Hickhack um Haushalt

Die zehn wichtigsten Fragen zur US-Krise

Auf der ganzen Welt schauen Sparer und Anleger nervös auf die USA. Morgenpost Online erklärt, was Sie über die Schuldenkrise wissen müssen.

Wenn sich die Politiker in den USA bis Dienstag nicht einigen, kann das weitreichende Folgen für die Finanzmärkte haben. Die Börsen würden durcheinander gewirbelt. Sparer müssen mit turbulenten Zeiten rechnen.

Geht der US-Regierung am 2. August das Geld aus?

Am 2. August wird die Schuldenobergrenze, die in den USA per Gesetz definiert ist, erreicht. Ab diesem Zeitpunkt darf das Finanzministerium daher keine neuen Schulden mehr aufnehmen. Das heißt dennoch nicht, dass die Regierung ab diesem Datum keine Rechnungen mehr bezahlen kann. Denn sie hat ja laufende Einnahmen, für den Monat August werden diese sich auf etwa 172 Milliarden Dollar belaufen. Allerdings stehen dem Ausgabeverpflichtungen von 306 Milliarden Dollar gegenüber.

Das bedeutet, dass die Regierung Prioritäten setzen muss. Es wird angenommen, dass Zinszahlungen oberste Priorität haben werden, erst danach zum Beispiel Renten- und Sozialleistungen ausgezahlt werden. Aber selbst wenn die USA ihre Schulden nicht mehr bedienen, würde das nicht bedeuten, dass sie pleite wären. Denn während Griechenland seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte, ist es in den USA eine Frage des Wollens. Es steht außer Frage, dass Washington an den Finanzmärkten jederzeit wieder neues Geld aufnehmen kann, wenn die Schuldenobergrenze erhöht worden ist. Und dann können auch die Schulden wieder bedient werden.

Hat es eine ähnliche Situation schon einmal gegeben?

Es gab diese Situation schon mehrmals. 1995/96 stritt sich Präsident Bill Clinton mit dem Kongress um eine Erhöhung der Schuldenobergrenze. Damals wurde sie nicht rechtzeitig erhöht, sodass es zu einer Zahlungsunfähigkeit kam. Sie dauerte insgesamt 25 Tage. Die Staatsangestellten mussten in unbezahlten Zwangsurlaub gehen, Nationalparks wurden geschlossen, Krankenhäuser nahmen keine Patienten mehr auf. Zinszahlungen liefen jedoch weiter.

Anders im Jahr 1979. Damals kam es in einer ähnlichen Situation sogar zu einem Aufschub der Zinszahlungen. Drei Anleihen wurden nicht mehr bedient, es ging um insgesamt 120 Mio. Dollar. Nach einigen Wochen, als der Streit beigelegt war, wurden die Zahlungen jedoch nachgeholt.

Daher werteten die Ratingagenturen dies auch nicht als Zahlungsausfall. 1979 zogen in der Folge die US-Zinsen für mehrere Monate deutlich an, 1996 dagegen sanken sie anschließend sogar. Im letzten Fall war jedoch eine Folge, dass Präsident Clinton sich zu einem strikten Sparkurs entschloss und wenige Jahre später das US-Budget sogar einen Überschuss ausweisen konnte.

Warum sind US-Schulden so wichtig für die Märkte?

Das größte Problem hätten mal wieder die Banken. Um sich zu refinanzieren, hinterlegen sie Sicherheiten, in den meisten Fällen sind dies US-Staatspapiere. Über 40 Prozent der Staatsanleihen werden heute dafür genutzt.

Wenn die USA zahlungsunfähig würden, könnte es sein, dass diese Sicherheiten nicht mehr akzeptiert werden – damit könnten sich die Banken nicht mehr refinanzieren und eine Lage wie nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers wäre erreicht. Ob es selbst bei einem Zahlungsausfall überhaupt so weit käme, ist zwar nicht klar. Aber allein die Unsicherheit ist schon Problem genug, so dass die Nervosität von Tag zu Tag wächst und viele Banken inzwischen Bargeld horten. Zudem wäre ein Zahlungsstopp auch eine große Belastung für Millionen Amerikaner und damit für die Wirtschaft.

Jeder siebte US-Bürger, rund 45 Millionen Menschen, lebt heute von Lebensmittelkarten. Aber auch Firmen, die für die Regierung arbeiten, blieben auf ihren Rechnungen sitzen. Im schlimmsten Fall könnte es zu einer neuerlichen Rezession kommen, mit allen Folgen für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte.

Brechen auch die Aktienmärkte in Europa ein?

