Late Night "Maybrit Illner"

"Amerika hätte es nie in die Euro-Zone geschafft"

Ganz ohne Populismus diskutierten renommierte Gäste bei Maybrit Illner über die Finanzkrise. Zu Lösungen führte die Runde nicht. Aber zu Aufklärung.

Die Symptome waren anfangs nicht so schwerwiegend und deuteten nicht auf eine ernst zu nehmende Krankheit hin. Hier ein Kratzen im Hals, dort ein wenig Husten. Das komplexe System schien weitestgehend im Takt. Doch das Gesundheitsbild des Patienten Europa, dessen Länder Griechenland, Portugal und Irland am Infekt Schuldenkrise erkrankten, verschlechtert sich zunehmend.

Denn die Krankheit befällt mit Italien seit einigen Tagen auch sein wichtigstes Organ, das Zentrum Europas. Es scheint, als hätte sich Europa zu sehr verausgabt. Der Hustenanfall geht mit jedem Tag hörbarer in schmerzliches Röcheln über.

Was also tun, würde man die Fachärzte verzweifelt fragen. Gibt es überhaupt noch eine Chance, den Patienten zu heilen? Die Mediziner in Gestalt der Politiker haben darauf bisher jedenfalls keine hinreichende Antwort gefunden. Allein mit der endlosen Einnahme von Medikamenten in Form von Geld scheint Europa nicht geholfen. Und damit drängt sich zunehmend die Frage auf, die Maybrit Illner als Thema ihrer Talkrunde in den Raum warf: „Flächenbrand im Euro-Land – Wer rettet unser Geld?“

Die Frage, wer denn dazu überhaupt fähig wäre, erübrigt sich, so will man jedenfalls meinen, mit Blick auf die Politiker, die sich mit konkreten Lösungsvorschlägen bisher mehr als schwer getan haben.

Selbst Alexander Graf Lambsdorff, FDP-Vorsitzender im Europaparlament, gab an diesem Abend freimütig zu: „Ich würde mir manchmal wünschen, dass unsere Regierungen ihre Entscheidungen rechtzeitig treffen.“ Denn oft genug hinkten in der Vergangenheit die Staaten den Finanzmärkten in ihren Entscheidungen hinterher.

Doch wie also beispielsweise Griechenland helfen? „Focus“-Chefredakteur Wolfram Weimer bezeichnete es als größte Katastrophe, die Griechen einfach pleitegehen zu lassen.

Für Lambsdorff kommt deshalb, wie der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle erst vor Kurzem an gleicher Stelle verkündete, eine zeitnahe Umschuldung in Betracht. Siegfried Brugger, Mitglied des italienischen Abgeordnetenhauses, brachte zudem die Idee ins Spiel, feste Finanzregeln in die Verfassungen aufzunehmen.

Während mit Griechenland, Portugal und Irland die Finanzkrise an den Rändern Europas schon etwas länger wütet, ist sie für das bisher wirtschaftlich stabile Zentrum Europas neu. Italien ist zum knallharten Sparen gezwungen, will das Land keine Abwertung durch US-Ratingagenturen erfahren. Und als wäre die Krise in Europa nicht schon ernst genug, beherrscht das Schulden-Virus nicht erst seit heute auch die USA, die nach bisheriger Lage der Dinge Anfang August zahlungsunfähig wären.

Dass die Finanzprobleme der Amerikaner erst jetzt ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten, hat einen einfachen Grund: Sie haben es lange Zeit verstanden, von ihren eigenen Problemen das Augenmerk der Finanzmärkte auf die Finanzkrise Europas zu richten.

„Im Grunde ist der Dollar das zentrale Thema“, gab Wirtschaftsjournalist Frank Lehmann zu bedenken. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsförderung, pflichtete ihm bei, dass die USA lange Zeit über ihre Verhältnisse gelebt hätten. Und Finanzjournalistin Silvia Wadhwa fügte schmunzelnd hinzu: „Die hätten es nie in den Euro geschafft.“

Doch der Euro hat derzeit selbst an der Verschuldungskrise zu knabbern. Die Euro-Krise scheint immer mehr um sich zu greifen. Was nützt es da, den Blick über den Atlantik zu werfen.

Zu viel Geld geben die Staaten aus, was Wolfram Weimer zu der altbekannten Regel brachte: „Gibt nicht mehr aus, als du hast.“ Italien treibt aus Angst vor den Ratingagenturen seine Sparbemühungen voran.

Der italienische Abgeordnete Brugger sah dabei auch Bundeskanzlerin Angela Merke in einer verantwortlichen Position: „Merkels Anruf bei Berlusconi war richtig.“ Sie habe beim italienischen Staatschef den nötigen Druck ausgeübt.

lllners Gäste waren sich jedoch darüber einig, dass die Lage Italiens längst nicht so prekär ist wie in Griechenland. „Italien kann sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen“, sagte Weimer. Sinn ergänzte: „Italien kann seine Steuern erhöhen, sie können die Schulden zurückzahlen. Sie müssen es nur wollen.“

Auch wenn an diesem Abend ein Patentrezept für den Patienten Europa nicht gefunden wurde, so zeigte sich doch eine rege, interessante Diskussion, die dieses Mal – „endlich!“ möchte man rufen – ohne populistischen Äußerungen daherkam, was vor allem den fachkundigen Gästen wie Lehmann, Sinn und Weimer geschuldet war.

Die hatten zwar reichlich Lösungsvorschläge, das Finanzproblem wird Europa trotzdem die nächsten Tage und Woche weiter beschäftigen werden. „Die Schulden sind ein Riesenproblem, der Euro ist es nicht.“

Man möchte der Journalistin Wadhwa zustimmen, und doch, das Vertrauen in die gemeinsame Währung schwindet. Vielleicht sei es mit dem Euro ja doch so wie mit der Liebe, gab Moderatorin Illner zu bedenken. „ Wenn das Vertrauen weg ist , dann geht nicht mehr viel.“