Jürgen Allerkamp

Ein Banker auf Berlin-Expedition

Eine Begegnung mit dem Vorstandsvorsitzenden der Investitionsbank Berlin, Jürgen Allerkamp.

Jürgen Allerkamp, Chef der IBB, beim Spaziergang am Bikinihaus

Jürgen Allerkamp, Chef der IBB, beim Spaziergang am Bikinihaus

Foto: Reto Klar

Entdecker reisen in unbekannte Welten. Sie haben ein Ziel vor Augen wie Roald Amundsen, der als erster Mensch den Südpol erreichte. Oder sie wollen etwas ganz anderes finden wie Christopher Kolumbus, der Asien suchte und Amerika fand. Und manche kehren von ihrer Expedition nicht zurück wie James Cook, der eine Passage vom Westen Kanadas zum Atlantik suchte, und von Ureinwohnern auf Hawaii umgebracht wurde. Entdeckerschicksale.

Kaum ein Beruf ist dem des Entdeckers auf den ersten Blick so fremd wie der des Bankers, in dessen Berufswelt sich Risiken mit mathematischen Formeln beschreiben lassen und viel mit Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun haben. Vom Versuch, den Entdecker im Banker zu entdecken, handelt dieser Spaziergang, der einen anderen Verlauf nimmt als ursprünglich geplant.

Neue Heimat im Savignykiez

Jürgen Allerkamp (59) ist neu in Berlin. Seit einem Jahr arbeitet er in der Stadt. Die Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) suchte 2014 einen neuen Chef für die Investitionsbank Berlin (IBB), weil sie den alten, Ulrich Kissing, gefeuert hatte. Er soll bekanntlich keine Sozialbeiträge abgeführt haben. So traf es sich gut, dass Allerkamp damals Zeit hatte und eine neue Aufgabe suchte. Er hatte Mitte 2012 den Vorstandsvorsitz bei der Deutschen Hypothekenbank in Hannover abgegeben, als diese mit der NordLB fusioniert werden sollte.

Ich treffe Jürgen Allerkamp in seiner neuen Heimat, die es zu entdecken gilt: mitten in Charlottenburg. Er ist ins Herz des alten Westens gezogen, in eine Wohnung in der Nähe des Savignyplatzes. Nicht nach Zehlendorf, wo viele andere Banker wohnen. Und auch nicht nach Prenzlauer Berg zu den Hipstern. Das hat er sich lange überlegt, doch den Trubel mochte er nicht. Dem in Vergessenheit geratenen alten Westen konnte er mehr abgewinnen.

Ein Chef, der leidenschaftlich gern Bus fährt

Überhaupt: Berlin habe sich verändert in den vergangenen Jahren, sagt er. „Wenn man früher am Flughafen Tegel ins Taxi gestiegen ist, wurde man erst mal von einer Berliner Schnauze angeraunzt.“ Diesen Typ Berliner gebe es kaum noch. Auch das alte Bild von der Witwe mit ihrem Dackel werde abgelöst von jungen Menschen, die sogar wieder in den Westen der Stadt strömten. Berlin sei eine der wenigen Städte Europas, wo innerhalb von 20 Jahren 50 Prozent der Bevölkerung ausgetauscht wurden. Jedes Jahr kommen 40.000 Menschen nach Berlin. Viele von ihnen sind gut ausgebildet. „Das macht die Stadt jünger und internationaler.“

Der Wechsel nach Berlin war ein spannendes Abenteuer für den Wahl-Hamburger, der in Westfalen aufwuchs und in Bonn studierte. „Ich ärgere mich selbst am allermeisten“, sagt er, „dass ich erst so spät nach Berlin gekommen bin“. Fünf Jahre früher hätte er kommen müssen. „Jetzt merke ich, wie spannend und aufregend die Zeit hier ist.“

Während wir so die Hardenbergstraße in Richtung Zoo runtergehen, biegt am Bahnhof Zoo ein gelber Linienbus um die Ecke und versperrt den Weg. „Ich bin ja ein bekennender BVG-Fan“, sagt Allerkamp, während wir warten. Und schon wieder wundert man sich: Spricht da der CEO einer Förderbank mit mehr als 20 Milliarden Euro Bilanzsumme? Man würde glauben, solche Leute lassen sich mit der S-Klasse durch die Stadt kutschieren.

Bei gutem Wetter zu Fuß zur Bank

Allerkamp will etwas mitbekommen von der Stadt und nicht im Fond eines Dienstwagens wegdösen. „Im Bus oder in der U-Bahn bekommt man ein Gefühl für das, was passiert. Anders als wenn man in einer Sänfte herumgetragen wird.“ Außerdem, die Taktzeiten seien kurz und die Tickets billig: „Warum soll ich für 40 Euro mit dem Taxi zu einem Termin fahren, wenn ich für kleinstes Geld mit einem Fahrschein der BVG genauso schnell hinkomme.“

Wenn er morgens im Radio die Staumeldungen hört, dann freut er sich, dass er vom Savignyplatz zu Fuß zu seiner Bank an der Bundesallee gehen kann. Bei schlechtem Wetter springt er auf der Kantstraße schnell in einen der vorbeifahrenden Busse, fährt dann vom Kurfürstendamm eine Station mit der U9. So ist er in zehn Minuten im Büro.

