Schuldenkrise

Die Angst kehrt auf das Börsenparkett zurück

Nur drei Handelstage nach dem Euro-Rettungsgipfel ist die Unsicherheit zurück – mit schweren Folgen vor allem für Italien.

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Am Montag bekamen die europäischen Finanzmärkte Besuch von einer alten Bekannten. Es war ein höchst unliebsamer Besuch. Plötzlich war die böse Tante Angst wieder da. Vor allem die Problemstaaten bekamen das Misstrauen der Märkte zu spüren – Spanien und Belgien zum Beispiel, insbesondere aber das von Silvio Berlusconi regierte Italien .

Sichtbar wurde die Angst hier in den Notierungen der Staatsanleihen: Die Risikoaufschläge, die Investoren bei italienischen Schuldtiteln mit zehnjähriger Laufzeit verlangten, sprangen deutlich über die psychologisch wichtige Marke von sechs Prozent. Selbst für zweijährige Papiere lag die Rendite am Montag bei über fünf Prozent.

In der Vergangenheit waren diese sechs Prozent bei zehnjährigen Papieren die Schwelle, jenseits derer keine problemlose Finanzierung über die Kapitalmärkte mehr möglich war. Bei Überschreiten der sieben Prozent mussten die Euroland-Partner einspringen. So war es im vergangenen Jahr bei Griechenland und Irland, und so war es dieses Frühjahr bei Portugal.

Nicht nur Staatsanleihen, auch Finanz-Aktien bekamen am Montag, passend zu Halloween, Besuch vom altbekannten Angstgespenst. Papiere der Deutschen Bank verloren in der Spitze mehr als neun Prozent an Wert. Auch die Titel der Commerzbank sackten ab.

Anderen Großbanken des Kontinents erging es nicht viel besser: In Frankreich gaben die Aktien von Société Générale und BNP Paribas um jeweils über acht Prozent nach. In Italien ist mit der UniCredit die größte Bank des Landes insgesamt nur mehr 16 Milliarden Euro wert. Vor der Finanzkrise wurde das Geldhaus noch mit 85 Milliarden Euro bewertet.

Auch der Euro bekam die Verunsicherung zu spüren. Der Kurs der Gemeinschaftswährung sackte binnen weniger Stunden um mehr als zwei Cent auf 1,3948 Dollar ab. Der Geldmarkt hatte ebenfalls seinen Angst-Schock: Der Risikoaufschlag, den Banker beim Geldverleih untereinander verlangen, schnellte auf 81 Punkte hoch. Normalerweise beträgt der Spread, den sie auf Notenbankgeld zahlen müssen, 30 Punkte. Statt sich gegenseitig Geld zur Verfügung zu stellen, parken die Kreditinstitute das Geld, das sie gerade nicht brauchen, derzeit eher bei der Zentralbank.

Verflogen ist die Euphorie der vergangenen Woche, als die Einigung auf dem Brüsseler Rettungsgipfel die Kapitalmärkte haussieren ließ. Dort hatten die Staats- und Regierungschefs ein Paket von Maßnahmen zur Stabilisierung der Währungsgemeinschaft beschlossen: Neben dem freiwilligen Schuldenerlass für Griechenland durch die Kreditinstitute und der Hebelung des europäischen Hilfsfonds EFSF auf eine Billion war dort eine Rekapitalisierung des Bankensektors ausgehandelt worden.

Optimismus verbreiteten zwei Faktoren: Abgesehen davon, dass sich die Europäer überhaupt über so viele Punkte einigten, wurde die gestärkte „Feuerkraft“ der EFSF gefeiert, der durch Fremdkapital verstärkt wird. Der Euro-Rettungsschirm will drei Milliarden Euro aufnehmen, teilte der Fonds in Luxemburg mit.

Außerdem blieb die Europäische Zentralbank (EZB) als Akteur zur Rettung der Euro-Zone im Spiel. Der scheidende EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte noch im August davon gesprochen, dass die Notenbank nur noch so lange am Markt Anleihen von Problemländern aufkaufen werde, bis der Hilfsfonds in Stellung gebracht werde. Doch die Beschlüsse von Brüssel hielten der Institution alle Türen für weitere Interventionen offen. Die Rolle der EZB wurde mit keinem Wort erwähnt.

Mit einer Billion, so wurde als Grund für die Erleichterungsrallye angeführt, ließe sich rechnerisch ein gutes Drittel der gesamten italienischen und spanischen Staatsschuld aufkaufen.

„Die Märkte hatten ihre Gute-Laune-Phase, damit ist es vorbei“, sagt Jacques Cailloux, Ökonom bei der Royal Bank of Scotland. Man habe zwar das Problem gelöst, dass der Hilfsfonds zu klein war, jedoch ein neues Problem geschaffen: dass nämlich das Fremdkapital für die Hebelung des Fonds erst mal eingeworben werden muss.

Bei einem Besuch von EFSF-Chef Klaus Regling in China hatte der potenzielle größte Geldgeber zwar Bereitschaft bekundet, das jedoch vollkommen unverbindlich. Bereits in der Vergangenheit hatte Peking Solidarität mit der Währungsunion bekundet, die Beträge, die das Reich der Mitte in der Euro-Peripherie nachweisbar investierte, waren jedoch überschaubar.

Auch die Banken-Rettung lässt bei näherem Hinsehen zu wünschen übrig. Die Politik hat den Geldhäusern bis Juni nächsten Jahres Zeit gegeben, ihre Bilanzen so zu stärken, dass sie künftige Schocks selbst abpuffern können und nicht mehr auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Das könnte jedoch bedeuten, dass die Banken Darlehen an die Wirtschaft zurückrufen oder neue Darlehen nur noch restriktiv vergeben. Experten sehen daher die Gefahr einer Kreditklemme, die das Wachstum in der Euro-Zone abwürgen könnte. Die Ökonomen der Schweizer Großbank UBS warnen bereits vor einer Rezession im ersten Halbjahr 2012.

Das wiederum könnte die Misere verschlimmern. Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit in Verbindung mit hohen Schulden und dann noch einem Wirtschaftsabschwung – das ist eine wahre Killer-Kombination.

Der neue EZB-Präsident Mario Draghi beginnt seinen achtjährige Amtszeit in einer schweren Zeit. Denn die hässliche Tante Angst, so scheint es, ist gekommen, um zu bleiben.

Verbinden Sie sich mit Morgenpost Online-Autor auf Twitter. Holger Zschäpitz hat vor allem die Schuldensucht der Staaten im Blick.

Daniel Eckert ist Währungsexperte und twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan.