Strategieberaterin

"Wir müssen uns an sinkenden Wohlstand gewöhnen"

Sandra Navidi, die frühere Strategieberaterin des New Yorker Starökonomen Nouriel Roubini, sieht wenig Chancen für eine schnelle Lösung der Finanzkrise.

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Sie trifft regelmäßig die wichtigen Wirtschaftsführer und ist bekannt für ihre skeptischen Prognosen. Für eine schnelle Lösung der Finanzkrise sieht Sandra Navidi denn auch derzeit wenig Chancen. Die frühere Strategieberaterin des New Yorker Starökonomen Nouriel Roubini liebt die Kunst und lässt sich in Sachen Ökonomie nichts vormachen.

Inzwischen hat sich Navidi mit der Beratungsfirma BeyondGlobal LLC in New York selbstständig gemacht. Im Gespräch mit der „Morgenpost Online“ sieht die attraktive Finanzexpertin die Weltwirtschaft in schweres Fahrwasser geraten. Regierungen und Notenbanken konnten mit ihren Kapitalspritzen zwar das Allerschlimmste verhindern, so die gebürtige Mönchengladbacherin. Die uns bekannte Normalität aber sei passé.

Morgenpost Online: Ist die Untergangsstimmung an den Finanzmärkten gerechtfertigt?

Sandra Navidi: Die Risiken überwiegen, die Gefahr ist hoch, dass die politischen Bemühungen vom Markt überholt werden. Zudem drohen Dominoeffekte, die sich blitzschnell fortsetzen können. Es ist nicht vorhersehbar, was das Fass zum Überlaufen bringt.

Morgenpost Online: Sie klingen fast wie Nouriel Roubini, für den Sie gearbeitet haben. Haben die Politiker die Lage überhaupt noch im Griff?

Navidi: Nein, alles hängt am seidenen Faden, weil es immer noch keinen wirksamen Schutz vor Ansteckungsgefahr gibt. Priorität ist jetzt, die Kontrolle zu behalten. Das hat der letzte Gipfel mehr schlecht als recht erreicht.

Morgenpost Online: Der Euro als Währung ist zehn Jahre alt. Wie lange wird es ihn vor diesem Hintergrund noch geben?

Navidi: Vielleicht werden schwache Länder wegen Zahlungsunfähigkeit oder anhaltender Rezession aus der Währungsgemeinschaft ausscheiden. Letztlich könnte sich eine Reihe starker Länder zusammentun und einen Euro-Verbund bilden.

Morgenpost Online: Die von vielen schmerzlich vermisste D-Mark sehen wir also nicht mehr?

Navidi: Man sollte die D-Mark nicht romantisieren. Die Wirtschaft hat sich weiterentwickelt und ist seit der Einführung des Euro so stark mit anderen verflochten, dass man nicht einfach an den damaligen Status quo anknüpfen kann.

Morgenpost Online: Wie wahrscheinlich ist denn überhaupt die Gefahr einer unkontrollierbaren Abwärtsspirale?

Navidi: Das schlimmste Szenario liegt aktuell noch unter 20 Prozent. Allerdings wird es jeden Tag wahrscheinlicher, denn die Schwächung der Euro-Zone geht weiter. Wir sehen eine Kapitalflucht.

Morgenpost Online: Auf der anderen Seite hatten Firmen noch nie so viele Unternehmenswerte und Private noch nie so viel Vermögen wie heute. So schlecht kann es der Wirtschaft doch gar nicht gehen.

Navidi: Die meisten Konzerne haben die Krise genutzt, um ihre Effizienzen zu steigern. Die Anhäufung von Vermögen ist eher ein schlechtes Zeichen, da es mangelndes Vertrauen in die Wirtschaft zum Ausdruck bringt.

Morgenpost Online: Wann werden wir aus dem Gröbsten raus sein? Und wann lässt sich an der Börse wieder Geld verdienen?

Navidi: Das wird dauern. Wir werden uns an einen sinkenden Lebensstandard gewöhnen müssen. Hier in den USA bezieht fast jeder siebte Lebensmittelmarken.

Morgenpost Online: Und warum soll in einigen Jahren wieder alles wieder besser sein?

Navidi: Die Krise ist die Chance zum Umdenken. Jetzt ist es Zeit für einen Paradigmenwechsel. Dazu müssen wir Werte und Wachstum neu definieren.

Morgenpost Online: Was können Anleger tun, um sich vor weiterem Ungemach schützen? Immerhin sind Aktien aktuell so günstig bewertet wie lange nicht.

Navidi: Bei Aktien sollte man sich auf die USA, vor allem Blue Chips, konzentrieren. Wegen des Rezessionsrisikos in Europa rate ich dort eher zur Zurückhaltung.

Morgenpost Online: Manche Ihrer Kollegen sehen die Schwellenländer, allen voran China, als Retter der Weltwirtschaft. Das sollte sich positiv auf die Entwicklung an den Aktienbörsen auswirken.

Navidi: Alle Anzeichen dort deuten auf das Platzen einer zumindest leichten Blase hin. Zudem will dort nach den Problemen mit den übermäßigen Dollarreserven niemand ein allzu großes Risiko für eine Euro-Rettung auf sich nehmen. Letztlich könnte Peking gar eine Pleite in Europa abwarten, um dann zu Niedrigstpreisen einzusteigen.

Morgenpost Online: Und der Rest der Schwellenländer? Immerhin entfällt fast die Hälfte der Weltwirtschaftsleistung auf diese Staaten – die im Schnitt 6,5 Prozent wachsen sollen.

Navidi: Ich rate bei Aktienengagements in diesen Regionen zur Vorsicht. Wenn Länder wie die USA und in Europa wegen der Rezession nicht mehr so viel abnehmen können, wird sich das unweigerlich negativ auf die Schwellenländer auswirken. Ein Rückgang von zwei Prozentpunkten kann in diesen Staaten schon dramatische Konsequenzen haben.

Morgenpost Online: Sind Rohstoffe wie Öl zumindest eine Beimischung wert?

Navidi: Die Verknappung und Konflikte wie im Iran treiben die Preise. Wenn das globale Wirtschaftswachstum allerdings schwach bleibt, wird die Nachfrage und damit der Preis sinken. Auch ein steigender Dollar würde Druck auf den Ölpreis ausüben.

Morgenpost Online: Was halten Sie von Gold?

Navidi: Gold hat kaum einen praktischen Verwendungszweck und ist immer nur so viel wert, wie der Nächste zu zahlen bereit ist. Als Wertspeicher und Absicherung ist es sicherlich vertretbar, einen geringen Teil des liquiden Vermögens in Gold zu investieren.

Morgenpost Online: Bleiben Immobilien als klassischer Sachwert.

Navidi: Wenn man sie zum richtigen Preis in der richtigen Gegend kauft und die laufenden Kosten beachtet, ist dagegen nichts einzuwenden. Beachten sollte man, dass es schwieriger werden könnte, Mieter zu finden, wenn zu viele in Immobilien investieren und es dann bei Mietobjekten zu einem Überangebot kommt.