Viele Gespräche mit Unternehmern

Viel in der Stadt unterwegs zu sein und mit den örtlichen Unternehmern zu sprechen, gehört zu seinen Aufgaben. „Man steht viel mehr im Leben als das landläufig von einem langweiligen Banker angenommen wird. Das ist sehr reizvoll. Insofern bekommt man auch als braver Banker eine ganze Menge von der Stadt mit.“

Wir gehen weiter Richtung Bikini-Haus, vorbei an Touristen und Obdachlosen, deren Zuhause die Unterführung am Bahnhof Zoo ist. Hier zeigt die Stadt ihre Kontraste. Wir wollen den Ausblick genießen vom neuen Berliner Westen, dem Bikini-Haus aus den 50er-Jahren, auf den noch neueren Berliner Westen, der direkt gegenüber zurzeit mit dem Hochhaus Upper West entsteht. Allerkamp ist fasziniert von der Geschwindigkeit, mit der das neue Gebäude in die Höhe wächst.

„Drehende Kräne sind was Tolles“, sagt er, während wir auf die Baustelle blicken. Das ist sein Thema: Zwölf Jahre lang hat er sich als Vorstand der Norddeutschen Landesbank vor allem um gewerbliche Immobilienfinanzierung gekümmert. „Bauen ist die DNA unserer Bank“, schlägt er einen Bogen in die Gegenwart. „Die IBB kommt aus der Förderung des sozialen Wohnungsbaus.“ Das gehe in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal unter.

Berlin braucht mehr Sozialwohnungen

Berlin müsse mehr tun im sozialen Wohnungsbau und qualitativ gute Wohnungen mit moderaten Mieten von 6,50 bis acht Euro bauen. Hier sei der Bedarf am größten. Die meisten Wohnungsunternehmen hätten Leerstandsquoten unter einem Prozent. „Das sind betriebswirtschaftlich gesehen unglaublich gute Zahlen.“ Allerkamp ist stolz, dass seine IBB dem neuen Wohnungsversorgungsgesetz des Landes zufolge den Neubaufonds verwalten soll.

Der könnte demnächst noch wichtiger werden, wenn Wohnraum für die Geflüchteten gebraucht wird, die nach Berlin strömen. Allerkamp kann sich die Finanzierung von Unterkünften und Heimbetreibern durch die IBB vorstellen. Ihm kommt es darauf an, keine Gettos zu schaffen, sondern wandelbare Häuser zu bauen, in denen heute Flüchtlinge, und später Studenten oder Senioren wohnen können.

Auch Mieter profitieren von Eigentumswohnungen

Dass in Berlin so viele teure Wohnungen gebaut werden, ficht ihn nicht an. „Derzeit gibt es einen Wettlauf um Renditen. Wenn Flächen knapp sind, ist die Neigung groß, Objekte zu errichten und als Bauträger an Kapitalanleger oder Eigennutzer zu verkaufen.“

Davon würden aber auch Mieter profitieren, weil durch den Bezug einer Eigentumswohnung eine Mietwohnung frei wird. Und Wohneigentum? Hält er für eine sinnvolle Investition, weil es eine gute Altersvorsorge sei. „Deshalb müssen wir als IBB auch den Bau von Eigentumswohnungen ins Visier nehmen.“

Aber in Zeiten billigen Geldes spielen subventionierte Kredite nicht mehr die große Rolle. Die Nachfrage nach den klassischen Produkten einer Förderbank wird schleppender. „Darunter leiden wir. Gute Zeiten der Wirtschaft sind schlechte Zeiten der Förderbanken.“

Ein Freund der Galerie C/O Berlin

Themawechsel. Wir gehen weiter. Der Wind pfeift über den Breitscheidplatz. Im Café der Foto-Galerie C/O Berlin wollen wir etwas Warmes trinken. Allerkamp bestellt eine weiße heiße Schokolade. Warum gerade das C/O?

