Euro-Krise

Garantiezins bei Lebensversicherungen in Gefahr

94 Millionen Lebensversicherungspolicen sind in Deutschland im Umlauf. Die Versicherer erwirtschaften in der Euro-Krise kaum noch Rendite. Das könnte schlimme Folgen haben.

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Lebensversicherer wollen wegen wachsender Geldprobleme künftig weniger Rücklagen an ihre Kunden ausschütten . Setzt sich die Branche mit dieser Forderung bei der Bundesregierung durch, müssten alle Verbraucher, deren Lebensversicherung in den nächsten Jahren fällig wird, mit niedrigeren Überschussbeteiligungen rechnen.

Weitere Rückschläge drohen den Kunden, sollte die Niedrigzinsphase an den Kapitalmärkten dauerhaft anhalten. Erste Experten warnen davor, dass die Versicherungsaufsicht zur Stabilisierung wackelnder Gesellschaften den Garantiezins für alle 94 Millionen Policen senken könnte. Es wäre ein Novum in der Geschichte dieses einstigen Lieblingsproduktes der Deutschen.

Grund für die missliche Lage vieler Anbieter ist die Finanz- und Schuldenkrise. An den Kapitalmärkten lassen sich angesichts des niedrigen Zinsniveaus mit vermeintlich sicheren Produkten wie Bundesanleihen kaum noch ausreichende Renditen erwirtschaften, um die einmal gemachten Zusagen an die Kunden zu erfüllen.

Garantieversprechen als theoretische Größe

Die Durchschnittsrendite für einen Korb Bundesanleihen unterschiedlicher Laufzeit, die sogenannte Umlaufrendite, liegt mit nicht einmal mehr 1,6 Prozent sogar unter dem ab 2012 gesenkten Zinsversprechen von 1,75 Prozent.

Das Problem: Der gerade aktuelle Garantiezins gilt nur für Neuverträge. Wer einen Vertrag aus der zweiten Hälfte der 90er-Jahre hat, dem ist immer noch eine Garantieleistung von vier Prozent sicher. Das durchschnittliche gegebene Versprechen über alle Verträge hinweg liegt derzeit bei geschätzten 3,3 Prozent.

Das Garantieversprechen stellte jahrelang lediglich eine theoretische Größe dar. Die tatsächlich geleisteten Auszahlungen lagen weit darüber. Auch für dieses Jahr schreiben Versicherer ihren Kunden durchschnittlich noch fast 4,1 Prozent gut. Ein Teil davon stammt aus den sogenannten stillen Reserven. Das Gesetz sieht bislang vor, dass Institute die Hälfte dieser Rücklagen bei Vertragsende an die Kunden auszahlen muss.

Die Rücklagen sind bei vielen Gesellschaften zuletzt enorm angewachsen. Denn dahinter verbergen sich aufgelaufene Kursgewinne auf Wertpapiere, vor allem auf Staatsanleihen. Deren Bewertungen sind, sofern die Papiere von Schuldnern wie der Bundesrepublik und den USA stammen, dank der hohen Nachfrage enorm gestiegen – bei Anleihen gilt, je niedriger die Renditen, desto höher die Kurse.

„Dabei handelt es sich nur um Luftgeld“, heißt es beim Branchenprimus Allianz Leben. Da werde über Geld gesprochen, das nur bei einem vorzeitigen Verkauf der Papiere anfallen würde. Versicherer hielten Staatsanleihen jedoch meist bis zum Laufzeitende.

Auch unabhängige Experten unterstützen die Forderungen der Versicherer. „Das aktuelle Gesetz zwingt zur Auszahlung von Geld, das in Wirklichkeit gar nicht da ist“, sagt Manfred Poweleit vom Branchendienst map-report. Damit könnten die Gesellschaften in eine bedrohliche Schieflage geraten, zum Nachteil all jener, deren Verträge noch zwanzig oder dreißig Jahre liefen.

