Noch knapp zwei Wochen, dann beginnen am Wolfsburger VW-Stammsitz die Werksferien. Eigentlich eine Zeit, in der sich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Autobauers Erschöpfung nach einem arbeitsreichen Jahr und Vorfreude auf den dreiwöchigen Urlaub die Waage halten. In diesem Jahr drücken aber Unruhe und Anspannung die Waagschale der Erschöpfung weit nach unten. Denn es könnte nach 2024 erneut zu gravierenden Einschnitten bei Volkswagen kommen.

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
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Wohin diese Reise gehen könnte, werden die Beschäftigten vermutlich am Donnerstagabend zumindest erahnen können. Zuvor wird der VW-Aufsichtsrat zusammenkommen, sich die Strategie des Vorstands um VW-Chef Oliver Blume vorstellen lassen und diese bewerten. Bis 18 Uhr ist die Sitzung angesetzt. Gut möglich, dass sogleich Entscheidungen des Kontrollgremiums folgen. Ob und in welchem Umfang, das wird erst am Donnerstagabend feststehen.
Rund um das Thema Mobilität
Viele Gerüchte, noch keine Entscheidung
Seit etwa zwei Wochen wabern Gerüchte um mögliche Einschnitte durch den Orbit. Bestätigen sie sich, dann würde es bei VW binnen kurzer Zeit zum zweiten Mal einen Tabubruch geben. Die Gerüchte reichen vom Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen – bislang sind 50.000 in Deutschland vereinbart – über die Schließung der Werke Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm bis zu einer Zerschlagung des Konzerns. Jeder einzelne dieser Punkte hätte die Wucht, das Unternehmen in seinen Grundfesten zu erschüttern.
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Klar ist: VW steht unter enormem Kostendruck. Das gilt besonders für den Standort Deutschland. Das China-Geschäft, das lange die guten Konditionen an den deutschen Standorten finanziert hat, läuft nach wie vor nicht. Das US-Geschäft ist wegen der Zölle eingebrochen; der europäische Automarkt hat nach Corona nie zu alter Größe zurückgefunden. Hinzu kommen die Lasten der Transformation zu E-Mobilität und Digitalisierung. Obendrauf kommen die Kosten des Standorts Deutschland, darunter die Löhne und Gehälter. Und es wird einfach nicht besser.
2024 kam die neue Härte bei VW
Schon 2024 trat VW daher auf die Bremse. Auch dieser Schritt wurde von IG Metall, Betriebsrat und weiten Teilen der Belegschaft als Tabubruch empfunden. VW kündigte im September 2024 die Beschäftigungssicherung. So wollte das Unternehmen in den anstehenden Tarifverhandlungen den Weg frei machen für Gespräche einer neuen Qualität. Plötzlich agierte die Unternehmensleitung mit einer ungewohnten Härte. Schluss mit Tarif-Folklore.
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Definiert werden sollte diese neue Qualität der Verhandlungen nicht mehr von den Forderungen des Arbeitnehmerlagers, sondern von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Strategie des Unternehmens. Dieser Kurs des VW-Vorstands erreichte sein Ziel. Etwa durch den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen bis 2030 allein bei der Volkswagen AG, zu der die Marken VW Pkw, VW Nutzfahrzeuge sowie die Komponentenfertigung gehören. Und durch finanzielle Zugeständnisse der Belegschaft. In diesem Zusammenhang wird derzeit bei VW ein Entgeltsystem verhandelt, das die Personalkosten des Autobauers um sechs Prozent senken soll.
VW-Vorstand: Kosteneinsparungen genügen nicht
Doch trotz all dieser Einschnitte sendet der VW-Vorstand seit vergangenem Jahr immer wieder dieselbe Botschaft: Es reicht nicht. Gemeint sind die Bemühungen, die Kosten zu senken. Laut Blume wurden in deutschen Werken Einspareffekte von 20 Prozent erreicht. Dennoch: Es reicht einfach nicht. VW kommt mit Blick auf die Kosten nicht so voran, wie es sich das Unternehmen vorgenommen hat.
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Die Argumentation: Werden die Kostenziele nicht erreicht, sei der Konzern nicht mehr in der Lage, in seine Zukunft zu investieren. Gemeint ist damit nicht nur die Elektrifizierung der Flotte, sondern unter anderem die Neuaufstellung des Geschäfts auf dem wichtigsten Markt China. Und hinter dem Thema Elektrifizierung wartet schon das automatisierte Fahren als nächste große technologische Aufgabe. Schon geistert das Gespenst umher, VW könne in absehbarer Zeit in die roten Zahlen rutschen.
Zerklüftete Situation im VW-Aufsichtsrat
Was dabei unausgesprochen bleibt: Ein Treiber für die Kostenziele sind die Renditeerwartungen der Familien Porsche und Piëch. VW hat als Ziel acht bis zehn Prozent operative Marge ausgegeben. Für das erste Quartal wurden aber nur 3,3 Prozent ausgewiesen. Die Familien halten über die Porsche-Holding SE die Mehrheit der stimmberechtigten VW-Stammaktien, kontrollieren den Wolfsburger Autobauer. Weil die Holding 2022 ein Aktienpaket am Sportwagenbauer Porsche AG gekauft hat, drückt die Holding noch eine Milliarden-Schuldenlast – und die will abgetragen werden. Ach ja: Alle stimmberechtigten Stammaktien der Porsche-Holding SE befinden sich im Besitz der Familien.
Während den Familien also vor allem die Wirtschaftlichkeit und Ertragskraft des VW-Konzerns am Herzen liegen dürfte, geht es dem Land Niedersachsen als großem VW-Aktionär um Arbeitsplätze und die niedersächsischen Standorte. Dabei weiß das Land, das mit zwei Sitzen im VW-Aufsichtsrat vertreten ist, die Arbeitnehmervertreter in IG Metall und Betriebsrat an seiner Seite. Diese zerklüftete Interessenlage findet sich entsprechend im VW-Kontrollgremium.
Der Kapitalseite fehlt eine Stimme
Daher wird der Diskussionsbedarf groß sein. Ein Fakt könnte dafür sorgen, dass es der Kapitalseite gar nicht ungelegen kommt, wenn am Donnerstag noch nicht final entschieden wird. Die ehemalige Rüstungsmanagerin Susanne Wiegand zog ihre Kandidatur für das Kontrollgremium überraschend kurz vor der VW-Hauptversammlung im Juni zurück. Bis zur Nachbesetzung fehlt der Kapitalseite im eigentlich paritätisch besetzten Aufsichtsrat daher eine Stimme.









