Konjunktur

Warum die Lage bedrohlicher wirkt als nach Lehman

Die Weltwirtschaft fürchtet sich vor einer Neuauflage der Krise von 2008. Doch es gibt erhebliche Unterschiede zur damaligen Situation.

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Der 15. September 2008 hat sich tief in das Gedächtnis des Weltfinanzsystems eingebrannt. Es war der Tag, an dem die US-Investmentbank Lehman Brothers Pleite ging. Der Bankrott brachte das Weltfinanzsystem an den Rand des Kollapses. Erst brachen Aktienkurse ein, dann die Konjunktur – und das gleichzeitig auf der ganzen Welt. Zig Millionen Menschen verloren ihre Ersparnisse und ihre Jobs.

Fast genau drei Jahre später haben die europäische Schuldenkrise und Konjunktursorgen in den USA zu großer Verunsicherung unter Anlegern geführt. Wieder rauschen die Börsen in den Keller, wieder könnte die Unruhe von den Finanzmärkten auf die Konjunktur überspringen. Überall auf der Welt stellt man sich deshalb bang die eine Frage: Droht eine Neuauflage von 2008? Die beiden Krisen lassen sich nur schwer miteinander vergleichen. Gerade die Unterschiede lassen aber die aktuelle Misere gefährlicher erscheinen als die Krise von 2008, zeigt ein Vergleich.

Die Ursprünge

Der Ursprung beider Krisen ist derselbe: Beide sind durch zu hohe Schulden entstanden. Der große Unterschied: 2008 waren es vor allem Konsumenten und Häuslebauer, die unter ihrer Schuldenlast zusammenbrachen, weil ihnen Banken zu großzügig Kredite gewährt hatten.

Dieses Mal sind es die Staaten, die zu viel Kredit aufgenommen haben. „Statt einer Bankenkrise haben wir jetzt eine Staatskrise, einst war die Politik der Retter, heute sind sie selbst das zu rettende Opfer“, sagt Robert Halver, Chefanalyst der Baader Bank. Gingen die Turbulenzen vor drei Jahren von der Immobilienkrise in den USA aus, stehen nun Europa und seine Schuldenstaaten im Auge des Sturms. Anders als 2008, als die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers das Fass zum Überlaufen brachte, ist diesmal nicht ein einzelnes Ereignis der Auslöser für die Unruhen. Es kamen gleich mehrere Gründe zusammen: zum einen die Zuspitzung der europäischen Schuldenkrise mit Fokus auf Italien und zum anderen die Abschwächung der US-Wirtschaft, die vielleicht sogar in eine Rezession schliddert.

Die Reaktion der Investoren

2008 war die Finanzwelt nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers schockgefroren. Über Nacht halbierte sich die Zahl großer US-Investmentbanken. Banken wussten nicht, wie viele Schrottpapiere andere Finanzhäuser in ihren Büchern stehen hatten. Sie vertrauten sich nicht mehr und liehen sich untereinander kein Geld. So gerieten viele Banken in Bankrottgefahr. Auf der ganzen Welt mussten deshalb Staaten die Finanzhäuser mit vielen Milliarden retten. Gleichzeitig stornierten Unternehmen rund um den Globus ihre Aufträge, weil sie nicht wussten, wie es mit der Konjunktur weiterging. Die Weltwirtschaft legte eine Vollbremsung sondergleichen hin. Ökonomen beschrieben dies damals mit dem Begriff „Unsicherheitsschock“.

Die Weltwirtschaft 2011 ist von diesem Schreckensszenario noch ein Stück entfernt. „Aber die Unsicherheit auf den Finanzmärkten steigt dramatisch an. Der Welt droht ein neuer Unsicherheitsschock“, warnt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Der Ökonom misst die Nervosität der Investoren mit einem selbst entwickelten Indikator. Und der zeigt an: Die Lage ist angespannter als im Mai 2010 auf dem ersten Höhepunkt der Griechenland-Krise, Tendenz steigend. Wenn es schlecht läuft, könnte die Panik auf den Finanzmärkten noch größer werden – ähnlich groß wie vor drei Jahren. Einen großen Unterschied gibt es aber auch hier: 2008 haben die Banken die Vertrauenskrise verursacht. Die Glaubwürdigkeit der Politik stand nicht in Frage.

Nicht zu Unrecht: Auf der ganzen Welt koordinierten Regierungen und Zentralbanken damals ihre Rettungsmaßnahmen, sie legten große Konjunkturprogramme auf und senkten die Zinsen auf Rekordtiefs ab, um das Vertrauen auf den Finanzmärkten wiederherzustellen. Nun aber müssen die Staaten ihre eigene Schuldenkrise lösen. Und das bekommen sie bislang offenkundig nicht hin. „Früher hat die Politik die Märkte stabilisiert. Aktuell ist das Gegenteil der Fall“, sagt ein Börsenhändler. „Die Krise ist eine Krise der Glaubwürdigkeit der handelnden Akteure“, sagt der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt mit Blick auf die europäische Währungsunion. „Es kann nicht sein, dass man eine Notmaßnahme an die andere reiht und das dann als langfristige Strategie verkaufen will.“ Ein nicht viel besseres Bild geben die USA ab: Dort war der heftige Streit zwischen Demokraten und Republikanern um die Schuldengrenze ein Grund für die Ratingagentur Standard & Poor's, die Kreditwürdigkeit des Landes herunterzustufen. Die US-Politik sei zu unberechenbar geworden, lautete das bittere Urteil der Agentur.

Die Rahmenbedingungen

Es gibt aber auch ein paar Lichtblicke, besonders in der Privatwirtschaft: Viele Unternehmen sind – ähnlich wie 2008 – kerngesund, haben Rekordgewinne eingefahren und für Krisenzeiten viel Kapital in der Hinterhand. Die Banken stehen nicht gut, aber zumindest besser da als vor drei Jahren.

Sie sind ein gutes Stück vorangekommen, ihre Bilanzen von Schrottpapieren zu säubern. Der US-Immobilienmarkt hat den schlimmsten Preisrutsch hinter sich, viele Haushalte in den USA haben zumindest einen Teil ihrer Schulden abgebaut. „Ganz entscheidend ist auch: Es droht so schnell keine Kreditklemme“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der VP Bank.

Die Notenbanken hätten in den vergangenen Jahren viel Geld ins System gepumpt, Liquidität sei ausreichend vorhanden. Laut Moody's können sich Unternehmen so billig Kredite besorgen wie seit 1966 nicht mehr. Allerdings ist das alles kein Garant dafür, dass es nicht zu einem neuerlichen Unsicherheitsschock kommen kann. Zumal das konjunkturelle Umfeld trist ist. Die Arbeitslosigkeit ist in vielen Ländern in den vergangenen drei Jahren stark gestiegen. In den USA liegt sie bei über neun Prozent. In Europa ist die Arbeitslosigkeit in den Krisenstaaten ebenfalls in die Höhe geklettert, in Spanien etwa auf 20 Prozent.

Die Abwehrmaßnahmen

Das größte Problem der Regierungen und Notenbanken ist: Sie können einer neuen Krise kaum etwas entgegensetzen. „Die Wirtschaftspolitik hat ihr Pulver verschossen. Das ist einer der größten Unterschiede zu 2008“, sagt Krämer. Wenn die Staatschefs neue Konjunkturprogramme auflegten, würde das ihre Schulden noch mehr in die Höhe treiben. Die Notenbanken können ebenfalls nicht viel ausrichten. Als die Krise 2008 ihren Lauf nahm, lagen die Zinsen in Europa und den USA auf hohem Niveau. Heute sind die Zinsen in den USA immer noch auf dem Rekordtief, in Europa nicht weit darüber. Erschwerend kommt hinzu, dass anders als 2008 China diesmal nicht die Rolle des Impulsgebers spielen kann.

Damals war die Volksrepublik das erste Land, das mit einem Konjunkturprogramm die Krise bekämpfte. Heute muss China ein Ausufern der Inflation verhindern – und dafür muss sie das Wachstum abbremsen. Der Instrumentenkasten der Politik ist leer geräumt. Doch Experten sind sich ohnehin einig: Neue Konjunkturprogramme lösen die Krise nicht. Das Kernproblem ist ein anderes: Das mangelnde Vertrauen der Märkte in die Politik.