Im Handelskonflikt zwischen den USA und China hatte Peking eine besonders wirksame Waffe gezückt: den temporären Exportstopp für sogenannte schwere Seltene Erden. Kritische Mineralien wie Seltene Erden, Lithium oder Kobalt sind essenziell für moderne Technologien – von Windrädern über Smartphones bis hin zu Elektroautos und militärischer Ausrüstung. Allein ein F-35-Kampfjet der US-Luftwaffe benötigt rund 420 Kilogramm dieser Materialien.

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„Wenn wir von kritischen Mineralien sprechen, meinen wir meist Rohstoffe, die schwer zu beschaffen sind – entweder aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen Problemen in den Lieferketten“, sagt Chris Vernon, Leiter des Bereichs Kritische Mineralien bei der nationalen australischen Wissenschaftsagentur CSIRO.
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Zwischen 2020 und 2023 importierten die USA laut Statista rund 70 Prozent ihrer Seltenerdmetalle aus China. Als Reaktion auf die von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle führte Peking am 4. April Exportbeschränkungen auf sieben schwere Seltene Erden ein. Zwar sind die Exportbeschränkungen mittlerweile gelockert, nach wie vor gibt es aber strenge Nachweispflichten, für was die ausgelieferten Seltenen Erden genutzt werden sollen – nicht nur gegenüber den USA, sondern auch für den Rest der Welt, worunter auch deutsche Firmen derzeit leiden. Die Beschränkungen sorgten zudem für beträchtliche Störungen in den Lieferketten, die noch nachwirken. Sollte der Zollstreit erneut eskalieren, hat China eine mächtige Wirtschaftswaffe in der Hand. Den USA um Zollkrieger Donald Trump würde ein massives Versorgungsproblem drohen. Ein möglicher Ausweg: Australien.
„Australien beherbergt einige der weltweit größten Vorkommen an kritischen Mineralien“
Das rohstoffreiche Land will künftig stärker vom globalen Mineralienbedarf profitieren – insbesondere bei Seltenen Erden, die zu den kritischen Rohstoffen zählen. Australien verfügt über bedeutende, bisher teils unerschlossene Vorkommen – darunter auch besonders hochgradige Lagerstätten. Neben hochwertigen Erzvorkommen gebe es auch mehrere bislang übersehene Ressourcen, die sehr vielversprechend erscheinen – etwa große Lagerstätten mit geringerer Erzqualität, die nach australischen Standards bisher wenig Beachtung fanden, so Vernon.

Australien ist einer der wichtigsten Verbündeten der USA im Indopazifik. Premierminister Anthony Albanese – erst kürzlich im Amt bestätigt – kündigte unlängst Investitionen in Höhe von 1,2 Milliarden australischen Dollar (688 Millionen Euro) in eine nationale Rohstoffreserve an. „Australien beherbergt einige der weltweit größten Vorkommen an kritischen Mineralien – praktisch das gesamte Periodensystem der Elemente“, hieß es in einer Regierungsmitteilung. Die neue Reserve soll auch den Export strategischer Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden erleichtern – und ist als Antwort auf Pekings Exportpolitik zu verstehen. Canberra positioniert sich damit zunehmend als alternativer Lieferant für westliche Partner, allen voran die USA.
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Australien will seine Rolle als Lieferant ausbauen: Firmen stehen in den Startlöchern
Der Zeitpunkt könnte kaum günstiger sein: Die Nachfrage nach Seltenen Erden, insbesondere nach magnetischen Elementen wie Neodym und Dysprosium, ist laut Internationaler Energieagentur seit 2015 stark gestiegen und wird in den kommenden Dekaden voraussichtlich nochmals zunehmen – angetrieben vom globalen Ausbau sauberer Energien und der Digitalisierung. Australien verfügt über rund vier Prozent der weltweiten Vorkommen an Seltenen Erden und hat begonnen, seine Rolle als Lieferant kritischer Rohstoffe strategisch auszubauen.
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Einige australische Unternehmen sind dabei bereits gut positioniert: Lynas Rare Earths, Besitzer der Mount-Weld-Grube in Westaustralien, betreibt eine Verarbeitungsanlage in Malaysia und errichtet derzeit eine weitere in Texas – ein wichtiges Signal in Richtung USA, die selbst mit der von MP Materials betriebenen Mountain-Pass-Mine nur noch eine einzige Produktionsstätte für Seltene Erden besitzen. Besonders vielversprechend ist auch Iluka Resources: Das Unternehmen errichtet in Westaustralien die weltweit erste Raffinerie außerhalb Chinas zur Verarbeitung schwerer Seltener Erden.

