Abgaswerte

VW-Skandal – „Das endet nicht beim Pförtner“

In den USA gibt es Betrugsvorwürfe gegen Volkswagen. Deutsche Autoexperten nehmen die Vorwürfe sehr ernst.

Ein Golf TDI auf der Auto Show in Detroit

Ein Golf TDI auf der Auto Show in Detroit

Foto: dpa Picture-Alliance / Friso Gentsch / picture alliance / dpa

Washington/Berlin.  Das hatte Volkswagens Amerika-Chef Michael Horn ganz anders geplant: Die Vorstellung der neuen Passat-Limousine am Montag in New York sollte VW auf dem hart umkämpften US-Markt voranbringen. Doch jetzt muss Horn sich auf quälende Fragen zu einem Skandal einstellen, dessen Dimension für VW ans Eingemachte geht und dessen schmutzige Details pures Gift sind für das saubere Image der Marke VW.

Wie die staatliche US-Umweltbehörde EPA und ihr kalifornischer Ableger CARB erklärten, hat Volkswagen Amerika von 2009 bis heute absichtlich eine Software in die Diesel-Motoren von rund 430.000 Wagen eingebaut, die dafür sorgt, dass Schadstoff-Grenzen nur in Tests eingehalten werden. Auf offener Straße liegen die Stickoxide dagegen 40 Mal über den Grenzwerten. Die EPA spricht von vorsätzlichem Betrug. VW habe die Manipulation zugegeben, heißt es in einem offiziellen Schreiben der Behörden.

Daraus geht zudem hervor, dass Volkswagen mit den Umweltkontrolleuren schon seit langem im Clinch liegt: Bereits 2014 entdeckten Fachleute der Universität von West Virginia, dass Stickoxid-Werte im Test- und im Real-Betrieb von VW-Fahrzeugen extrem unterschiedlich ausfielen. Damit konfrontiert, verpflichtete sich VW bereits im Dezember 2014 zur Problembeseitigung. Dazu seien auf freiwilliger Basis rund 500.000 Autos, zirka 50.000 davon in Kalifornien, zur Nachrüstung zurückgerufen worden.

Bei Nachprüfungen immer noch zu hohe Werte

Bei Nachprüfungen von EPA und CARB im Mai 2015 kamen jedoch Zweifel an der von VW behaupteten Schadensbeseitigung auf - die Werte waren immer noch zu hoch. Über mehrere Sitzungen im Sommer kam ans Tageslicht, dass VW die nötigen Nachjustierungen offenbar nur bei den Zertifizierungstests aktiviert hatte.

Am 3. September, so schreibt Annette Hebert, Chefin für die Abteilung für die Einhaltung von Abgasen der Umweltbehörde in Kalifornien, räumte Volkswagen den technisch anspruchsvollen Schwindel ein. Selbst die jüngste Fahrzeug-Generation des Baujahres 2015 sei mit einem „Abschaltgerät konzipiert und hergestellt worden, um Teile des Abgas-Kontrollsystems zu umgehen, zu überwinden oder wirkungslos zu machen“, konstatiert die Behörde.

„Auto-Eigentümer müssen sich keine Sorgen machen“

„Volkswagen ist entschlossen, das Problem so schnell wie möglich zu lösen“, teilte der Konzern mit. Man arbeite „an einem Mittel, das die Schadstoff-Vorgaben einhält und unsere loyalen und geschätzten Kunden zufriedenstellt“. Auto-Eigentümer müssten sich keine Sorgen machen.

Doch der Vorgang ist so verstörend, dass er auch in Europa zu Fragen führt. Volkswagen habe laut EPA „bewusst vorgegaukelt, die 482.000 Fahrzeuge erfüllten Umweltauflagen, die sie in Wahrheit nicht erfüllten“, wundert sich der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Das sei etwas völlig anderes als eine Rückrufaktion wegen technischer Mängel. Der Professor für Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg-Essen fordert angesichts der Vorwürfe in Amerika eine Untersuchung auch in Deutschland. „Sicherlich müssen jetzt auch die EU-Kommission und das Bundesverkehrsministerium den Dingen nachgehen und klären, inwieweit diese Software auch in Europa und Deutschland eingesetzt wurde und falsche Abgaswerte vorgaukelt“, sagte Dudenhöffer der Berliner Morgenpost. „Da die US-Behörde Ermittlungen auch gegen andere Autobauer angekündigt hat, kann man derzeit nichts ausschließen.“

VW beantwortet nicht, ob die Software in Europa genutzt wird

VW teilte dazu mit, „die Situation“ in den USA lasse sich „nicht ohne weiteres auf andere Regionen übertragen“. Die VW-Fahrzeuge in Europa erfüllten „die jeweils im Zulassungsjahr vorgeschriebenen gesetzlichen Vorgaben“. Ob eine Software, die weitaus niedrigere Abgaswerte in Testsituationen produzieren kann, jemals auch in europäische Autos eingebaut wurde, beantwortete VW trotz mehrfacher Nachfrage der Berliner Morgenpost am Samstag nicht.

Der ganze Fall werfe ein sehr schlechtes Licht auf das Umweltverständnis des Konzerns, meint Auto-Experte Dudenhöffer. Für den Einsatz einer solchen Software könne nur die Entwicklungsabteilung von VW zuständig sein. „Es gibt einen Entwicklungs-Chef weltweit – und das ist VW-Chef Winterkorn“, sagte Dudenhöffer dazu. „Wir haben es hier mit einer Sache zu tun, die nicht beim Pförtner endet.“ Für das Saubermann-Image von VW birgt der Fall verheerendes Potenzial. Der Konzern geht auf Tauchstation: Pressesprecher - nicht erreichbar, oder einsilbig wie selten. Werbe-Spots, in denen bisher „Clean Diesel“-Autos angepriesen wurden - nicht mehr abrufbar.

Ein Jahr Zeit, sonst werde man „tiefer bohren“

Für die EPA steht fest: Die Praktiken von VW seien „illegal und eine Bedrohung für die Gesundheit der Öffentlichkeit“. Ein Jahr habe VW Zeit, um für die beanstandeten Autos korrekte Abgaswerte zu erreichen. Sonst werde man „tiefer bohren, um das Ausmaß und die Absichten von Volkswagens Versuchen, die Luftreinhaltungsgesetze zu umgehen, zu ermessen“, formulierte die EPA eine überdeutliche Warnung.

Vorurteile kann man der Umweltbehörde trotzdem nicht attestieren: 2014 wurde die VW-Fabrik in Chattanooga preisgekrönt – wegen Feuchtgebieten auf dem Werksgelände, die dem Rotkopfspecht Schutz bieten. Den Umweltpreis bekam VW von der EPA.