Entlassungen

Google, Twitter und Facebook: Katerstimmung bei Big Tech

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Dirk Hautkapp
Das ist Twitter

Das ist Twitter

Ursprünglich als twttr von Jack Dorsey gegründet, jetzt in der Hand von Multimilliadär Elon Musk: Das ist Twitter.

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Sie galten als Vorreiter der neuen industriellen Revolution – und lassen gerade mächtig Federn. Was ist los bei Google, Twitter und Co?

Washington. „Alexa, wie geht es uns?”. Wenn Andy Jassy der gleichnamigen hausinternen Sprachhilfe-Assistentin heute diese Frage stellen würde, bekäme der neue Amazon-Boss eine etwas schlecht gelaunte Antwort: „Wir machen Minus.”

Auf rund fünf Milliarden Dollar wird beim weltgrößten Online-Händler der Verlust mit der virtuellen Lebenshelferin geschätzt.

Grund genug, für den Nachfolger von Jeff Bezos auf die Bremse zu treten. 10.000 Mitarbeiter von Amazon stehen vor der Kündigung, melden US-Medien. Besonders in den verlustreichen Abteilungen, die das E-Buch Kindle und eben Alexa betreuen. Amazon hat in 2022 rund drei Milliarden Dollar verloren. Dagegen standen in den Jahren 2020 und 2021 Gewinn von 21 Milliarden bzw. 33 Milliarden Dollar zu Buche. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Big Tech entlässt Leute in großem Stil

Amazon ist kein Ausreißer in der Big Tech-Branche, in der die Wachstumspfade über Jahre nur von einem Gipfel zum nächst höheren führten. Meta/Facebook, Salesforce, Snapchat, Twitter sowieso: Die Liste der amerikanischen Technologie-Konzerne vor allem aus dem von Mythen umrankten Silicon Valley in Kalifornien, die in den vergangenen Wochen massive Entlassungen angekündigt oder bereits vollzogen haben, wird immer länger. Die Zeiten, als sich die Region südlich von San Francisco für unverwundbar hielt, sind vorbei.

Nach Angaben der Internet-Seite https://layoffs.fyi/, die den Arbeitsplatzabbau in der Technologiebranche erfasst, haben in diesem Jahr rund 860 Unternehmen bereits rund 138.000 Leute vor die Tür gesetzt. Andere Branchendienste sprechen sogar von 185.000 Entlassungen. Tendenz steigend.

Facebook und Twitter machten den Anfang

Es sind die Dickschiffe, die am stärksten kürzen. Facebooks Mutterkonzern Meta hat die größte Kündigungswelle der 18-jährigen Firmengeschichte eingeläutet und über 11.000 Mitarbeitern (rund 13 Prozent der Belegschaft) den Laufpass gegeben.

Dem brachialen Schnitt waren zwei Premieren vorausgegangen. Für das zweite und dritte Quartal meldete der Konzern zum erste Mal Umsatzrückgänge. Der Börsenwert, der 2021 noch über 1000 Milliarden Dollar lag, stürzte auf unter 300 Milliarden ab.

Bei Twitter mussten nach der Karacho-Chaos Übernahme durch Tesla-Boss Elon Musk bisher fast 4000 der insgesamt 7500 Angestellten zwangsweise den blauen Vogelkäfig verlassen.

In beiden Häusern, die sich lange rühmten, ihren Angestellten 4-Sterne-Luxus am Arbeitsplatz angedeihen zu lassen, wird inzwischen selbst im Klitzekleinsten gespart. Zuckerberg ließ den kostenlosen Wäschereidienst für die Mitarbeiter einstellen. Musk verfügte, dass in der Kantine des Firmen-Sitzes an der Market Street in San Francisco kein Essen mehr für lau über den Tresen geht.

Spezialisten unter Druck

Der Abbau vollzieht sich auch bei kleineren Tech-Konzernen. Die Streaming-Plattform Netflix hat 450 Mitarbeiter entlassen, der Fahrdienstleister Lyft 700 Angestellte, der Zahlungsdienstleister Stripe 1100, der E-Commerce-Anbieter Shopify an die 1000.

Die Betroffenen fallen gleichwohl weicher als in Branchen außerhalb des Tech-Sektors: Meist wird das Gehalt noch zwei, drei Monate weiter gezahlt, die Krankenversicherung ebenfalls.

Aber: Wer durch den Rost fällt und mit seinen Spezial-Fähigkeiten als Programmierer aus dem Ausland in die USA kam, steht unter besonderem Druck. Inhaber von sogenannten H-1B-Visa, also das Gros der Tech-"Gastarbeiter", haben nach der Kündigung nur 60 Tage Zeit, um einen neuen Job zu finden. Andernfalls droht die Aufforderung zur Ausreise.

Fast überall ist die Zeit der schier unbegrenzten Neueinstellungen vorbei. Auch die ökonomisch Nationalstaaten ähnlichen Riesen Apple und Google (Mutterkonzern: Alphabet) treten inzwischen auf die Bremse. Apple, obwohl der Smartphone-Gigant mit unerreichten 2,37 Billionen Dollar Marktkapitalisierung eigentlich über alle Zweifel erhaben ist.

Giganten verlieren gigantisch an Wert

Der Grund ist simpel: Die anhaltend hohe Inflation, schwindende Investitions- und Werbebudgets und die steigenden Zinsen schmerzen. Dazu kommt die feste Erwartung auf eine handfeste Rezession in 2023. Nach Berechnungen des HQ Trusts haben Netflix, Apple, Tesla, Meta (Facebook), Alphabet, Microsoft und Amazon zusammengerechnet in weniger als einem Jahr über 4000 Milliarden Dollar Börsenwert eingebüßt.

In der Boom-Phase, die mit der Corona-Pandemie zusammenfiel, wurde personell zu üppig draufgesattelt. Nur ein Beispiel: In viel zu euphorischer Erwartung seiner bis heute konturlos gebliebenen Metaverse-Zukunft hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg allein im Pandemie-Jahr 2021 über 30.000 Neueinstellungen abgesegnet; mehr als im Gesamtzeitraum 2012 bis 2019.

Microsoft (221.000 Angestellte) und Google-Mutter Alphabet (187.000) haben ihren Personalbestand binnen eines Jahres um ein Fünftel bzw. ein Viertel aufgestockt. Das rächt sich jetzt.

Abschwung in Silicon Valley: Eine Frage bleibt

Die beinahe messianisch vorgetragene Behauptung, anders zu sein als gewöhnliche kapitalistisch orientierte Unternehmen, ist nach Ansicht von US-Analysten entwertet. Facebook, Twitter, Google & Co. sind ohne Werbekunden, die auf diesen Plattformen um Kunden balzen, so gut wie nichts.

Bleibt die Frage, ob es sich bei der Abwärtsentwicklung nur um einen temporären „reset” handelt oder ob die Zeiten von schwindelerregendem Wachstum langfristig vorbei sind. Jeff Bezos, der ins zweite Glied zurückgetretene Amazon-Gründer, sagte neulich, man müsse zunächst „die Luken dichtmachen und durch den Sturm kommen”. Erst danach sei Zeit für die Zukunftsplanung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.