Manchmal beginnt die Zukunft dort, wo man sie am wenigsten vermutet: in einer Halle zwischen Autobahnzubringer und Gewerbegebiet am Bremer Kreuz. Inmitten von Werkbänken, Laptop-Kabeln und dem Geruch von Schmieröl tüftelt ein kleines Team des Start-ups Polaris an einer Idee, die kaum größer sein könnte: ein Raumflugzeug, das wie ein Jet startet und dann mit Hyperschallgeschwindigkeit ins All aufbricht.

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Das Konzept ist so überzeugend, dass nun auch ein Akteur an Bord ist, der sonst eher mit militärischer Schwere als mit technologischer Agilität in Verbindung gebracht wird: die Bundeswehr. Wie aus einer Pressemitteilung des Unternehmens hervorgeht, hat das Bundesverteidigungsministerium bereits im Februar 2024 eine Designstudie für ein militärisch nutzbares Raumflugzeug in Auftrag gegeben, verbunden mit der Option auf Bau und Flugerprobung.

Gründer Alexander Kopp: DLR-Ingenieur mit Raumfahrt-Mission

Hinter der Idee steht Alexander Kopp: Der 42-jährige Raumfahrtingenieur ist Quereinsteiger ins Unternehmertum. Mit seiner Firma Polaris möchte er beweisen, dass Raumfahrt nicht zwingend vom Raketensilo aus starten muss. Kopp war zehn Jahre lang Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), wo er Konzepte für wiederverwendbare Raumtransportsysteme entwickelte.

Doch irgendwann war ihm die Forschung nicht mehr genug. 2018 gründete er Polaris und steckte sein gesamtes Erspartes in das Projekt. Seine Idee: ein skalierbares Raumflugzeugsystem, das ohne aufwendige Startrampen auskommt und weltweit einsetzbar ist. Die ersten Prototypen schraubte er eigenhändig in einer Werkstatt am Bremer Kreuz zusammen.

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Raumflugzeug mit Hyperschallantrieb statt klassischer Rakete

Das Prinzip hinter Polaris ist technisch einfach, aber schwer umzusetzen. Zunächst beschleunigen Turbinentriebwerke das Raumflugzeug wie ein klassisches Flugzeug. In der oberen Atmosphäre zünden dann die sogenannten Aerospike-Engines – eigens entwickelte Raketentriebwerke –, die das Fahrzeug auf Hyperschallgeschwindigkeit beschleunigen. In einer Höhe von rund 100 Kilometern löst sich dann eine obere Stufe ab, die Satelliten in die Umlaufbahn bringt. Danach kehrt das Raumflugzeug zur Erde zurück und landet horizontal.

Die Revolution dabei: Das Raumflugzeug braucht keine Startrampe und keine Bodencrew in Nasa-Dimensionen. Es benötigt lediglich eine Start- und Landebahn. Das System soll außerdem bis zu 200 Mal einsetzbar sein und binnen 24 Stunden wieder startklar werden. Kopp nennt es „eine Airline für den Weltraum”.

Polaris-Chef Alexander Kopp vor dem Prototyp „Mira“
Alexander Kopp mit dem Flugdemonstrator „Mira“.© ©WFB/Jens Lehmkühler | ©WFB/Jens Lehmkühler

Renaissance für Raumflugzeuge in Europa nach SpaceX-Boom

Die Idee ist nicht neu. Bereits in den 1990er-Jahren unternahm die Europäische Weltraumorganisation (ESA) mit dem Projekt „Hopper” den Versuch, ein ähnliches Raumflugzeug zu entwickeln. Doch es blieb bei wenigen Versuchen. Der Markt war noch nicht bereit und die Rakete dominierte weiterhin. Heute ist die Lage anders. Mit seinem Unternehmen SpaceX hat Elon Musk vorgemacht, wie privatwirtschaftliche Raumfahrt funktioniert – und wie entscheidend die Wiederverwendbarkeit ist.

„Das Thema Raumflugzeuge nimmt wieder Fahrt auf“, wird Kopp in der Pressemitteilung zitiert. Und diesmal könnte es gelingen. Denn erstmals sehen Investoren ein lohnendes Geschäft. Noch vor wenigen Jahren musste Kopp selbst um Gespräche bitten, mittlerweile melden sich die Geldgeber von allein. „Die Bedingungen haben sich geändert. Die Investoren kommen zu uns“, so Kopp.

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Wiederverwendbare Raumfahrt: Polaris sammelt Millionen ein

Die jüngste Finanzierungsrunde spülte Polaris mehr Geld in die Kasse als geplant: 5,3 Millionen Euro, angeführt vom Münchner Tech-Fonds Spacewalk VC sowie dem Bremer Ableger der Investmentfirma Capnamic, an der auch die Sparkasse Bremen beteiligt ist. 

Für Capnamic ist es das erste Investment in der Hansestadt. Fondsmanager Christian Horneber sieht in dem Start-Up mehr als nur technologische Finesse: „Wir sehen großes Potenzial in dem Unternehmen.“ Das Raumflugzeugsystem von Polaris sei nicht nur wiederverwendbar, sondern auch geografisch flexibel und unabhängig von Raketenbasen oder geopolitischen Startfenstern. Gerade das mache es für verschiedene Märkte attraktiv.

Die flexiblen Einsatzmöglichkeiten machen die Technik auch für die Bundeswehr interessant: ein Hyperschallflugzeug, das von jeder Startbahn der Welt aufsteigen kann, mit Sensorik für Aufklärung und Überwachung ausgestattet und vielleicht bald auch für orbitalen Transport einsetzbar.

Testflug von Mira: So entwickelt Polaris das Allflugzeug der Zukunft

Einer der ersten Prototypen heißt „Mira“ – ein viereinhalb Meter langes Mini-Raumflugzeug, das bereits mehrfach getestet wurde. Nicht immer reibungslos: Beim Flug im Februar 2024 landete „Mira” neben der Landebahn im Gras. Für Kopp kein Grund zur Sorge. „Man muss Dinge aggressiv vorantreiben, wenn man vorwärtskommen will – da gehört sowas dazu.“

Noch im Juli soll „Mira II“ erstmals abheben: größer, robuster und technisch weiterentwickelt. Der Plan sieht vor, die Prototypen schrittweise zu vergrößern, bis schließlich im Jahr 2028 „Aurora“ abhebt: ein 28 Meter langes Raumflugzeug mit einer Nutzlast von einer Tonne. Es wäre das erste serienfähige Raumflugzeug Europas, das auf jedem internationalen Flughafen startbereit ist.

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Zivile und militärische Nutzung: Hyperschallflug für globale Einsätze

Trotz des militärischen Interesses verfolgt Polaris eine klare zivile Strategie: „Wir wollen eine Airline für den Weltraum werden“, betont Kopp. Der Unternehmer denkt dabei an regelmäßige Satellitenstarts, später auch an Materialtransporte zu Raumstationen oder bemannte Kurzmissionen. „Wir wollen eine Infrastruktur aufbauen, nicht nur einzelne Flüge verkaufen.“