Das Gesetz geht in seiner heutigen Form auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus 2005 zurück. Damals hatten die Richter vor allem Gewinne aus Aktien- und Immobiliengeschäften im Blick. Dass sich eine derartige Blase mit entsprechenden Bewertungsreserven bei vermeintlich langweiligen Staatsanleihen bilden könnte, erwartete damals niemand. Entsprechend wollen die Versicherer eine Nachbesserung.

„Die von der Branche angestrebte Optimierung des bestehenden Gesetzes konzentriert sich auf Festzinspapiere“, heißt es beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Aufgelaufene Gewinne aus Aktien und Immobiliengeschäften sollten bei Fälligkeit der Verträge weiterhin zur Hälfte an die Kunden gehen. Es gehe um die „Stärkung der Risikotragfähigkeit der Lebensversicherer“, wie es beim GDV heißt.

Ohne Absenkung des Garantiezinses könnten Versicherer wackeln

Geht die Stabilität verloren, hätte dies weitreichende Konsequenzen. „Wenn wir noch ein weiteres Jahr ein solch niedriges Zinsniveau haben, wird der Garantiezins aller Verträge abgesenkt werden müssen – auch der der Altverträge“, sagt Carsten Zielke, angesehener Versicherungsexperte der Großbank Société Générale. Sonst würden einige Lebensversicherer wackeln. „Eine solche Absenkung gab es noch nie, sie ist aber gesetzlich möglich“, so Zielke.

Doch nicht nur niedrige Zinsen hält er für problematisch. „Fast noch gefährlicher wäre eine rasche Zinswende, denn dann würde bei vielen Versicherern aus stillen Reserven plötzlich stille Lasten, die das Eigenkapital der Gesellschaften anfressen würde“, sagt der Versicherungsfachmann. Denn wenn die Zinsen rasch steigen, brechen umgekehrt die Kurse der im Portfolio befindlichen Anleihen ein. Auch dies könne einige Gesellschaften in Bedrängnis bringen, so Zielke.

Vorzeitige Kündigung ist teuer

Die Lage ist vertrackt. Denn die unklaren Aussichten verunsichern immer mehr Verbraucher. Dies erhöht das Risiko, dass sie ihre Verträge vorzeitig kündigen – auch wenn dies für sie mit gewaltigen Verlusten verbunden sein kann.

Laut einer Studie der Universität Bamberg in Zusammenarbeit mit der Verbraucherzentrale Hamburg haben Kunden in den vergangenen zehn Jahren 160 Mrd. Euro Verlust durch stornierte Lebens-Policen gemacht. Die Universität hatte gekündigte Verträge aus den Jahren 2001 bis 2010 untersucht und mit „sicheren Anlageformen“ verglichen.

Verbraucherschützern zufolge sind Abbrüche etwa aufgrund von falscher Beratung, wegen Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Krankheit schon heute keine Ausnahme. Die Stornoquote liege bei etwa sechs Prozent. Hohe Kosten und eine für den Kunden nachteilige Verrechnung von Kosten und eingezahlten Prämien führten dazu, dass gerade bei einer Kündigung in den ersten Jahren nach Vertragsschluss nur noch wenig Geld ausgezahlt werde.

Der GDV hält die Studie der Verbraucherschützer nicht nur für nicht repräsentativ, sondern auch für unwissenschaftlich und unseriös. „Die angebliche Schadenssumme pro Vertrag in Höhe von etwa 4000 Euro ist völlig überzogen und unrealistisch“, heißt es. Verbandsstatistiken belegten, dass die Zahl der Vertragskündigungen zurückgegangen sei.

So lag die Stornoquote 2010 nur noch bei 3,6 Prozent – nach 3,9 Prozent in 2009. Doch auch bei dieser Quote geht die Universität noch von hochgerechnet bis zu 100 Mrd. Euro Verlust im Betrachtungszeitraum aus.