Berlin-Brandenburg

Konjunkturindex: Der Motor läuft rund

Der Konjunkturreport der vier Industrie- und Handelskammern der Region zeichnet ein positives Bild – dank der Binnennachfrage.

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Berlin/Potsdam.  Der Wirtschaft in Berlin und Brandenburg geht es ausgesprochen gut. Noch nie seit Einführung des Konjunktur­index im Jahr 1995 ist die Lage so gut wie in diesen Tagen. Sie erreichte einen Indexwert von 135 Punkten. Bundesweit wurden nur 124 Punkte erreicht. Diese Einschätzung des Chefs der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK), Jan Eder, bringt den am Mittwoch vorgelegten Konjunkturreport der vier Industrie- und Handelskammern der Region auf den Punkt. Traditionell legen die Kammern in Berlin, Potsdam, Cottbus und Ostbrandenburg zu Jahresbeginn dieses Stimmungsbarometer der regionalen Wirtschaft vor.

59 Prozent der zu Beginn 2016 befragten Unternehmen in der Region bezeichnen ihre aktuelle Geschäftslage als gut, 32 Prozent als befriedigend und neun Prozent als schlecht. Dass die Geschäfte eher besser werden, hoffen 33 Prozent. Dass sie gleich bleiben, erwarten 55 Prozent, dass sie sich verschlechtern, zwölf Prozent. Verhaltener als die Bewertung der Geschäftslage ist die Investitionsdynamik: 45 Prozent haben steigende Investitionspläne, 46 Prozent gleichbleibende und neun Prozent fallende.

Trotz Mindestlohns mehr Arbeitsplätze in der Region

Ein Grund für die Sonderposition der regionalen Wirtschaft ist ihre Konzentration auf die Binnennachfrage. Das schirmt nach Eders Worten die meisten Unternehmen gegen Verwerfungen im globalen Wirtschaftsgefüge ab. Insbesondere die niedrigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt und das billige Öl machen der Weltwirtschaft zu schaffen. In Berlin und Brandenburg stehen dagegen eine positive Kaufkraftentwicklung, ein Anstieg der Arbeitsplätze und ein dynamischer Strukturwandel. „Aus der damaligen Schwäche der Region ist eine Stärke geworden“, kommentiert Eder rückblickend diesen Trend. Neue Märkte seien entstanden: der boomende Tourismus, Innovations- und Zukunftsbranchen etwa.

Eder warnt jedoch davor, dass eine durch sinkende Einnahmen schwächelnde Nachfrage in den Ölförderländern der Industrie in Berlin und Brandenburg schaden könnte. Der Cottbuser Kammerchef Wolfgang Krüger ergänzt: „Ebenso verunsichern die Konjunkturprobleme in China und in verschiedenen großen Schwellenländern.“ Aktuell leidet die regionale Wirtschaft unter den Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Die Ausfuhren aus Berlin sind um 28,1 Prozent gesunken, aus Brandenburg um 22,3 Prozent. Hauptexportmärkte der Berliner und Brandenburger Wirtschaft sind die USA und Polen. In Berlin erreicht Saudi-Arabien den dritten Rang, in Brandenburg Frankreich.

Unternehmen an der Kapazitätsgrenze

Die Personalsituation könnte einen weiteren negativen Effekt bewirken: „Die Auftragslage in Brandenburg bringt Unternehmen an ihre Kapazitätsgrenze.“ Denn auch der Arbeitsmarkt stößt an seine Grenzen. „Es wird schwieriger, geeignetes Personal zu finden“, sagt Gundolf Schülke, Hauptgeschäftsführer der IHK Ostbrandenburg. Jedes vierte Unternehmen will erweitern – „trotz des Mindestlohns“, wie Wolfgang Krüger sagt. Auch die Zahl der Ausbildungsverhältnisse sei gesunken, bedauert Schülke, was aber eher am Geburtenrückgang liege als am Willen der heimischen Wirtschaft auszubilden.

Die Hoffnung, freie Stellen mit Asylbewerbern besetzen zu können, scheint sich kurzfristig zu zerschlagen. Zunehmend besorgt zeigen sich die Kammern angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen von der Schwerfälligkeit der Sozial- und Arbeitsbehörden bei der Anerkennung dieser Menschen und der Vorbereitung ihrer Integration. „Wir haben uns grob verschätzt und laufen in ein Riesenproblem“, sagt Eder. Er rechnet mit einer Analphabetenquote von 20 Prozent unter den in Berlin und Brandenburg ankommenden Menschen.

Kammerchef Krüger aus Cottbus bezeichnet es angesichts dieser Zahl als Illusion, dass sich das Fachkräfteproblem der regionalen Wirtschaft mit Flüchtlingen lösen lasse. Eder stimmt dieser Einschätzung zu. Am Anfang der Flüchtlingswelle sei der falsche Eindruck entstanden, das Fachkräfteproblem der regionalen Wirtschaft lasse sich mit Asylsuchenden lösen. „Am Anfang kamen nicht die Dümmsten“, sagt Eder und verweist darauf, dass das nicht abwertend gemeint sei. Der Cottbuser Kammerchef Wolfgang Krüger sieht in steigenden Arbeitskosten und einer sinkenden Produktivität zwei weitere Probleme, welche die regionale Konjunktur bremsen könnten. Das sagt er vor allem mit Blick auf die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie.

Ein Dauerthema ist in den regionalen Kammern die Frage, ob ein fusioniertes Bundesland wirtschaftliche Vorteile hätte. Die Zahl der Fusionsbefürworter ist insgesamt auf 53 Prozent gewachsen – auf 60 Prozent in Berlin (plus elf Prozent), 40 in Brandenburg. Ablehnend stehen einer Fusion nur noch 19 Prozent der Befragten gegenüber. Die Unternehmen hoffen vor allem auf den Abbau bürokratischer Lasten, eine bessere Verkehrsanbindung und eine einheitliche Förderung.