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Seit 2018 wird in Australien zudem die Browns-Range-Grube von Northern Minerals entwickelt. Dort sind große Dysprosium- und Terbium-Lager. Und im Nolans-Projekt von Arafura Rare Earth werden 135 Kilometer nördlich von Alice Springs Neodymium und Praseodymium in phosphathaltigen Erzen gefunden. Auch Australiens reichste Frau, die Bergbaumagnatin Gina Rinehart, hat den Wert der Seltenen Erden erkannt und ist mit ihrer Firma Hancock Prospecting unter anderem bei Lynas, MP Materials und Arafura beteiligt.
Strategische Gratwanderung für Australien
Trotz dieser Fortschritte bleiben Herausforderungen. Nach wie vor finden rund 90 Prozent der weltweiten Raffinierung von Seltenen Erden in China statt. Bei den schweren Seltenen Erden liegt Pekings Marktanteil sogar bei 98 Prozent. Laut dem deutschen Rohstoffexperten Frank Leschhorn beherrscht China die Aufbereitungstechniken mit einem großen Knowhow-Vorsprung gegenüber dem Westen. Die USA sind bislang fast vollständig auf chinesische Verarbeitung angewiesen. „Das nachzuholen dauert Jahre, sodass die Abhängigkeit von China noch lange bleiben wird“, so der Experte in einer E-Mail. Auch Australien könne die chinesische Dominanz kurzfristig nicht brechen – nicht zuletzt, weil es ein Hochkostenland mit strengen Umweltauflagen sei.

Zudem bewegt sich Australien geopolitisch auf einem schmalen Grat: China ist nach wie vor wichtigster Abnehmer australischer Rohstoffe. Gleichzeitig wächst der Druck westlicher Partner, sich gemeinsam gegen Pekings wirtschaftlichen Einfluss zu stemmen. Die Regierung Albanese versucht den Spagat – durch Diversifizierung der Handelsbeziehungen, Investitionen in eigene Verarbeitungskapazitäten und strengere Regeln für ausländische Beteiligungen an strategisch relevanten Unternehmen. So wurden chinesische Investoren zuletzt dazu gezwungen, Anteile an australischen Bergbauprojekten zu verkaufen.
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Kritische Mineralien als Faustpfand gegen Zölle?
Die Expertin Marina Yue Zhang von der University of Technology in Sydney sieht Australien „an einem seltenen strategischen Wendepunkt“: „Es profitiert sowohl vom Rückzug Chinas, könnte potenziell aber auch Opfer des zunehmenden Wettbewerbs der Großmächte werden.“ Als einer der wenigen westlichen Staaten mit bedeutenden Vorkommen, funktionierenden Lieferketten und politischem Handlungsspielraum könnte das Land ihrer Meinung nach zur Schlüsselfigur in einem neu entstehenden Markt für kritische Rohstoffe werden. Ob es diesen Moment zu nutzen weiß, hängt davon ab, wie geschickt es geopolitische Allianzen austariert, in Verarbeitungskapazitäten investiert und das Vertrauen von Investoren und Partnerstaaten gewinnt.

Ein mögliches Szenario: Die regierende Labor-Partei unter Premierminister Anthony Albanese erhöht die nationale Produktion kritischer Mineralien, um im Gegenzug die Handelsbeziehungen zu den USA zu stärken. Australien hofft, Trumps Zehn-Prozent-Zoll auf australische Importe senken zu können – kritische Mineralien könnten dabei als Faustpfand dienen. „Die USA – und insbesondere Trump – werden noch merken, wie wichtig Australien durch seine Rohstoffe und seine strategische Position für den Westen ist“, sagt Leschhorn.