Die größten Feinde der Aktienmärkte sind nicht schlechte Nachrichten selbst. Viel stärker belastet sie immer die Unsicherheit, ob schlechte Nachrichten kommen oder nicht. Genau dies ist derzeit der Fall, und daher gaben die Kurse im Laufe dieser Woche auch schon deutlich nach.

So lange sich die streitenden Parteien in Washington nicht einigen können, wird es daher auch zu keiner Trendwende kommen. Vielmehr dürfte es nach und nach weiter bergab gehen. Und dies gilt für die Börsen weltweit, da sich Europas Finanzmärkte nicht von den amerikanischen abkoppeln können. Doch nicht nur die Märkte spüren die Unsicherheit. Gleiches gilt für die Unternehmen. Einer Umfrage unter Finanzverantwortlichen der US-Firmen zufolge, fürchtet mehr als die Hälfte einen erschwerten Kapitalzugang, ebenso viele haben bereits vorbeugende Maßnahmen ergriffen, indem sie Kosten gekürzt und einen Einstellungsstopp verhängt haben.

Und schließlich ist auch das Konsumentenvertrauen zuletzt deutlich gesunken. All dies drückt auf die Konjunktur sowie die Firmengewinne und damit zusätzlich auf die Aktienkurse.

Was bedeutet eine US-Pleite für Staatsanleihen?

Gemeinhin würde man damit rechnen, dass die Nachfrage nach US-Staatsanleihen drastisch einbricht, wenn die Vereinigten Staaten keine Zinsen mehr zahlen. Wer will einem solchen Schuldner noch Geld geben? Doch so einfach ist die Sache nicht, wie sich schon in den vergangenen Tagen zeigte. Obwohl das mögliche Datum der Zahlungsunfähigkeit unaufhörlich näher rückt, erhöhte sich die Nachfrage nach den Anleihen zuletzt.

Denn offenbar sehen die meisten Investoren schlicht keine Alternative – wo sollten sie ihr Geld auch sonst anlegen? Im Unterschied zu Griechenland oder Irland wissen sie im Falle der USA zudem genau, dass die größte Volkswirtschaft der Welt jederzeit zahlen könnte – sie müsste nur Geld drucken oder die Steuern erhöhen. Sie will aus politischen Gründen nur nicht.

Allerdings könnte sich diese Haltung ändern, je länger eine Zahlungsunfähigkeit andauern sollte. Besonders brenzlig wird es ab dem 15. August. Dann werden rund 30 Milliarden Dollar an Zinsen fällig. Werden diese nicht ausbezahlt, so dürfte sich die Stimmung um 180 Grad drehen.

Würde der Euro vom US-Drama profitieren?

Wenn es die Schuldenprobleme in vielen Euro-Ländern nicht gäbe, wäre die Antwort einfach, dann müsste der Eurokurs weiter steigen. So jedoch heben sich die Probleme quasi gegenseitig auf. Hinzu kommt die Tatsache, dass die meisten Investoren auf dem internationalen Finanzmarkt selbst Amerikaner sind.

Für sie ist der Dollar immer noch Fluchtwährung, egal, wie es um den Haushalt der eigenen Regierung steht. Das verhindert einen deutlichen Absturz des Greenback, auch und gerade in Krisenzeiten. Allerdings spricht ein anderes Argument mittelfristig doch für den Euro als Profiteur des politischen Gezerres.

Denn selbst wenn die USA weiterhin ihre Gläubiger pünktlich bedienen, könnten die Ratingagenturen die Bonitätsnote senken, tief greifende Sparprogramme verlangen und so das Wirtschaftswachstum bremsen. Läuft dagegen die Konjunktur zumindest in Kerneuropa weiter gut, wird die Zinsdifferenz zwischen beiden Währungsgebieten unweigerlich steigen – die US-Notenbank hält die Zinsen unten, die Europäische Zentralbank muss sie erhöhen. Der Euro wird als Anlage attraktiver.

Welche langfristigen Folgen hat die US-Schuldenkrise?

Selbst wenn sich die streitenden Parteien in den USA demnächst einigen werden, so wird die aktuelle Krise dennoch langfristige Folgen haben. Denn bei vielen Investoren ist das Vertrauen erschüttert. Amerikanische Staatsanleihen gelten seit Jahrzehnten als der ultimative sichere Hafen. Dies sind sie nun offenbar nicht mehr.

Ist das Vertrauen geringer, so wird das Risiko von den Anlegern höher eingeschätzt. Dies wiederum bedeutet, dass sie höhere Zinsen fordern werden, wenn sie dem amerikanischen Staat künftig ihr Geld leihen. Die Zinsbelastung steigt. Der größte US-Finanzier überhaupt ist derzeit allerdings China. Über eine Billion Dollar an Schuldpapieren hält alleine Peking – und fühlt sich damit zunehmend unwohl. Daher arbeitet die Volksrepublik mit Nachdruck daran, ihre eigene Währung zu einer Alternative aufzubauen, indem sie vermehrt zur Abwicklung des internationalen Handels eingesetzt wird.

