Demonstration in Moskau

Die Wut auf Putin lockt Dissidenten aus dem Ausland

Pavel Litvinov wurde schon 1968 auf dem Roten Platz verhaftet. Nun meldet sich der Dissident aus dem Exil: Bei der Großdemo gegen Putin will er unbedingt dabei sein.

Foto: Pavel Litvinov / Pavel Litvinov/Facebook

Pavel Litvinov hat für die Präsidentschaftswahlen am Sonntag in Moskau große Demonstrationen vorher gesagt. „Jeder, den ich kenne, wird dort mitlaufen“, sagte der 72-Jährige Russe. "Jeder, der Beine hat, geht mit."

Litvinov, der 1968 nach einer Demonstration auf dem Roten Platz in Moskau festgenommen und fünf Jahre im Gefängnis saß, ist extra aus New York angereist, um zu demonstrieren.

„Ich fahre nach Moskau, um gegen Putin zu demonstrieren – und um meine Familie zu sehen.“ Bei den Wahlen am Sonntag steht nach vier Jahren Pause erneut Wladimir Putin als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des russischen Präsidenten auf dem Stimmzettel.

Litvinov lebt seit 1974 im US-amerikanischen Exil und kommuniziert viel über soziale Netzwerke wie Facebook mit jungen Dissidenten in Russland. Er unterstützt sie und sieht die Vorteil der aktuellen Bewegung: „Sie haben all die Dinge, die wir nicht hatten. Sie haben weniger Angst und sie waren schon einmal im Ausland.“

"Wir haben zu wenig Fortschritte gemacht"

Trotzdem werde zu wenig gegen Putin und seine erneute Kür zum Kandidaten protestiert. Bei den Parlamentswahlen im Dezember 2011 hatte Putins Partei „Einiges Russland“ 49,3 Prozent der Stimmen erhalten. Wahlbeobachter der OSZE stellten vielfach Manipulationen an Stimmzetteln fest.

Mehrere Zehntausend Menschen protestierten daraufhin in Moskau und St. Petersburg, eine Neuauszählung der Stimmzettel lehnte Putin aber entschieden ab.

Dem Dissidenten Litvinov zufolge hat die Opposition in Russland bislang zu wenig getan, um eine Alternative zu Putin aufzuzeigen. „Wir haben zu wenig Fortschritte gemacht“, sagte der Schriftsteller und Menschenrechts-Aktivist.

Er erwartet, dass Putin die Wahl gewinnt – und dank der Wahlrechtsreform nicht nur weitere vier oder acht Jahre, sondern sechs bis zwölf Jahre im Amt bleibt – je nachdem, ob er auch die folgende Präsidentschaftswahl gewinnt. „Ich hoffe, dass sich mehr Menschen beleidigt fühlen, wenn Putin gewinnt“, sagte Litvinov. "Wir müssen Putin loswerden.“

Litvinov rebellierte schon in den 60er-Jahren

Litvinov, ein schwerer, breitschultriger Mann, stammt aus einer „Familie von Dissidenten“, wie er selbst sagt; sein Großvater Maxim Litvinov war der erste Außenminister Russlands unter Stalin. Schon zu Beginn der 60er-Jahre wuchs allerdings sein Unbehagen gegenüber dem Sowjetregime; versuchte doch der KGB, ihn dazu zu verleiten, seine Eltern anzuschwärzen.

Als junger Lehrer am Lomonosov-Institut für chemische Technologie geriet Litvinov mehr und mehr in Kontakt mit anderen Regimekritikern und wurde einer der Verbreiter der so genannten Samizdat-Literatur, die auf Matrizenpapier im ganzen Land verteilt wurde und die gegen die Sowjet-Herrschaft protestierte.

Litvinov wurde so auch Autor für das Magazin „Index for Censorship“, das 1972 gegründet wurde und das sich noch heute als Organ gegen Zensur und Unfreiheit versteht.

Litvinov schrieb gegen die Schauprozesse, gegen Kritiker wie Vadim Delone, Aleksandr Ginzburg und Jurij Galanskov und wurde deshalb mehrfach vom KGB verwarnt.

Bei einer Demonstration gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei wird Litvinov im August 1968 auf dem Roten Platz in Moskau festgenommen, es folgen fast fünf Jahre Haft in wechselnden Gefängnissen.

"Nur Putin loswerden reicht nicht"

„Ich wusste, dass ich festgenommen würde“, sagt er. „Ich wollte möglichst viel vorher gemacht haben, bevor das passierte.“ Litvinov kommt schließlich frei und verlässt die Sowjetunion, über Wien wandert er in die USA aus, wo er in Tarrytown in der Nähe von New York Mathe-und Physiklehrer wird. „Ich bin praktisch rausgeschmissen worden“, erinnert er sich an die Ausreise aus der Sowjetunion.

Heute sieht er die Entwicklung in Russland mit gemischten Gefühlen. „Es ist einiges besser geworden, die Menschen hungern nicht mehr so viel“, sagt er.

Trotzdem sei Russland weit davon entfernt, eine Demokratie zu sein. Besonders bedenklich findet Litvinov das Erstarken rechter Kräfte in Russland. „Nur Putin los zu werden, reicht nicht aus“, sagt er mit schwerer Stimme. „Wir müssen toleranter werden gegenüber Muslimen, gegenüber Schwulen.“

Jüngstes Beispiel für die Homophobie in Russland ist das Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“, das Anfang der Woche in St. Petersburg verabschiedet wurde. Wer öffentlich über Homo-und Transsexualität vor Minderjährigen aufklärt, riskiert dem Gesetz zufolge eine Strafe von bis zu 500.000 Rubel (rund 13.000 Euro).

Kein Interesse junger Russen für Syrien

„Das Gesetz ist ein abstoßender Beleg für Homophobie“, sagt Pavel Litvinov. "Es macht absolut keinen Sinn.“

Nicht mit allen seiner Kommentare bei Facebook kommt Litvinov bei seinen Unterstützern in Russland an. „Wenn ich etwas gegen Putin schreibe, klicken alle auf „Like“. Aber wenn ich mich gegen Assad richte, werde ich von den meisten ignoriert.“

Putin hatte zuletzt gesagt, das syrische Volk solle selber bestimmen, von wem es regiert werden wolle. Russland und China hatten für ihr Veto gegen eine Resolution des UN-Sicherheitsrates gegen das Regime von Baschar al-Assad heftige internationale Kritik geerntet.