Traditionsmarke

Wie "Mampe" zum Szenegetränk werden will

Von der Eckkneipe in den Club: Die Berliner Traditionsmarke "Mampe" soll ein Trendprodukt werden. Doch das ist gar nicht so einfach.

Thomas Inden-Lohmar, der Geschäfstführer von Mampe

Thomas Inden-Lohmar, der Geschäfstführer von Mampe

Foto: Krauthoefer

Der nächste Schritt ist die eigene Destille. Tom Inden-Lohmar hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die Berliner Traditions-Spirituosenmarke Mampe zu retten. Sie stand mehr als 100 Jahre lang für Berliner Trinkkultur. Sogar für Popkultur: David Bowie trat in David Hemmings Film "Schöner Gigolo, armer Gigolo" von 1978 als Mampe-Flasche auf, die durch die Stadt stolperte. Doch irgendwann verschwand Mampe. Die Marke hatte es versäumt mit der Zeit zu gehen, während "Jägermeister" zum Kultgetränk der Hipster wurde.

In ihren besten Jahren war die Marke mit 70 verschiedenen Spirituosen allgegenwärtig, es gab es über 20 Gaststätten in ganz Deutschland, die den Namen "Mampes gute Stube" trugen – die bekannteste von ihnen am Kurfürstendamm 15. Wo einst die bittersüßen Schnäpse Berliner und Touristen den Alltag vergessen ließen, lässt heute McDonald's Burger und Pommes braten. Kaum vorstellbar, dass dort zwischen kreischenden Teenagern heute ein Dichter Platz nehmen würde und seinen Roman vollendete, wie Joseph Roth es mit seinem "Radetzkymarsch" 1932 getan haben soll. Immerhin erinnern dort Reste des Interieurs an die alte Mampe-Stube.

Einst wurden die Elefanten im Berliner Zoo unterstützt

Im vergangenen Jahrhundert ging es mit Mampe steil bergab. Einst Elefanten-Sponsor des Berliner Zoos und in der Saison 1979/80 sogar erster Trikot-Sponsor des Bundesligisten Hertha BSC, war es mit dem Ruhm schnell vorbei. Der Apfelkorn-Konzern Berentzen übernahm dann die abgewirtschaftete Traditionsfirma mit dem Elefanten-Logo, was der Mampe nicht bekam.

An dieser Stelle kommt Tom Inden-Lohmar ins Spiel. Seine damalige Werbeagentur war für die Schnaps-Marke zuständig, bis das Berentzen-Management sie vom Markt nehmen wollte. "Das wäre schade", dachte sich der Werbefachmann, kaufte die Markenrechte und holte die Firma aus dem Emsland nach Berlin zurück. 2012 war das.

Der Neustart war eine Herkules-Aufgabe: "75 plus" sei der Altersdurchschnitt der Stammkunden bei der Übernahme gewesen – "vornehm ausgedrückt", wie Inden-Lohmar ergänzt. "Aber die sind uns treu und trinken Mampe noch zehn bis 15 Jahre." Doch er weiß auch, dass dieses Marktsegment endlich ist. "Wir wollen wieder in die Eckkneipen und in die Küchenschränke der Studenten-WGs." Gleichwohl soll das kein Spagat werden. Aber man müsse die Marke verjüngen.

400 Einzelhandelsgeschäfte und 600 Gaststätten

Seitdem ist Inden-Lohmar unter die Hausierer gegangen – im übertragenen Sinn jedenfalls. Er hatte sich das Ziel gesetzt, einen neuen Markt für Mampe aufzubauen. Klapperte mit seinem Team Bars und Händler ab. 400 Einzelhandelsgeschäfte und 600 Gaststätten hat er nach eigenen Angaben inzwischen unter Vertrag. Sie haben die Marke wieder in ihrem Programm. Die größte Herausforderung war, dass Ketten keine kleinen Lieferanten wollen und Firmen von Mampe-Größe abblitzen lassen.

"Wir wollen, dass es Mampe nur in Berlin zu kaufen gibt", sagt der Unternehmer. "Denn Mampe ist untrennbar mit der Hauptstadt verbunden." Mit dieser Einschränkung hat er sich eine hohe Hürde aufgebaut. Vor allem, weil er das Schnaps-Geschäft umkrempeln und die Chancen der Digitalisierung nutzen will. Doch die Anforderungen von Digitalisierung und Regionalität können widersprüchlicher kaum sein.

Einen Online-Shop sollte es auf jeden Fall geben, das stand fest. Doch auch der musste auf jeden Fall in Berlin sein. Tom Inden-Lohmar wollte vermeiden, dass Kunden Pakete mit Berliner Inhalt aus einer anderen Stadt bekommen. Das war auch ein Grund, nicht über den Onlinehändler Amazon zu verkaufen. So entwickelten die Gründer mit Unterstützung des Webseitenbaukastens Jimdo und des Versanddienstleisters Shipcloud einen eigenen Shop mit einer Logistik, die im Herzen Kreuzbergs beheimatet ist.

Über Facebook lässt sich die Zielgruppe schwer erreichen

Komplizierter ist es, das lokale Konzept in sozialen Netzwerken zu platzieren. "Es ist schwierig auf Facebook eine Berliner Zielgruppe zu finden", sagt Inden-Lohmar. In einer täglichen Fleißarbeit durchforstet er die Beiträge auf der Facebook-Seite der Firma, antwortet auf Regionales, vertröstet überregionale Fragensteller. Bei aller Einsicht in die Digitalisierungszwänge ist sich Inden-Lohmar sicher: "Aber Schnaps saufen bleibt immer analog."

Vielen Berlinern dürfte noch der Vierzeiler in Erinnerung sein, den der Volksmund in Anspielung auf einen ähnlich klingenden Slogan des Berliner Optikers Carl Ruhnke dichtete, der 2002 vom Markt verschwand: "Sind's die Augen, geh' zu Mampe, / gieß' Dir einen auf die Lampe, / kannste allet doppelt sehn, / brauchste nich zu Ruhnke gehn."

Die Neuauflage von Mampe passt gut zur boomenden Berliner Crafts-Szene: In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Kleinbrauereien, Spirituosen- und Limonaden-Manufakturen entstanden, die ihre Kundschaft in den Szenevierteln finden. Daran will Inden-Lohmar anknüpfen und im kommenden Jahr eine Crowdfunding-Kampagne starten und eine eigene Manufaktur eröffnen. Bis dahin will er seinen Umsatz von 450.000 auf 750.000 Euro steigern und zügig schwarze Zahlen schreiben.