„Ich fühle mich dem Haus sehr verbunden, weil es Kunst und Engagement auf einen Nenner bringt. Ich bin ein Freund öffentlicher Kultur, aber ein noch größerer Freund von privater Initiative, weil hier der Hebel ein größerer ist.“ Soll heißen: Nöte machen erfinderisch. „Hier haben die Gründer Stephan Erfurt, Marc Naroska und Ingo Pott mit Enthusiasmus etwas losgetreten.“

Nach der Wende Bankdirektor in Dresden

Dieses Engagement vergleicht er mit einem Projekt in Dresden 1991, als Allerkamp schon einmal auf Entdeckerreise ging. Er hatte nach seinem Jurastudium einen guten Job als Justitiar bei der Westdeutschen Landesbank in Düsseldorf. Dann bot sich die Gelegenheit, ins Vorstandssekretariat der Dresdner Stadtsparkasse zu wechseln. Zwei Jahre nach der Wende zog er vom schicken Düsseldorf ins abgewirtschaftete Dresden: Einraumwohnung, zehn Quadratmeter, Ofenheizung. „Morgens um fünf musste ich aufstehen und den Kohleofen heizen, damit ich warm duschen konnte.“ Der Lohn war, dabei zu sein in einer Zeit voller Dynamik.

Doch zurück zur Kunst: Auf der Elbe in Dresden gibt es ein Theaterschiff, das nach der Wende vor der Pleite stand. „Das haben wir mit einem Kredit von 3,8 Millionen Mark ans Laufen gebracht.“ Ein vergleichbar großes Staatstheater braucht ein Vielfaches an Subvention. „Es war frappierend zu sehen, wie sich die jungen Theaterleute anders organisierten, abseits etablierter Strukturen.“

Als Hobbyreiter in Brandenburg unterwegs

Allerkamp liebt nicht nur das Abseitige wie das Theaterschiff, er erfreut sich auch an Hochkultur. Bleibt noch Zeit für andere Hobbys? Er reitet gerne. „Ich bin kein großer Sportler. Also ich juckele so rum und weiß, wo beim Pferd vorne ist.“ Kürzlich war er vier Tage mit einer Gruppe in Brandenburg unterwegs zum Wanderreiten rund um den Stechlinsee. „Das war sehr eindrucksvoll.“

Wie sieht er die Zukunft der IBB? Fürchtet er, dass Start-ups klassische Bankhäuser in Zukunft verdrängen? „In Gebieten, die ein tiefes Know-how erfordern, wie komplexe Geldgeschäfte und Exportfinanzierung, werden Banken ihre Berechtigung behalten.“

In Bereichen wie Zahlungsverkehr, Absatzfinanzierung, Onlinebanking und Onlineaktienhandel hingegen, in denen heute noch gutes Geld verdient wird, werden Banken schmerzliche Verluste erleiden.

„Die Herausforderung wird für jedes Institut sein, damit klarzukommen.“ Das wird für Sparkassen mit 200 Filialen eine andere Frage sein als für eine Hypothekenbank, die Spezialfinanzierungen macht. „Beide werden überleben.“ Man müsse aber hinterfragen, ob beispielsweise die Sparkasse alle ihre Filialen braucht.

Förderbank investiert in Startups

Die Förderung junger Unternehmen ist – neben dem Wohnungsbau – das zweite Standbein der IBB. „Das ist eine ganz wichtige Erfolgsgeschichte für Berlin. Dadurch werden wir international ganz anders wahrgenommen.“ Seit 20 Jahren ist die IBB in diesem Geschäft. „Wir haben einige Gründer scheitern gesehen und daraus lernen wir.“

Für wie nachhaltig hält er diesen Wirtschaftsfaktor? „Wir wollen niemandem den Traum vom großen Exit nehmen“, also dem Verkauf seines Start-ups. Davon lebt dieses Geschäft. Doch nicht jede Idee reicht für ein neues Facebook.

Die Tassen sind leer. Es ist Mittag geworden. Zwei Stunden lang hat Allerkamp nicht auf sein Smartphone geschaut. „Eine Ausnahme.“ Die Bewältigung seines Alltags ist ohne Smartphone undenkbar. „Erstens bin ich neu in Berlin und finde ohne App kaum nach Hause. Zweitens werden 80 bis 90 Prozent meiner Arbeit durch E-Mail erledigt.“

Ein guter Chef muss zuhören können

Die Zeit läuft davon, Allerkamp muss zu einer Dienstreise aufbrechen. Es gibt noch viele Fragen – eigentlich wollten wir ja bis zur IBB an der Bundesallee laufen. Was einen guten Chef ausmache, frage ich schnell.

„Eigeninitiative zulassen, motivieren, wenn nötig Coach sein, einen guten Mix finden zwischen ,in die richtige Richtung steuern’ und bremsen.“ Sein Pferdehobby liefert ihm eine Metapher: Ein guter Chef sei wie der Leithengst einer Pferdeherde. Der geht immer hinter der Herde, lässt Entscheidungsräume zu, zeigt den Korridor.

Wichtig sei, dass es einem Chef gelinge, mutige Mitarbeiter zu haben, die auch widersprechen. „Das scheint mir die größte Kunst zu sein. Das ist für beide Seiten schwer.“