Einen Großteil ihrer besten Stunden verbringen viele Menschen im Büro. Die zeitlichen Ansprüche an Wissensarbeiter sind hoch – vor allem in schwierigen Zeiten. Wer einen verantwortungsvollen Job hat, muss diesen oft mit einem verkümmerten Privatleben bezahlen. Bettina Sturm, Karriereberaterin in München, zeigt im Gespräch mit Axel Gloger Wege zu mehr Arbeitsqualität.

Morgenpost Online: Gibt es in diesen turbulenten Zeiten noch Lebenspläne für Karrieren?

Bettina Sturm: Die Pläne ändern sich. In einer stabilen Welt war es noch möglich, nach dem Schulabgang den Berufsweg zu planen, der manchmal bis zur Position eines Vorstandchefs reichte. Dieses Verhalten ist heute rückläufig. Viele Jüngere verstehen Karriere nicht mehr als Jahrzehnte dauernden Aufstieg. Sie suchen nach einem vernünftigen Ausgleich zwischen Zeiteinsatz, Geld und innerer Zufriedenheit.

Morgenpost Online: Die Zeit, wo alle die goldene Karriereleiter erklettern wollen, ist also vorüber?

Bettina Sturm: Dieses Konzept ist in der Tat von gestern. Heute steht bei vielen Berufstätigen die Gestaltung des Lebens im Vordergrund. In diesem großen Bild hat auch der Beruf seinen Platz, aber es gibt noch andere Spielflächen. Das erlebe ich jeden Tag in Gesprächen. Klienten im Alter Ende 30, Anfang 40 sind beruflich erfolgreich, verdienen gut – aber sie fragen sich: "Das soll jetzt so weitergehen, bis ich 65 bin? Das kann es doch nicht gewesen sein.“

Morgenpost Online: Was wollen diese Menschen? Haben sie plötzlich eine andere Vorstellung davon, wie sie ihre Zeit auf die verschiedenen Lebensbereiche verteilen?

Bettina Sturm: In der Tat, sie fürchten sich davor, noch 20 Jahre am selben Schreibtisch zu sitzen. Sie sehen die Arbeit als entgangene Freizeit und als entgangene Zeit mit der Familie.

Morgenpost Online: Arbeit scheint zeitarm zu machen. Warum sehen Berufstätige das so? Macht Arbeit keinen Spaß mehr?

Bettina Sturm: So ist es. Zumindest sehe ich das anhand der häufigen Rückmeldungen von Angestellten in Großkonzernen. Die Mitarbeiter haben Positionen, die interessant klingen. Es gibt gutes Gehalt, 80.000 bis 120.000 Euro pro Jahr in einer leitenden Position. Aber der Job ist spaßbereinigt. Die Firmen unterziehen sich einer Reorganisation nach der anderen. Führungskräfte fühlen sich als Spielball schnell wechselnder Strategien. Spielräume für eigene Entscheidungen, die die Arbeit interessant machen, schrumpfen zusammen.

Morgenpost Online: Aber gerade die Konzerne werben doch mit Flexibilität und Unternehmertum im Unternehmen?

Bettina Sturm: Das sind die Versprechen der Personalwerber. Die Praxis sieht ganz anders aus.

Morgenpost Online: Wie sieht es konkret in den Betrieben aus?

Bettina Sturm: Die turbulenten Zeiten haben ihre Spuren hinterlassen. Das familiäre Klima ist weg. Oft herrscht Stillstand, begleitet von hektischer Arbeit um der Arbeit willen. Der Angstpegel steigt. Durch permanente Umstrukturierungen werden die Abteilungen ständig neu zusammen gesetzt, das Vertrauen erodiert. In den Führungsbeziehungen heißt das: Viele Mitarbeiter erleben das Gegenteil von Selbstständigkeit.

Morgenpost Online: Aber die Flucht ins Private ist doch nur ein Placebo gegen die Unzufriedenheit im Beruf. Wäre es denn nicht besser, für eine bessere Zeit im Büro zu sorgen?

Bettina Sturm: Sicher. Das ist auch der Gedanke, der meine Empfehlungen leitet. Raus aus der Unzufriedenheit, rein in den Beruf als Ort, wo man sein Können umsetzen kann, wo Spaß entsteht. Hier erkenne ich einen klaren Trend zur Selbstständigkeit.

Morgenpost Online: Wo sollte ein Berufstätiger anfangen, der seine Jobqualität verbessern will?

Bettina Sturm: Den Weg in kleinen Schritten gehen. Denn die Suche nach der großen Lösung führt meist zu nichts. Diese selbst gesetzte Hürde ist schnell zu hoch. Besser das Vorhaben erst einmal von allen Seiten durchdenken, ein Projekt daraus machen. Wer seine Gedanken geordnet hat, erkennt auch schnell die ersten Schritte, die für eine Verbesserung nötig sind.

Wer Veränderungen will, sollte Ausgangspunkt und Ziel unter die Lupe nehmen. Diese Fragen wären geeignet: Welche Fähigkeiten bringe ich als Person mit, sozial, emotional, fachlich? Was macht mir bei der Arbeit besonderen Spaß? Aber auch: Was sind meine beruflichen Werte, wofür brenne ich? Dort, wo Können und Vorlieben aufeinander treffen, finden sich die Ansätze für erfolgreiche Veränderungen.