Gefragte Redner

Wichtige Männer lassen sich Auftritte gut bezahlen

Agenturen vermitteln berühmte Persönlichkeiten als Redner an Firmen und Clubs. Besonders viel Honorar können die Altkanzler verlangen.

Foto: pa/dpa (2), Horst Galuschka

Fünf Minuten noch bis zum Auftritt. Es klopft an der Tür des Konferenzraums in der IHK Karlsruhe. Der Pressesprecher ist da, um Norbert Walter abzuholen. „Sind Sie so weit, Herr Walter?“, fragt er. Walter streicht sich noch einmal durch das Haar, zieht die Anzugjacke glatt und räuspert sich. Dann greift er zu seinem Rollkoffer. „Den nehme ich gleich mit runter vor den Saal“, sagt er und lässt sein typisches nonchalantes Norbert-Walter-Lächeln aufblitzen, „denn ich würde gern nachher noch zwei meiner Bücher verkaufen. Am besten, ich stelle mich dann einfach strategisch geschickt vor den Ausgang.“

Bis vor einem Jahr war Walter Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er war eine sehr wichtige Persönlichkeit. Die gesamte deutsche Wirtschaft hörte auf seine Einschätzungen zur Lage des Landes. Heute hat Walter, 66 Jahre alt, eine kleine Beratungsfirma in Bad Soden bei Frankfurt. Er schreibt Bücher, sitzt in verschiedenen Kuratorien und Beiräten. Im Hauptberuf ist er jetzt aber Redner. Im Durchschnitt hat er einen Auftritt am Tag. Heute Karlsruhe, morgen Saarbrücken, übermorgen vielleicht Wiesloch.

Walter ist so etwas wie der Kronprinz einer in Deutschland noch jungen Branche: Wirtschaftspromis, die früher einmal ein wichtiges Amt innehatten – und heute versuchen, aus ihrem bekannten Gesicht eine zweite Karriere zu machen. Sie werden als Gastredner, Referent oder Teilnehmer an Podiumsdiskussionen gebucht. So bestreiten die Ex-Manager oder Wirtschaftspolitiker ihren Lebensunterhalt oder füllen die Leere, die bei so manchem von ihnen nach dem aktiven Berufsleben entsteht.

Potenzielle Kunden gibt es viele. Wirtschaftsverbände, Veranstalter von Fachtagungen und Firmenevents, Rotary-Clubs. Ein lukratives Geschäft, mit dem in Deutschland Millionen Euro verdient werden. Mittlerweile hat sich sogar eine Reihe von Redneragenturen darauf spezialisiert, Promis aus der Wirtschaftswelt zu vermitteln, häufig auch ehemalige Politiker oder bekannte Professoren.

Unten im Veranstaltungssaal der IHK sitzt schon erwartungsvoll die Crème de la Crème der Karlsruher Unternehmerschaft. Aus der Masse schwarzer und dunkelgrauer Anzüge ragen weiße Haarkronen. „Das wird ein Heimspiel“, sagt Walter, bevor er den Saal betritt, „die Leute lieben mich hier.“

Talent für Unterhaltung

Der IHK-Chef macht eine kurze Einführung, dann tritt Walter ans Rednerpult, Applaus brandet auf. Auf der Leinwand hinter seinem Kopf steht: „Folgt dem wirtschaftlichen Sommermärchen die Winterdepression?“ Dann legt der Volkswirt los: „Ich habe meinem Vortrag einen Titel gegeben, der mir gut gefällt“, sagt er. Der erste Lacher des Abends. Walter ist in seinem Element. Sein Talent für Unterhaltung sei der wichtigste Grund, warum er so häufig gebucht werde, hat er vor dem Auftritt gesagt: „Ich habe eine Menge Fans, die meine lockere Art schätzen und mein Einfühlungsvermögen. Ich bin ein Übersetzer schwieriger Themen für die einfachen Leute.“

Eine gute Stunde dauert sein Vortrag. Walter parliert, mal polemisch, mal gewitzt, über das Konjunkturpaket der Bundesregierung („Die Wirkung können wir sehen, wenn wir mal wieder auf unseren Autobahnen parken!“), US-Präsident Barack Obama und die Sparprogramme der irischen und griechischen Regierung. Ein bunter Überblick über das Nachrichtengeschehen der vergangenen Wochen, jeweils mit anschließender Deutung, was das Ganze für die deutsche Wirtschaft bedeutet. Inhaltlich keine große Kunst, aber unterhaltsam ist es.

Im Grunde genommen interessiert dies Walter aber gar nicht. „Diese Vorträge zur aktuellen Wirtschaftsentwicklung machen mich eher müde“, gibt er zu. Lieber spreche er über die großen Themen, „Welt ohne Führung“ und dergleichen. Ohnehin hätte er lieber weniger Auftritte und dafür mehr Zeit, um Bücher zu schreiben und sich mehr in ein Thema zu versenken. Er traue sich bloß oft nicht abzusagen.

Und außerdem: Was tut man nicht alles für das liebe Geld? „Ich habe zwei Büroangestellte, die ich bezahlen muss. 90 Prozent meiner Einnahmen kommen aus meinen Rednerengagements“, sagt er. Für einen Auftritt nimmt er mehrere Tausend Euro, je nach Aufwand, Vorbereitungs- und Anreisezeit, und abhängig davon, ob er zum Beispiel einen Jetlag in Kauf nehmen muss. „Wenn ich nach Seoul oder Chicago reisen muss, sind natürlich die Opportunitätskosten viel höher.“

Der Mann ist Ökonom. Dennoch hält er es nicht für klug, durch höhere Preise für seine Auftritte die Zahl der Aufträge zu verringern und so mehr Zeit für andere Projekte zu gewinnen. „Damit könnte ein Reputationsschaden einhergehen“, befürchtet er, „denn ich würde potenzielle Auftraggeber wie die Handelskammern komplett ausgrenzen.“

Honorar hängt vom ehemaligen Amt ab

In der Branche der Gastredner gibt es offenbar eine unausgesprochene Benimmregel: Wie viel Honorar man nehmen darf, hängt davon ab, welches Amt man vorher bekleidet hat. Ein Chefökonom verlangt weniger als ein früherer Vorstandschef, mehr kosten dagegen ein ehemaliger Bundesminister oder gar ein Bundeskanzler.

„Ein Ex-Minister bekommt für eine Rede im Schnitt 10.000 Euro“, sagt einer, der sich in der Branche auskennt: Hans Eichel. Der frühere Bundesfinanzminister der rot-grünen Bundesregierung ist selbst als Gastreferent buchbar. Die Superstars der Rednerbranche bekämen allerdings weit mehr, sagt Eichel. Mit Abstand am teuersten sei Helmut Schmidt, dann komme Gerhard Schröder, dann Joschka Fischer.

Auch bei den ehemaligen Unternehmenslenkern gibt es erhebliche Unterschiede im Honorar. Je bekannter einer ist, desto mehr kann er verlangen. Helmut Thoma zum Beispiel, der frühere RTL-Chef, ist nach eigener Auskunft einer von denen, die sich unter den Auftrittsangeboten die Rosinen herauspicken können. „Unter 5000 Euro mache ich nichts“, sagt er. „Für so eine Veranstaltung geht das ganze Wochenende drauf, das muss sich lohnen.“

Er sei auch ohne Rednerengagements schon viel zu oft unterwegs für seine Aufsichtsratsmandate und anderes, sagt der 71-Jährige, der mit seiner Frau Danielle in Hürth bei Köln wohnt. Gerade kommt er von einem verlängerten Wochenende in New York zurück, zu dem ihn seine Frau begleitet hat. Auch Hamburg, Dubai, Wien stehen im Dezember an. Und auch inhaltlich hat Thoma Ansprüche. „Ich sage nur zu, wenn die Veranstaltung ein bisserl lustiger ist, und wenn außer mir noch ein paar interessante Leute da sind.“

Die Veranstalter müssen ihm schon etwas bieten, damit er bei ihnen auftritt. Thoma langweilt sich schnell. Vor allen Dingen, wenn es um die immergleichen Medienthemen geht, à la „Verdummt uns das Privatfernsehen?“ „Ich war in meinem Leben Teilnehmer bei etwa 1000 Podiumsdiskussionen. Es ist wirklich schon alles gesagt zu diesen Themen, nur noch nicht von jedem“, klagt er. „Immer diese Rituale, das ewig gleiche Schauspiel.“

Natürlich gilt auch: Wer sich rar macht, kann pro Auftritt mehr verlangen. Wie viel Geld den Auftraggebern die klugen Gedanken der Gebuchten wert sind, ist letztlich Verhandlungssache. Es kommt darauf an, wie viele potenzielle Konkurrenten es gibt. Norbert Walter kennt seinen Markt gut. Die Alternativen zu ihm seien andere Wirtschaftswissenschaftler wie Bert Rürup, Beatrice Weder di Mauro oder „der Sinn“, sagt er.

