Bonität

S&P kann mit Abwertungsorgie Märkte nicht schocken

Die Agenturen hängen Monate hinter den Einschätzungen der Märkte hinterher. Eine Abwertung weiterer Staaten – auch Deutschlands – ist wahrscheinlich.

Foto: Infografik WELT Online

Der Euro crasht, die Aktienbörsen brechen ein, auch auf den Anleihemärkten macht sich Panik breit. Wenn Frankreich sein AAA verliert, geht die Euro-Zone unter. Dieses Szenario malten noch vor wenigen Wochen die meisten Experten für den Fall, dass die zweitgrößte europäische Volkswirtschaft ihr Spitzenrating aberkannt bekommen würde. Jetzt ist der Ernstfall eingetreten. Doch von Untergangsstimmung keine Spur.

Die Märkte reagierten äußerst gelassen auf die Abstufung von Frankreich und acht weiteren Euro-Staaten. Die Aktienbörsen machten ihre Anfangsverluste bis zum Handelsschluss wett, der Euro stabilisierte sich und an den Anleihemärkten blieben die Verwerfungen aus. „Die Herabstufung Frankreichs hat niemanden mehr wirklich überrascht“, sagt Peter Schaffrick von der Royal Bank of Canada. „An den Märkten war das seit Wochen erwartet worden und die Frage lautete eigentlich nur noch, ob die Zahlungswürdigkeit von Frankreich eine oder zwei Noten gestutzt würde.“

Quer durch Europa notierten die Börsen fester. Der Dax beispielsweise schloss mehr als ein Prozent im Plus. Am Anleihemarkt zeigte sich ein geradezu paradoxes Bild. Mit Ausnahe von Portugal gewannen die Anleihen der zurückgestuften Länder sogar an Wert, spiegelbildlich dazu gingen deren Zinsen und damit die Finanzierungskosten zurück. Die Rendite der zehnjährigen französischen Staatsanleihen reduzierte sich um vier Basispunkte auf 3,01 Prozent, die österreichischer Papiere sogar um mehr als fünf Basispunkte auf drei Prozent.

Die Alpenrepublik hatte neben Frankreich ihr AAA verloren. Auch an der Peripherie zeigten sich die Bondmärkte überraschend stark. Die Verzinsung spanischer und italienischer Staatsschuldtitel sank um jeweils fünf Basispunkte auf 5,1 beziehungsweise 6,55 Prozent. Dabei waren beide Mittelmeerländer von S&P gleich zwei Noten zurückgestuft worden. Mit BBB+ ist Italiens Kreditwürdigkeit nur noch drei Stufen von Ramsch-Niveau entfernt, wie im Jargon die Bonität unterhalb von BBB- genannt wird.

Fast hat es den Anschein, als hätten Rating-Agenturen ihren Schrecken verloren. Denn am Montag hatte auch S&P-Konkurrent Moody's Frankreich mit der Aberkennung des Spitzenratings gedroht. Das Land habe weniger Spielraum als 2008. Werde die Euro-Krise nicht bald gelöst, seien die Gallier ihr Aaa los.

Rating-Agenturen laufen den Märkten sechs Monate hinterher

Die Entwicklung vom Montag kontrastiert mit der Marktreaktion vom vergangenen August. Im Sommer 2011 hatte S&P den USA die Top-Bonität entzogen und die Märkte damit ins Chaos gestürzt. „Die Rating-Agenturen laufen den Märkten im Abstand von ungefähr sechs Monaten hinterher“, sagt Erik Nielsen, Chefvolkswirt von UniCredit. Das hätten die Akteure inzwischen gelernt.

Diese Zeitverzögerung lässt sich an den Kursen der Kreditausfallversicherungen ablesen. Die sogenannten Credit Default Swaps (CDS), mit denen sich Marktteilnehmer gegen einen möglichen Zahlungsausfall eines Landes absichern können, sind für die meisten Euro-Länder bereits seit 2008 nach oben geschossen.

CDS sind die besseren Indikatoren

In den Kursen spiegelt sich die höhere Risikoeinschätzung der Märkte, eine Art Rating-Downgrade der Marktteilnehmer. Die Rating-Agenturen begannen dagegen erst 2009 mit ihren Abstufungen. Die CDS funktionieren im Prinzip wie eine Autoversicherung: je höher das Risiko eines Unfalls, desto höher sind die zu zahlenden Prämien und desto niedriger die marktimpliziten Ratings.

Die größten Differenzen zwischen Agenturen und Märkten zeigen sich bei Belgien. Während S&P die Bonität von Belgien weiter mit AA bewertet, geben die Märkte dem Land gerade noch ein BBB-; ein Unterschied von sieben Noten. Auch bei Spanien oder Italien sind sich Bonitätswächter und Märkte nicht einig.

Aber auch Deutschland hat gemessen an den Kursen der Kreditausfallversicherungen kein Spitzenrating mehr. Geht es nach den Marktakteuren hat die Bundesrepublik lediglich noch ein zweifaches A.

Anleger tun gut daran, die Entwicklungen an den Märkten zu beobachten. Wer sich an den Ratings orientiert, könne damit kein Geld mehr machen, hat der Nobelpreisträger Robert Engle beobachtet: „Die Kurse für Kreditausfallversicherungen haben für Anleger wesentlich mehr Aussagekraft als die Bonitätsnoten der Agenturen.“

Verbinden Sie sich mit unserem Morgenpost Online-Autor auf Twitter. Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick.