Der deutschen Wirtschaft geht es besser als gedacht. Das legt zumindest die neue Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) nahe. Demnach wächst die Wirtschaft in Deutschland dieses Jahr deutlich stärker als gedacht: 2026 dürfte laut IWF das Wirtschaftswachstum mit 1,3 Prozent fast doppelt so stark ausfallen wie noch im Juli erwartet (0,7 Prozent). Für das kommende Jahr wird zudem mit einem Plus von 1,1 Prozent gerechnet – 0,1 Punkte mehr als bislang. Doch kommt diese positive Prognose auch in den Geldbeuteln der Menschen hierzulande an?

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
Abonnieren Sie kostenlos den Wirtschafts-Newsletter der Berliner Morgenpost
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Top-Ökonomen zeigen sich bei dieser Frage skeptisch. „Die erhöhte Wachstumsprognose des IWF zeigt: Die deutsche Konjunktur erweist sich derzeit trotz der hohen Energiepreise als überraschend robust“, sagt der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo), Clemens Fuest, dieser Redaktion. Und schränkt sogleich ein: „Es besteht allerdings die Gefahr, dass das ein konjunkturelles Strohfeuer bleibt.“ Das derzeitige Wachstum sei vor allem durch die Ausweitung schuldenfinanzierter Staatsausgaben getrieben, erklärt der Ifo-Chef. „Diese fließen teils in Infrastruktur und Rüstung, teils aber auch in konsumtive Ausgaben wie Sozialausgaben.“

Bundesregierung korrigiert Wirtschaftswachstum nach oben
Tatsächlich hatte auch die Bundesregierung vergangene Woche ihr Wirtschaftswachstum nach oben korrigiert. Und begründete ihren Optimismus mit der überraschend starken Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte jedoch auch erklärt, dass die Aufhellung zu zwei Dritteln auf die staatlichen Investitionen in Infrastruktur sowie für Verteidigung zurückgehe – und nur zu einem Drittel auf Exporte.
Der deutsche Außenhandel konnte demnach zeitweise von weltweiten Engpässen profitieren: Käufer stockten angesichts des Konflikts in der Golfregion ihre Lagerbestände mit energieintensiven Gütern wie Stahl, Dünger und Aluminium auf, die in Deutschland produziert wurden. Auch vom Boom Künstlicher Intelligenz (KI) profitieren deutsche Zulieferer.
Auch interessant
Ifo-Präsident Fuest sieht in den hohen Staatsausgaben jedoch ein Problem. Trotz der günstigen IWF-Prognose ist aus seiner Sicht die Stagnation der deutschen Wirtschaft keinesfalls überwunden, denn „auf Dauer können schuldenfinanzierte Staatsausgaben nicht die Grundlage des Wachstums sein“, so Fuest. „Insbesondere deshalb, weil mit wachsenden Schulden künftige Steuererhöhungen drohen – und sich private Investoren dann zurückziehen.“ Um dauerhaft mehr Wachstum zu erreichen, seien wirtschaftspolitische Reformen erforderlich, darunter Reformen der Renten und Pensionen, des Gesundheitssystems, des Arbeitsmarktes und des Innovationssystems.
DIW-Präsident Fratzscher: „Wir sollten keine falschen Erwartungen haben“
Ähnlich pessimistisch zeigt sich auch Marcel Fratzscher, Präsident am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Die besser als erwartete Konjunkturprognose des IWF für Deutschland beschreibt lediglich eine temporäre Erholung und stellt keine Trendwende für die deutsche Wirtschaft dar“, sagt er dieser Redaktion. Eine Entspannung an der Zapfsäule, an der Supermarktkasse oder auf dem Arbeitsmarkt sieht er derzeit nicht. Im Gegenteil.

„Wir erleben eine höchst unsoziale Inflation, denn die hohen Preise für Energie und Lebensmittel treffen vor allem Menschen mit wenig Einkommen hart. Wir sollten keine falschen Erwartungen haben: Die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine dürften die Energiepreise weiterhin auf hohem Niveau halten oder sogar noch erhöhen.“ Tatsächlich hat das Statistische Bundesamt zeitgleich zur IWF‑Prognose die Inflationszahlen für Deutschland im September veröffentlicht.
Kommt der Aufschwung bei Firmen an?
Inflation steigt erstmals seit Ende 2023 über drei Prozent
Demnach hat sich das Leben hierzulande im September so stark verteuert wie seit fast drei Jahren nicht. Getrieben von hohen Energiepreisen hat die Inflationsrate erstmals seit Dezember 2023 die Marke von drei Prozent überschritten. Waren und Dienstleistungen kosteten im vergangenen Monat 3,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Insbesondere die Preise für Energie verteuerten sich extrem – um insgesamt fast 15 Prozent.
Auch interessant
Sprit verteuerte sich demnach im September um gut 37,1 Prozent binnen Jahresfrist und leichtes Heizöl um fast 75 Prozent. Auch Brennholz, Holzpellets und andere feste Brennstoffe (plus 15,6 Prozent) wurden gegenüber dem Vorjahresmonat deutlich teurer. Dagegen verbilligten sich Strom (–5,5 Prozent), Erdgas ohne Betriebskosten (–2,8 Prozent) und Fernwärme (–1,0 Prozent).
Mehr Artikel rund ums Thema Investment:
Hoffnungsschimmer: Wirtschaft widerstandsfähiger gegen Energieschocks aufgestellt
DIW-Präsident Fratzscher warnt daher eindringlich: „Die Industrie dürfte in vielen Bereichen weiter schrumpfen und dabei gute Arbeitsplätze verlieren. Die Alterung der Gesellschaft und das Ausscheiden von Millionen Beschäftigten in den Ruhestand werden die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren hart treffen und ihr Potenzialwachstum schwächen.“
Auch interessant
Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist dennoch aus der IWF-Prognose abzulesen. Denn laut den Experten habe sich die globale Wirtschaft widerstandsfähiger gegen Energieschocks aufgestellt. Zudem hätten eine höhere Ölförderung außerhalb des Persischen Golfs, das Anzapfen strategischer Reserven und ein Nachfragerückgang in China den Preisschock abgefedert. Künftige Krisen, so die Hoffnung, könnten weniger hart ausfallen. Für die Weltwirtschaft rechnen die IWF-Experten nun 2026 mit einem Zuwachs von 3,1 Prozent (zuvor: 3,0 Prozent). Für das kommende Jahr behalten sie ihre Prognose von 3,4 Prozent bei.