Zwar ist die Rolle des Yuan nach wie vor nur klein, doch die US-Krise dürfte Pekings Regierung in ihrem Ziel bestärkt und dieser Entwicklung einen deutlichen Schub gegeben haben.

Droht eine Herabstufung des Kredit-Ratings der USA?

Die Ratingagenturen haben bereits angekündigt, dass sie die Kreditwürdigkeit der USA herabstufen wollen, wenn die Zahlungsunfähigkeit eintreten sollte. Gleichzeitig fordern sie aber auch einen Plan zur nachhaltigen Begrenzung der Verschuldung über die kommenden Jahre. Derzeit stehen die Chancen nach Ansicht vieler Experten 50:50, dass es zu einer Herabstufung von der Bestnote AAA auf AA kommt.

Dies wäre ein einmaliger Vorgang und bislang ist nicht ganz klar, was die Folgen wären. Es gibt zwar einige wenige Investoren, die aus regulatorischen Gründen nur Anlagen mit einem AAA-Rating halten dürfen. Sie müssten US-Titel dann verkaufen. Dies wäre jedoch ein zu vernachlässigender Effekt.

Schwerwiegender könnte sein, dass auch Institutionen, die indirekt von der Bonität des Staates profitieren, herabgestuft werden könnten, allen voran die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Für sie würden sich die Finanzierungskosten erhöhen. Selbiges gälte auch für den Bundesstaat. Die Renditen für US-Staatsanleihen würden steigen und die Investmentbank JP Morgan schätzt, dass so für Washington rund 100 Mrd. Dollar Mehrkosten pro Jahr entstünden.

Hätte eine Abstufung der USA Folgen für deutsche Staatsanleihen?

Wenn die USA ihr Top-Rating verliere sollten, könnten einige Anleger versucht sein, in andere Papiere umzuschichten, die nach wie vor über die Note AAA verfügen. Derzeit gibt es noch zehn für die Finanzmärkte wichtige andere Länder mit der Best-Note: Australien, Finnland, Frankreich, Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Neuseeland, Österreich, Singapur und natürlich die Bundesrepublik Deutschland.

Das Problem ist jedoch, dass all diese Märkte wesentlich kleiner sind als der Markt für amerikanische Staatstitel. Derzeit sind US-Papiere im Wert von rund 13,5 Billionen Dollar in Umlauf, der zweitgrößte AAA-Markt ist schon Deutschland mit 2,5 Billionen. Selbst alle zehn zusammen kommen nur auf zehn Billionen. Eine weitere Alternative wären Unternehmensanleihen mit dem Top-Rating. Allerdings gibt es auch hiervon in den USA nur noch vier: Microsoft, ExxonMobil, Johnson & Johnson und Automatic Data Processing.

Eine Umschichtung in großem Stil wäre also gar nicht möglich. Allerdings würde aufgrund der Größe des Marktes für US-Titel schon eine kleine Umschichtung in andere AAA-Anleihen bei letzteren zu einem drastischen Kursanstieg führen.

Hilft die Flucht in Gold oder Immobilien, um sich abzusichern?

Gold wirft keine Zinsen oder Dividenden ab, dennoch steigt der Preis seit Jahren, weil Sparer es als Krisensicherung betrachten. So war es auch in den zurückliegenden Tagen wieder. Bis weit über 1600 Dollar je Feinunze ist der Preis nach oben gegangen – ob mehr wegen der Sorge um die Vereinigten Staaten oder um die Eurozone lässt sich nicht sagen.

Zur Streuung des eigenen Vermögens kann es in turbulenten Zeiten durchaus sinnvoll sein, einen Teil in kleine Barren oder Goldmünzen zu investieren. Doch gerade in der aktuell aufgeheizten Stimmung besteht kein Grund für Panikkäufe. Wenn die Welt doch nicht untergeht, kann der Preis für eine Feinunze auch schnell wieder sinken und für hohe Verluste sorgen.

Die Situation in den Vereinigten Staaten stellt keine Bedrohung für den Dollar als Papierwährung dar. Der Kauf einer Immobilie eignet sich noch weniger für eine Panikreaktion. Er sollte gut überlegt sein: Standort, Preis, Zinshöhe sind nur einige Punkte, die zu berücksichtigen sind. Voraussetzung sind zudem ein krisensicherer Job und ausreichend Eigenkapital. In gefragten Stadtlagen ist nicht mehr viel zu bekommen. Die Gefahr, viel zu viel zu bezahlen, ist hoch.