Finanzkrise

Ratingagenturen sind die Buhmänner der Finanzkrise

Für eine Reform der Ratingagenturen oder die Gründung einer Konkurrenz fehlt der große Wurf. Das Oligopol macht derzeit hohe Gewinne.

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Da kann Politikern schon mal der Kragen platzen: "Erschütternd" und "empörend" finde er es, sagte Bundespräsident Christian Wulff in einem Sommerinterview, dass die großen Ratingagenturen weiter so viel Macht hätten und für Fehleinschätzungen nicht in Haftung genommen würden.

Er ist nicht der einzige Politiker, der Standard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch gern mal eine Ohrfeige verpasst. Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 stehen die Notenvergeber im Kreuzfeuer der Kritik – und im Fokus der Aufsichtsbehörden. Es gibt Pläne für eine Art europäische Revolution der Branche, doch dazu fehlen noch die politischen Entscheidungen.

Die Ratingagenturen benoten die Kreditwürdigkeit von Staaten bis hin zur Sicherheit neu ausgegebener Unternehmensleihen. Als fatal erwies sich, dass sie vor der Finanzkrise zum Teil Bestnoten für Papiere vergaben, in denen jede Menge "Müll" steckte – zum Beispiel faule Immobilienkredite. Kritisiert wird zum einen, dass nur drei große Anbieter mit US-amerikanischen Wurzeln den Markt beherrschen.

Die Wissenschaftler Hanno Beck und Helmut Wienert von der Hochschule Pforzheim sprechen von einem "engen Oligopol mit hohen Gewinnspannen und schlechter Bewertungsleistung". Als besonders problematisch gilt zum anderen, dass die Ratingagenturen sich für ihre Dienstleistung von demjenigen bezahlen lassen, den sie bewerten – also etwa dem Emittenten eines Wertpapiers. Der Verdacht liegt nahe, dass die Noten deshalb besser ausfallen als nötig. Die Ratingagenturen verweisen auf ein völlig unabhängiges Bewertungsverfahren, das helfe, solche Interessenskonflikte einzudämmen.

Seit Anfang des Jahres wacht in Europa die neue EU-Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA über die Ratingagenturen. Doch Kritikern reicht das nicht. "Wir brauchen einen neuen Mitspieler auf dem Markt, um mehr Wettbewerb zu fördern", glaubt Roland-Berger-Partner Markus Krall. Die Unternehmensberatung hat aus eigener Initiative ein Modell für eine europäische Ratingagentur entwickelt – keine staatliche Behörde, sondern eine privat finanzierte Stiftung.

Dafür sammeln Krall und seine Mitstreiter derzeit Startkapital. Außerdem solle die Benotung künftig über eine Plattform laufen, die auch den US-Riesen und neuen, kleineren Anbietern offen stehen würde. Dieses Modell – statt Plattform ist auch von einem Pool oder einem Fonds die Rede – ähnelt einem Vorschlag der Wissenschaftler Beck und Wienert. Die Idee ist, dass über so eine Zwischenstufe die Ratings selbst und die Beziehung zwischen Auftraggeber und Anbieter transparenter werden. Bei Roland Berger sollen künftig auch nicht mehr die Emittenten, sondern die Investoren für die Ratings zahlen.

Doch ohne die Politik geht es nicht, denn für die Plattform wären Gesetzesänderungen notwendig. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hält eine privatwirtschaftliche europäische Ratingagentur für sinnvoll. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier zeigt sich bisher zurückhaltend, will aber im Herbst ein eigenes Konzept vorlegen – allerdings war dies auch schon mal für den Herbst 2010 angekündigt. Ein europäisches Gegengewicht würde viel politischen Mut erfordern, meint Wissenschaftler Beck. Einfacher sei es, gerade in der Euro-Schuldenkrise weiter auf die US-Ratingagenturen einzudreschen. Allerdings: "Mit den Schuldenproblemen haben die Ratings nichts zu tun", gibt der Ökonom zu bedenken.

Bei den großen Ratingagenturen wird die Entwicklung aufmerksam verfolgt. "Wir haben nichts gegen mehr Wettbewerb, aber es muss gleiche Bedingungen für alle geben", heißt es bei einem Anbieter. Standard & Poor’s, zuletzt kritisiert für die Herabsetzung der Top-Bonität der USA, hat derzeit auch noch mit anderen Problemen zu kämpfen: Unternehmenschef Deven Sharma tritt ab – Hintergrund ist Branchenkennern zufolge ein Konflikt mit Aktionären des Mutterkonzerns, die auf eine Abspaltung des so profitablen Ratinggeschäfts drängen.