Washington/Wolfsburg

US-Behörde wirft Volkswagen Betrug vor

Autokonzern soll Umwelt-Standards verletzt haben und muss 482.000 Fahrzeuge zurückrufen

Washington/Wolfsburg.  Schwere Vorwürfe gegen den Autokonzern Volkswagen in Amerika: Die US-Umweltbehörde EPA wirft dem deutschen Autobauer vorsätzliche Verstöße gegen das Klimaschutzgesetz „Clean Air Act“ vor und fordert den Rückruf von 482.000 Diesel-Fahrzeugen in Kalifornien. Betroffen sind nicht nur Autos der Kernmarke VW, sondern auch ein Modell der Konzerntochter Audi.

Das Unternehmen stehe im Verdacht, eine spezielle Software eingesetzt zu haben, um die Messung des Schadstoffausstoßes seiner Autos zu manipulieren, meldete die Environmental Protection Agency (EPA) am Freitag in Washington.

Konkret sei in Autos der Marken VW und Audi ein Programm eingesetzt worden, mit dem die Messung bestimmter Abgaswerte umgangen werden könne. Die beanstandete Technik („defeat device“) führt laut EPA dazu, dass die Abgaskontroll-Mechanismen nur während offizieller Tests vollständig greifen. Im Normalbetrieb sei der Ausstoß von Schadstoffen dagegen um ein Vielfaches höher als vom Hersteller angegeben.

„Einfach gesagt, diese Autos hatten ein Programm, das die Abgaskontrollen beim normalen Fahren ausschaltet und bei Abgastests anschaltet“, erklärte Cynthia Giles, Vertreterin der Environmental Protection Agency EPA. Folge solcher Manipulationen sei, dass die Autos die in den USA festgelegten Abgas-Grenzen um das bis zu 40-Fache überschritten. Im Fokus der Ermittlungen gegen VW stehen laut EPA vor allem Vierzylinder-Diesel-Fahrzeuge der Jahre 2009 bis 2015.

„Wir sind über den Vorgang informiert und arbeiten mit den Behörden eng zusammen“, sagte VW-Sprecher Eric Felber der Berliner Morgenpost am Freitagabend. Mehr war vom VW-Konzern zu den Ermittlungen nicht zu erfahren.

Der EPA zufolge geht es bei den Abgasen um Stickstoffoxide. Schadstoffe, die als Mitverursacher von Smog gelten und mit Atemwegserkrankungen in Verbindung gebracht werden. Betroffen seien Fahrzeuge der Typen Jetta, Beetle, Golf, Passat sowie Audi A3.

„Solche Mittel zu benutzen, um die Klimaschutzstandards zu umgehen, ist illegal und eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit“, sagte EPA-Vertreterin Giles. Ihre Behörde werde die Untersuchungen in diesem „sehr ernsten“ Fall fortsetzen. Dabei sei nicht auszuschließen, dass weitere Verdachtsfälle ans Licht kämen.

Laut EPA wird Volkswagen die betroffenen Autos auf eigene Kosten nachrüsten müssen. Zudem könnten VW Strafen von bis zu 37.500 Dollar (rund 33.000 Euro) pro Wagen drohen, teilte die EPA mit. Dies wären insgesamt rund 18 Milliarden Dollar, wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten. Allerdings ist völlig unklar, ob dieses theoretische Höchstmaß ausgeschöpft würde.

Die Entscheidung der US-Umweltbehörde bewegt sich auf einer Linie mit ähnlichen Strafmaßnahmen gegen andere Autohersteller. Erst im vergangenen November wurden der südkoreanische Autohersteller Hyundai und seine Schwesterfirma Kia Motors zu insgesamt rund 300 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Bei Tests war herausgekommen, dass einzelne Modelle beider Autobauer deutlich mehr Sprit verbrauchen, als der Hersteller offiziell versprochen hatte. Damals ging es um 1,2 Millionen Fahrzeuge.

Im Fall VW sind auch Zivilklagen nicht ausgeschlossen, zumal der Bundesstaat Kalifornien, wo besonders strikte Umweltgesetzte herrschen, ein eigenes Verfahren angestrengt hat. Aus der US-Zentrale von VW in Washingtons Vorort Herndon, hieß es am Freitag auf Anfrage der Berliner Morgenpost, dass man mit den Behörden kooperiere. „Das sind schwere Vorwürfe, die wir sehr ernst nehmen“, sagt Konzernsprecherin Jeannine Ginivan. Einzelheiten nannte sie nicht. Für VW kommt der Fall zur Unzeit. Der Konzern kämpft in den USA schon länger mit schwachem Geschäft.