Berlin/Velten

Fahrzeughersteller Stadler fährt auf der Erfolgsschiene

Das Unternehmen aus Pankow profitiert von Aufträgen aus der Region und baut seine Kapazitäten weiter aus.

Ein Stadler-Produkt

Ein Stadler-Produkt

Foto: Stadler

Berlin/Velten.  Der Berliner Schienenfahrzeughersteller Stadler Pankow fährt weiter auf der Erfolgsspur. Während bei den Beschäftigten des Konkurrenten Bombardier Transportation im nicht allzu weit entfernten Hennigsdorf (Oberhavel) die Sorge um die Arbeitsplätze wächst, legt der deutsche Ableger der Schweizer Rail Group bei Produktion und Personal stetig zu.

68 Fahrzeuge, darunter 42 Straßen- und Stadtbahnen, hat das Unternehmen im vergangenen Jahr ausgeliefert und damit einen Umsatz von 300 Millionen Euro erzielt. In diesem Jahr will Stadler Pankow mindestens 92 Schienenfahrzeuge im Wert von 400 Millionen Euro an seine Kunden liefern. Die Zahl der Beschäftigten an den drei Stadler-Standorten Pankow, Reinickendorf und Velten (Oberhavel) hat sich von anfangs 200 auf inzwischen 1117 fast versechsfacht.

Stadler baut Berlins jüngste U-Bahn-Generation

Maßgeblich beigetragen zu dieser Entwicklung haben die Erfolge von Stadler Pankow im heimischen Markt Berlin-Brandenburg. Zunächst konnte das erst im Jahr 2000 als Joint-Venture mit Adtranz gegründete Unternehmen einen Lieferauftrag für neue Regionalzüge gewinnen. Die 16 vierteiligen Triebwagenzüge vom Typ Kiss sind seit Ende 2012 für die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft (Odeg) auf den wichtigen Regionalexpresslinien RE2 und RE4 unterwegs.

Nächster Coup war der Gewinn eines Auftrags der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das landeseigene Verkehrsunternehmen benötigt dringend Ersatz für die altersschwache U-Bahn-Flotte. Nach schlechten Erfahrungen mit der Vorgängergeneration schrieb die BVG zunächst nur die Lieferung von zwei Probezügen aus. Den Zuschlag dafür erhielt 2012 Stadler Pankow. Das Unternehmen setzte sich damit gegen den bisherigen BVG-Hauptlieferanten für Schienenfahrzeuge, Bombardier Transportation, durch.

Der Senat hat 58 Millionen Euro bereitgestellt

Die beiden Züge fahren seit Anfang 2015 als Prototypen der Baureihe IK (berlinerisch-kurz als „Icke“ bezeichnet) durch die Hauptstadt. Bislang mit guten Ergebnissen, wie Ulf Braker, Geschäftsführer der Stadler Pankow GmbH, am Dienstag berichtete. „Die haben bereits 230.000 Kilometer zurückgelegt, ein für Prototypen sehr hoher Laufwert“, sagte Braker. Auch die Verfügbarkeit der aus je vier durchgehend begehbaren Wagen bestehenden U-Bahnzüge sei sehr hoch. Ein Indiz dafür, dass das Produkt technisch bereits weitgehend ausgereift ist. Auch die BVG ist offenbar von der Qualität der Stadler-U-Bahnen überzeugt und orderte weitere 38 Züge.

In Halle 2 auf dem ehemaligen Borsiggelände in Berlin-Wilhelmsruh werden derzeit die ersten elf Serienzüge der Baureihe IK montiert, die die BVG schon im Jahr 2015 mit den vom Senat bereitgestellten 58 Millionen Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur wachsende Stadt („Siwa“) bestellt hat. Sie sollen ab Juli an die BVG ausgeliefert werden. Die übrigen 27 Züge (Bestellwert: 140 Millionen Euro) sollen bis Mitte 2019 auf der Schiene stehen.

Die Züge der Baureihe IK sind eigentlich für das sogenannte Kleinprofilnetz der Berliner U-Bahn konzipiert (Linien U1 bis U4), deren Tunnel ein schmaleres Profil ausweisen als die der Großprofillinien U5 bis U9. Doch auf diesen Linien ist der Bedarf an neuen Fahrzeugen groß. Um schnell Abhilfe zu schaffen, werden die elf Züge der ersten Liefertranche eine Besonderheit aufweisen: Sie werden technisch so ausgerüstet, dass sie in beiden BVG-Teilnetzen fahren können. Eine Herausforderung dabei ist, den unterschiedlich großen Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante zu überbrücken.

Stadler hatte sich um die Lieferung der nächsten S-Bahn-Generation beworben

Bereits in den 1920er-Jahren waren Kleinprofilzüge auf den neuen Großprofillinien unterwegs, sie erhielten den Spitznamen „Blumenbretter“ wegen der zur Spaltüberbrückung an der Seite angeschraubten Holzbohlen. Laut Stadler-Chef Braker gibt es für die neuen Züge eine technisch elegantere Lösung, die jedoch von der Technischen Aufsichtsbehörde erst noch zugelassen werden muss. Bis dahin will er keine Details verraten. An den gleichfalls von Stadler gebauten Kiss-Triebwagenzügen fahren Spaltüberbrückungen vor dem Öffnen unterhalb der Türen aus.

Noch eine Nummer größer fiel jedoch ein weiterer Berliner Auftrag für Stadler Pankow aus. Gemeinsam mit Siemens hatte sich das Unternehmen um die Lieferung der nächsten S-Bahn-Generation in der Hauptstadt beworben. Mit Erfolg: Ende 2015 erteilte die zum Bahnkonzern gehörende S-Bahn Berlin GmbH dem Konsortium Siemens/Stadler den Auftrag mit einem Gesamtvolumen von rund 900 Millionen Euro. Stadler setzte sich damit erneut gegen Bombardier Transportation durch. Verbindlich bestellt sind zunächst 106 Züge, davon 85 vierteilige und 21 zweiteilige Fahrzeuge.

Die ersten zehn S-Bahn-Züge sollen als Prototypen ab 2020 im Einsatz sein

Laut Stadler-Chef Ulf Braker liegen die Arbeiten für das S-Bahn-Projekt „voll im Plan“. Nachdem Vertreter von Interessenverbänden, Fahrgäste und Verkehrspolitiker ein Modell der neuen S-Bahn-Baureihe begutachten konnten, wird aktuell an Detailänderungen gearbeitet. Die ersten zehn Züge sollen als Prototypen ab 2020 im Einsatz sein. Anschließend werden bis 2023 alle übrigen Fahrzeuge auf die Berliner Schienen gebracht.

Während Stadler seine Triebwagenzüge und Straßenbahnen in den Berliner Werken in Pankow und Reinickendorf entwickeln, montieren und lackieren lässt, erfolgt die Inbetriebnahme in Velten. Dieser Standort soll weiter ausgebaut werden. Eine bisherige Leichtbauhalle wird durch ein festes Gebäude ersetzt, der Bürokomplex erweitert. Rund 3,5 Millionen Euro investiert Stadler in das Vorhaben. In Velten erhalten Fahrzeuge den letzten Schliff, werden in Betrieb genommen und von den Kunden abgenommen. Auf einer Teststrecke sind seit 2015 zudem Fahrten mit bis zu Tempo 120 möglich.

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