Manager fürchten die Pensionierung

Aus Sicht des Redners hängt die Zahl der Auftritte auch davon ab, wie dringend er das Geld braucht – und das Gefühl, immer noch wichtig und berühmt zu sein. So mancher ehemalige Manager füllt seinen Terminkalender auch deshalb mit Vortragsveranstaltungen, weil er die Leere nach der Pensionierung fürchtet. „Empty Desk Syndrom“ nennen das die Sozialforscher.

An einem regnerischen Novemberabend hat die Investmentfirma Drescher?& Cie. zum Dinner mit Podiumsdiskussion auf den Bonner Petersberg geladen. Die Veranstaltung steigt im schicken Steigenberger Hotel, dem ehemaligen Gästehaus der Bundesregierung. Es herrscht Ballsaal-Atmosphäre. Durch die Panoramafenster sieht man unten im Tal die Lichter der Stadt leuchten. Oben stehen die wichtigsten Köpfe der deutschen Fondsbranche in Grüppchen zusammen und plaudern über die Entwicklung der Märkte in den kommenden Monaten. Viele junge Anzugträger vom Typ Vertreter sind darunter. Man kennt sich.

Etwas abseits steht Hans Eichel. Er scheint nicht so recht hierher zu passen. Früher einmal hat er die Geschicke dieser Branche gelenkt oder zumindest durch seine Entscheidungen als Bundesfinanzminister erheblich mitbestimmt. Heute lebt Eichel als Pensionär mit seiner Frau in Kassel. Sie hilft ihm auch, seine Termine zu organisieren, er kommt ohne Sekretärin aus. Unterbeschäftigt sei er aber nicht, „ganz und gar nicht!“, hat er ein paar Tage zuvor schon fast empört ins Telefon gerufen.

Eichel ist mindestens einmal pro Woche als Gastredner unterwegs. Meistens allerdings auf Parteiveranstaltungen, bei denen er ehrenamtlich auftritt. Neulich zum Beispiel war er bei der 100-Jahr-Feier eines Ortsvereins im Odenwald. „Am liebsten ist es mir, wenn ich abends wieder zu Hause bin – dann fallen für die Veranstalter keine Übernachtungskosten an“, sagt er. Der Sozialdemokrat achtet noch immer auf die Kosten, so wie damals als Sparminister. Das schätzen viele so an ihm.

Auftritte wie heute Abend vor den Fondsleuten macht er eher selten. Auf dem Podium sitzen außer ihm noch fünf andere Gäste, darunter Fondsmanager und Verbandsvertreter. Eichel ist der mit Abstand bekannteste Teilnehmer und der teuerste. Der Geschäftsführer der Veranstalterfirma meint sich erinnern zu können, sein Unternehmen zahle Eichel 5000 Euro für diesen Auftritt. Das ist kein schlechtes Honorar für eine Podiumsdiskussion, auch für einen Ex-Bundesminister. In den ersten 20 Minuten stellt ihm der Moderator, ein Fernsehmann von n-tv, gerade mal eine Frage.

Eichel zupft gelangweilt an seiner Krawatte und macht ein Aufmerksamer-Zuhörer-Gesicht. Dann wird er langsam warm, mischt sich aktiver in die Debatte ein. Engagiert, aber doch unaufgeregt, vertritt er gegenüber den Geldleuten in der Runde seine Thesen: Ein Sparer müsse wissen, bei wem sein Geld angelegt ist, das System solle dabei durchsichtig und nachvollziehbar sein. Irgendwann schweift Eichel ab zu seiner alten Glanzzeit als Politiker, erzählt von Arbeitsminister Olaf Scholz, von Ron Sommer und dem Börsengang der Telekom. „Das“, kommentiert der Moderator, „ist aber schon sehr lange her.“