Krise

Die Börsen suchen nach einer neuen Finanzordnung

Der Dax fällt unter 6000 Punkte, der Goldpreis steigt auf einen neuen Rekordwert. Nach der Herabstufung der USA fehlt ein Anker.

Foto: Infografik Welt Online

Einen „schwarzen Montag“ hatten viele erwartet. Eine neue Panikwelle. Den totalen Ausverkauf als Reaktion auf den Verlust des AAA-Ratings für Staatsanleihen der USA. Wie 1987, als deutsche Aktien innerhalb von Minuten zweistellig crashten. Zwar kam es zu Wochenbeginn nicht ganz so dramatisch. Mit einem Minus von fünf Prozent bescherte der Deutsche Aktienindex (Dax) den Anlegern dennoch herbe Verluste.

Vor allem rutschte der Index zum ersten Mal seit einem Jahr unter die psychologisch wichtige Marke von 6000 Punkten – erst vor einer Woche hatte er die Grenze von 7000 Zählern nach unten durchbrochen. Der Salami-Crash geht ungehindert weiter . Es war der neunte Tag in Folge mit Minuszeichen. Seit Ende Juli hat der Dax 20 Prozent an Wert eingebüßt. Noch schlimmer erwischte es die zweite Reihe. Der MDax verlor sogar fast sieben Prozent.

Und die Vorzeichen lassen nicht auf eine baldige Trendwende schließen. Vielmehr dürfte der Markt auf Monate damit beschäftigt sein, ein neues Gleichgewicht zu finden. Die Börsianer betreten völliges Neuland. Denn seit die Ratingagentur Standard&Poor’s den USA die Bestnote AAA entzogen hat, steht die Finanzwelt erstmals ohne Anker da. Solange es Ratings für Staaten gibt, hatten die Vereinigten Staaten mit ihrer Leitbörse das Dreifach-A. Abgestuft wurden auch die wichtigen US-Finanzdienstleister Fannie Mae und Freddie Mac, deren Schulden die USA garantieren.

Der Montag begann zunächst alles andere als schwarz. Eine Stunde nach Handelsbeginn lag der Dax sogar leicht im Plus. Offenbar half den europäischen Börsen der Beschluss der Europäischen Zentralbank vom Sonntag, italienische und spanische Staatsanleihen aufzukaufen. „Die Notfallmaßnahmen der EZB scheinen zu greifen“, sagte Robert Halver, Chefanalyst der Baader Bank. Bester Beleg: Die Renditen italienischer und spanischer Staatsschuldentitel sanken drastisch, zeitweise lagen sie einen ganzen Prozentpunkt unter den Rekordwerten vom Freitag.

Die Intervention der EZB schien zunächst auch am Aktienmarkt zu greifen. Börsianer langten zu. Doch während der Effekt bei den Staatsanleihen anhielt, verpuffte er bei den Aktienkursen recht schnell wieder. Geblieben ist hier die extreme Schwankungsbreite, die anschaulich vom Volatilitätsindex VDax gemessen wird. In den vergangenen Tagen hat sich der Wert des Angstbarometers mehr als verdoppelt und mit 41 Punkten wieder ein Niveau erreicht wie zuletzt während des Höhepunkts der Finanzkrise im Winter 2008/2009 sowie zu Beginn der Griechenlandkrise. Und was dieser Index in eine Zahl übersetzt, das kann jeder Anleger auch mit eigenen Augen beobachten – mal steigt der Dax innerhalb von Minuten 150 Punkte, danach stürzt er ebenso schnell wieder 200 Zähler. Ein permanentes Auf und Ab.

Darin drückt sich extreme Unsicherheit aus, und diese hat einen guten Grund. „ Dieser Crash hat eine neue Dimension “, sagt Joachim Llambi von der Schnigge Wertpapierhandelsbank. Denn anders als bei der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers war diesmal nicht ein einzelnes Ereignis der Auslöser der Turbulenzen der vergangenen Woche. Es kamen gleich mehrere Gründe zusammen.

