige, der es ändern könnte, Wladimir Putin, sitzt schon seit über einem Jahrzehnt an den Schalthebeln der Macht. Allen ist zwar klar, was sich ändern müsste.

„Verbesserung des Rechtsstaates, Minderung des Staatseinflusses, Bekämpfung von Korruption, Fortschreibung des Demokratisierungsprozesses“, fallen Ronald Schneider, Osteuropa-Experte bei Raiffeisen Capital Management, auf Anhieb als Beispiele ein. Doch weder er noch die meisten anderen Investoren erwarten, dass Putin das nach seiner Wahl endlich anpackt. „Es steht zu befürchten, dass die praktischen Fortschritte – wie auch in der Vergangenheit – eher bescheiden ausfallen werden“, sagt Schneider.

Natürlich gibt es auch in anderen Schwellenländern ähnliche Probleme. China ist ebenfalls nicht gerade als Hort der guten Unternehmensführung bekannt. Aber im Unterschied zu Russland wächst die Wirtschaft im Reich der Mitte so rasant, dass dies zum Teil aufgewogen wird.

Während Chinas Anteil an der Weltwirtschaft inzwischen rund 20 Prozent ausmacht und das Land in wenigen Jahren selbst die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen wird, krebst Russlands Anteil bei mickrigen drei Prozent dahin. Und es besteht keine Aussicht, dass sich daran etwas ändern könnte, denn Russlands Wirtschaft wächst inzwischen kaum noch schneller als die Weltwirtschaft insgesamt. Als Wachstumsmarkt ist Russland daher kaum noch zu bezeichnen.

Das gilt vor allem auch aufgrund der demografischen Entwicklung. Schon seit geraumer Zeit schrumpft die Zahl der Einwohner. Nach Prognosen der UN wird das Land bis 2050 noch weitere zehn Prozent seiner Bevölkerung verlieren, andere Berechnungen gehen sogar von einem Rückgang um ein Drittel aus. Ursache ist zum einen eine erstaunlich niedrige Lebenserwartung – für Männer liegt sie bei gerade mal 59 Jahre, vier Jahre weniger als noch zu Zeiten der Sowjetunion.

Viele sterben heute an Alkoholismus, aber auch durch Tuberkulose oder Gewalttaten. Zum anderen geht die Bevölkerungszahl zurück, weil nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Geburtenrate einbrach. Und schließlich wandern auch nach wie vor viele Russen aus, gerade die gebildeteren Schichten.

„Langfristig braucht Russland ein stabiles politisches Modell und einen Aufbruch in eine Phase der Erneuerung“, fasst Christoph Witte vom Kreditversicherer Delcredere, der Risiken bei internationalen Geschäften versichert, zusammen. „Sonst ist der wirtschaftliche Erfolg in Gefahr.“ Am Ende der Sowjetunion gab es für eine solche Phase der Reformen den Begriff der „Perestrojka“, was schlicht Umbau bedeutet. 20 Jahre danach bedarf es in Russland wahrscheinlich eines erneuten Umbaus. Erst dann dürfte das Vertrauen der Investoren zurückkehren.

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