Es ist kein Zufall, dass Fabian Siegel in einem Zimmer empfängt, das wie ein italienisches Pasta-Gericht heißt: Gnocchi mit Pesto. Denn bei Siegels Firma, dem Kochbox-Versender Marley Spoon, geht es um gutes Essen. Mehr als 125.000 aktive Kunden hat das Berliner Start-up. Das sind Nutzer, die mindestens einmal in den vergangenen drei Monaten den Service des Unternehmens genutzt haben: Marley Spoon verschickt Lebensmittel per Paketsendung. Zutaten für bis zu fünf Gerichte bringt der Postbote so jede Woche. Auch die Rezepte liefert Marley Spoon mit. So können sich die Kunden ganz auf das Kochen konzentrieren.
Mit der Gründung hat sich Fabian Siegel Zeit gelassen
Marley Spoon ist nicht der einzige Anbieter, der mit dieser Idee wirbt. Hello-fresh mit weltweit fast zwei Millionen Kunden ist gewissermaßen das Kochboxen-Urgestein. Bereits 2011 ging das Berliner Unternehmen mit der Idee an den Markt. Fabian Siegel hingegen hat sich Zeit gelassen. Erst 2014 folgte Marley Spoon. Es sei ja nicht so, dass nur der Größte überlebe, sagt der 42-jährige Gründer. Stattdessen gehe es zunächst darum, den Markt zu entwickeln.
Derzeit ist Marley Spoon in Australien, den USA, Österreich, Belgien, Deutschland und den Niederlanden aktiv. 800 Mitarbeiter sind für das Start-up tätig. Im vergangenen Jahr wurden 53 Millionen Euro mit den Kochboxen umgesetzt. Groß sind die Unterschiede zwischen den Wettbewerbern nicht. Lediglich die wöchentliche Anzahl an Rezepten hebt die Anbieter voreinander ab. Fabian Siegel vergleicht die Situation der Kochboxen-Branche gerne mit der Gründerzeit in der Automobilindustrie. „Als vor 100 Jahren das Auto erfunden wurde, war das auch so. Heute glauben die Leute, dass ein Volkswagen etwas ganz anderes ist, als ein BMW. Die Identifikationen der Marken haben sich über Jahre entwickelt“, erklärt er.
Marley Spoon muss also Pionier-Arbeit leisten. Dabei hilft der Wettbewerb dem Unternehmen sogar. Gemeinsam mit Hellofresh könne man daran arbeiten, das Konzept bekannter zu machen. Doch selbst für Marley Spoon ist der Markt schon riesig: In den sechs Ländern, in denen das Start-up bereits heute tätig ist, könnte der Kochbox-Versender theoretisch 177 Millionen Haushalte bedienen. „Die Leute geben mehr für Lebensmittel aus, als für alles andere“, erklärt Siegel. Marley Spoon verdient mit einem Durchschnittskunden rund 150 Euro im Monat.
Vor allem den Supermärkten will der Marley-Spoon-Chef die Kunden abluchsen. Die Chance dafür sieht er: Seit Jahren kaufen immer mehr Menschen im Internet ein. Der Trend zum Online-Shopping hat gerade im Einzelhandel schon diverse neue Geschäftsmodelle hervor- und alte zum Einsturz gebracht. Kommt jetzt auch der große Umbruch im Lebensmitteleinzelhandel? Und werden Kochboxen-Anbieter wie Marley Spoon davon profitieren können?
Kochboxen seien für Familien und berufstätige Menschen bequemer
Fakt ist, noch ist der Lebensmittel-Einkauf kein Online-Geschäft. Für Lieferdienst etwa von Edeka oder Rewe ist der Aufwand in Sachen Logistik hoch, die Umsätze sind aber kaum der Rede wert. „Bislang haben die Lebensmittel-Ketten keine großen Schritte im Internet unternommen“, sagt auch Logistik-Forscher und Supermarkt-Experte Benjamin Nitsche von der Technischen Universität Berlin. Kochboxen seien für Familien und berufstätige Menschen bequemer, weil sich so der Gang in den Supermarkt vermeiden ließe. „Die Idee trifft den Nerv der Zeit“, so Nitsche. Eine große Gefahr für den Lebensmitteleinzelhandel sieht der Wissenschaftler derzeit aber noch nicht.
Fabian Siegel sieht diese Aussage eher als Ansporn. Er macht eine andere Rechnung auf: Grundsätzlich seien die Fixkosten für die Märkte sehr viel höher als für Unternehmen wie Marley Spoon. Stationäre Anbieter wie Edeka und Rewe müssten teure Gewerbeflächen unterhalten und zudem zigtausende Produkte vorhalten. „Supermärkte wissen nicht, was die Kunden wollen. Wir kaufen nur das ein, was der Kunde auch bestellt“, sagt Siegel. Marley Spoon sei deswegen effektiver, zudem müssten viel weniger Lebensmittel weggeschmissen werden.
Langfristig geht Siegel davon, dass Marley Spoon die Supermärkte preislich sogar unterbieten könnte. Dafür hat das Unternehmen bereits die Grundsteine gelegt. „Wir gehen näher an die Produzenten heran“, sagt Siegel. Etwa 20 Prozent der Zutaten für die Kochboxen kaufen die Berliner bereits direkt bei den Erzeugern ein. Eine Nudelfabrik in Italien etwa stellt die Teigwaren für alle Marley-Spoon-Märkte her und verschickt die Ware direkt aus dem Werk an die jeweiligen Logistik-Zentren.
Australien ist für die Berliner der stärkste Markt geworden
Die Pasta landet dabei auch in Australien. Der Kontinent ist seit einiger Zeit der stärkste Markt für das Berliner Unternehmen. Fast 40 Prozent des Umsatzes erzielt die Firma dort. Das liegt auch an den Supermärkten vor Ort. Die Ketten Woolworths und Coles haben den Markt unter sich aufgeteilt. Die Preise für Lebensmittel sind hoch. Auch Marley Spoon verdient in Australien mehr Geld pro Kochbox und hat deswegen zuletzt stark in den Markt investiert. Das nötige Geld dafür holte sich das Unternehmen auch von Investoren an der australischen Börse.
Fabian Siegel will die Märkte noch ausbauen. Helfen soll dabei auch ein Ableger, den Marley Spoon seit einigen Monaten bereits in den USA ausprobiert. „Dinnerly“ ist günstiger, dafür sind Gerichte und Zutaten aber auch einfacher, gewissermaßen Spaghetti Bolognese statt Saltimbocca alla romana. In den Staaten ist das Angebot bereits so erfolgreich, dass auch Wettbewerber mit preisgünstigen Alternativen nachgezogen haben. Für Siegel, der auch in New York City lebt, hat der Erfolg aber einen kleinen Makel: Weil seinen Kindern die „Dinnerly“-Gerichte besser schmecken, hat die Familie Siegel die Marley-Spoon-Boxen abbestellt.



