Chaostag

Experten streiten über die Bedeutung des Crashs

Panikverkäufe lassen Dax erst neun Prozent einbrechen und dann wieder acht Prozent steigen. Ein Wendepunkt oder nur eine Korrektur?

Foto: Infografik WELT ONLINE

Der Deutsche Aktienindex hat auf seiner Talfahrt der vergangenen Tage eine Reihe neuer Rekorde aufgestellt. Am Dienstagvormittag verlor er nach gutem Start innerhalb von nicht einmal eineinhalb Stunden mehr als 500 Punkte oder neun Prozent an Wert bevor er am Nachmittag die Verluste fast vollständig wieder aufholte und am Tagesende nahezu unverändert den Handel beendete.

Der Dax legte an einem Tag so viele Punkte nach oben und unten zurück, wie er sonst nur in einem Jahr schwankt. Entsprechend erinnerte der Intraday-Kursverlauf vom Dienstag eher an den Dax-Chart eines Zwölf-Monatszeitraums.

Zwischenzeitlich summierten sich die Verluste der vergangenen zehn Handelstage auf 25 Prozent. So viel hat der Dax noch nie in so kurzer Zeit verloren. Der Crash auf Raten hat in Deutschland 275 Milliarden Euro an Börsenwerten vernichtet. Der Vermögensschaden entspricht knapp zwölf Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.

Unter Experten ist ein Streit über die Deutung des Börsencrashs entbrannt . Während die einen von einer vorübergehenden gesunden Korrektur der in den Vorwochen zu hoch gelaufenen Aktienkurse sprachen, warnten andere vor einem erneuten Einbruch der Weltwirtschaft. Entsprechend rieten Erstere zum Einstieg auf diesem aus ihrer Sicht niedrigen Niveau.

Experten sind sich uneinig

Andere sehen den Crash auf Raten noch nicht für beendet. Wie groß die Unsicherheit unter den Profis ist, machte die DZ Bank deutlich. Deren Strategen hatten zu Wochenbeginn noch am Dax-Kursziel für Ende 2011 von 7900 Punkten festgehalten, um nur einen Tag später die Prognose um nicht weniger als 1700 Punkte auf 6200 Zähler zu reduzieren.

Offenbar standen die DZ-Banker unter dem Eindruck der Turbulenzen vom Dienstag. Händler sprachen auch auf dem Parkett von chaotischen Zuständen. Bis kurz vor Handelsschluss wechselten fast 400 Millionen Aktien die Hände, so viele wie seit Ende 2008 nicht mehr, als die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers eine Schockwelle nach der anderen um den Globus jagte.

„Tagelang haben wir auf eine richtige Panik an den Märkten gewartet, jetzt haben wir sie“, sagte ein Händler. Ablesen ließ sich das auch am Angstbarometer VDax. Der Volatilitätsindex schnellte in der Spitze auf 54,6 Punkte empor. Auch das war der höchste Wert seit 2008. Gemessen am VDax war die Panik vergleichbar mit der Asien- und Russland-Krise im Jahr 1998 und nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center 2001.

In der Vergangenheit stellte sich ein solcher Ausverkauf, bei dem auch die lange noch Zögerlichen endgültig die Nerven zu verlieren scheinen, im Nachhinein als Wendepunkt an der Börse heraus. Freilich wurde auch immer erst danach klar, wann wirklich der höchste VDax-Wert erreicht war. 2002, nach dem Enron-Skandal nahm die Panik in einem zweiten Anlauf genauso noch einmal zu, wie 2008, als es ebenfalls mehrere Anläufe gab, bevor der Markt drehte.

BMW setzt sich an die Spitze

Doch zumindest lässt sich das gestrige Marktgeschehen als erstes Hoffnungszeichen seit Beginn der Talfahrt Ende Juli werten. Der Dax beendete zwar den zehnten Tag im Minus, jedoch fiel dieses mit 0,1 Prozent auch im Vergleich zu den Abschlägen der Vortage klein aus. Auch das Bild der Aktienfavoriten änderte sich: Statt der defensiven, dividendenstarken Titel von RWE , E.on, Deutsche Telekom, die sich in den Vortagen noch wacker schlugen, rangierten nun auf der Liste der Tagesgewinner konjunkturempfindliche Unternehmen wie BMW , Infineon und Thyssen Krupp ganz vorn.

Die Panikverkäufe an den Aktienmärkten machen den Börsenpropheten das Leben schwer. Zeugt es lediglich von der Nervosität einiger Marktakteure sowie computerbasierten Ausverkaufprogrammen, oder kündet es von einer neuen globalen Wirtschaftskrise. Für die erste Lesart spricht, dass die Fundamentaldaten weiter günstig sind. Gemessen an den prognostizierten Gewinnen für das kommende Jahr weist der Dax gerade einmal ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von acht auf. Das liegt deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von zwölf.

Analysten revidieren Dax-Prognose

Allerdings liegen diesen Gewinnschätzungen noch Steigerungen von zwölf Prozent in 2012 zugrunde. Dass diese Zuwächse wirklich noch erreicht werden können, daran zweifeln die Volkswirte zunehmend. „Diese Annahme steht nach unserer Einschätzung zunehmend im Risiko, da zusätzlich zu initiierende Sparprogramme die Nachfrage eintrüben dürften“, begründen die Experten der DZ Bank ihren plötzlichen Meinungsumschwung.

Auch die Deutsche Bank senkte ihre Prognose für den deutschen Leitindex Ende Dezember am Dienstag auf 6800 Punkte. Noch Ende Juli hatte das Institut 8000 Punkte ausgegeben. Auch die Experten des deutschen Branchenprimus verweisen nun auf schwächere Gewinnaussichten. Sie rechnen damit, dass die am Markt derzeit gültigen Ertragsprognosen um 15 Prozent zu hoch gegriffen sind. Die Experten von Silvia Quandt hingegen halten an ihrem Kursziel von 8300 Punkten fest.

Extrem pessimistisch ist hingegen der Stratege der Société Générale, Albert Edwards: „Die schlichte Wahrheit ist, dass die Welt am Abgrund steht, wenn nicht gar schon einen Schritt weiter.“