US-Wirtschaft ist schwächer als vermutet

Zum einen die Zuspitzung der Schuldenkrise mit Fokus auf Italien und den USA, darüber hinaus wurde gleichzeitig aber auch klar, dass die US-Wirtschaft wesentlich schwächer ist als bislang angenommen, vielleicht sogar wieder in die Rezession schliddert. Und schließlich zeigten die Politiker in den USA und Europa, dass sie ganz offensichtlich völlig überfordert sind und von ihnen keine stabilisierende Wirkung ausgehen kann – eher im Gegenteil.

Und zu allem Überfluss schauen inzwischen auch immer mehr Investoren kritisch auf Frankreich – die Prämien für Versicherungen auf die Staatsanleihen des Landes stiegen auf ein Rekordhoch. Mit der Entscheidung der Ratingagentur S&P, der USA die Top-Note „AAA“ abzuerkennen, rücke „Kern-Europa“ in den Kreis möglicher Abstiegskandidaten, begründen die Analysten von Brown Brothers Harriman diesen Trend.

Folglich suchen die Anleger derzeit weiter verzweifelt nach sicheren Häfen. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala rangiert immer noch Gold. Dessen Preis überwand erstmals die Marke von 1700 Dollar je Unze (31,1 Gramm). Auch in Euro gerechnet erreichte er einen neuen Rekordwert und übersprang erstmals die Schwelle von 1200 Euro. Diejenigen, die nach wie vor in Aktien investieren, nehmen innerhalb dieses Anlagesegmentes Verschiebungen vor. Sie flüchten vor allem aus Aktien von Unternehmen mit zyklischem Geschäft.

ThyssenKrupp verliert am stärksten

Der Stahlhersteller ThyssenKrupp hat daher beispielsweise innerhalb von nur einer Woche rund ein Drittel seines Wertes eingebüßt. Andererseits halten sich jedoch Firmen relativ gut, deren Geschäft weniger stark von der Konjunktur abhängt. So hielten sich die Aktien der Telekom noch am besten. Ähnliches galt für die Allianz oder die Münchener Rück. Und es ist sicher kein Zufall, dass diese Firmen mit die höchsten Dividendenrenditen unter den Dax-Unternehmen ausweisen. Denn die relativ hohen Dividenden bilden einen Puffer, der Kursverluste etwas abfedert.

Diese Maßnahmen folgen letztlich altbekannten Reflexen, die so schon immer praktiziert wurden, wenn eine Rezession drohte. Jeder Aktienhändler hat diese verinnerlicht: raus aus riskanten Anlagen, rein in sichere Anlagen. Nach einigen Wochen hat sich dann ein neues Gleichgewicht eingestellt und die Börsen kommen wieder in ruhigeres Fahrwasser.

Diesmal geht der Umbruch jedoch tiefer, und die Aberkennung des AAA-Ratings für die USA ist dafür das sinnfälligste Symbol : Das Finanzsystem befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Alte Gewissheiten und Fixpunkte gelten nicht mehr, neue müssen sich erst finden. Die Tage, in denen die USA der alleinige Anker der Finanzwelt waren, sind gezählt. Selbst wenn das Land seine Top-Note wieder zurückgewinnen sollte – was jedoch normalerweise lange dauert, wie die Erfahrung in anderen Ländern zeigt – so wird seine Macht auf den Finanzmärkten nicht mehr die alte sein.

China als neuer Fixpunkt ist aber noch zu schwach. Und welche Rolle Europa künftig spielen wird, steht in den Sternen. Die Situation erinnert ein wenig an die Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, als die einstige Großmacht Großbritannien abgedankt hatte, die USA jedoch noch nicht in die Führungsrolle gewachsen war. Auch damals kam es zu heftigen Schwankungen an den Börsen.

Ein Paradigmenwechsel ist an den Märkten im Gange, der noch einige Jahre andauern wird. Das neue Gleichgewicht muss sich allmählich finden. Anleger müssen sich auf eine lange Phase hoher Schwankungen gefasst machen – in beide Richtungen. Prognosen abzugeben ist heute schwerer denn je, sowohl mittel- als auch kurzfristig. Ein Händler auf dem Frankfurter Parkett bringt die neue Unsicherheit auf den Punkt. „Vielleicht steht der Dax Ende der Woche 500 Punkte höher, vielleicht auch 500 Punkte tiefer.“ Für beide Entwicklungen werde es danach wieder Erklärungen geben. „Alles lässt sich im Nachhinein begründen, nur vorher weiß es halt niemand.“