Wie geht es beim angeschlagenen Warenhauskonzern Karstadt weiter? Vor etwas mehr als einer Woche hat der österreichische Immobilienentwickler René Benko Karstadt für einen Euro vom Investor Nicolas Berggruen übernommen.

Was genau Benko mit den 83 Filialen vorhat und ob alle weiterbestehen, ist noch unklar. Stefanie Nutzenberger, im Ver.di-Bundesvorstand zuständig für Handel, erklärt, welche Erwartungen die Gewerkschaft an den neuen Eigentümer hat und wie es im Konzern derzeit aussieht.

Berliner Morgenpost: Der neue Karstadt-Eigentümer, die Signa-Holding des Österreichers René Benko, ist vor allem ein Immobilienentwickler. Was erwarten Sie für das Warenhaus-Unternehmen?

Stefanie Nutzenberger: Wir erwarten ein tragfähiges und nachhaltiges Zukunftskonzept mit Strategien für Karstadt als Warenhaus-Unternehmen, in dem zu erkennen ist, wie künftig Geld verdient werden soll. Dabei muss etwa das Sortiment überprüft werden. Und das Konzept sollte die Kompetenzen in den Filialen berücksichtigen. Wir sind fest davon überzeugt, dass die Beschäftigten wissen, was verändert werden muss und was sich die Kunden vor Ort wünschen. Die Mitarbeiter müssen eingebunden werden.

Etwas, was Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt kurz vor ihrem Abschied angefangen hatte.

Aber wie zu lesen war, hat Frau Sjöstedt nicht die nötigen finanziellen Mittel von Herrn Berggruen bekommen. Es geht nicht nur darum, Sortimente klüger am jeweils regionalen Markt auszurichten und Mitarbeiter einzubinden, man muss auch in das Unternehmen investieren.

Welche Probleme sehen sie bei Karstadt?

Die Strategie etwa des Briten Andrew Jennings ...

... der Karstadt Ende 2013 verlassen hat, ...

... hat nicht gegriffen. Das Sortiment war in Teilen nicht angemessen.

Jennings wollte mit Mode und in Deutschland nicht bekannten Marken punkten, was bei den Kunden nicht ankam. Das Konzept hat auch den Karstadt-Aufsichtsrat passiert, in dem Ver.di vertreten ist. Die Gewerkschaft ist ohnehin bei Karstadt sehr mächtig. Haben sie in den vergangenen Jahren alles richtig gemacht?

Die Arbeitnehmervertreter haben immer wieder in unterschiedlichen Gremien darauf aufmerksam gemacht, wo ein Umsteuern notwendig gewesen wäre. Aber weder die Gewerkschaft ver.di noch Beschäftigten-Vertretungen wie der Gesamtbetriebsrat steuern das Unternehmen. Das tut das Management.

Von dem ist ja nicht mehr viel übrig. Sjöstedt gab Anfang Juli nach knapp vier Monaten auf, weil ihr die Unterstützung von Nicolas Berggruen fehlte. Jetzt ging Personalchef Kai-Uwe Weitz. Derzeit vereint Miguel Müllenbach alle Funktionen auf sich. Wie schnell muss das neue Management stehen und wie lange darf es sich Zeit für ein Zukunftskonzept lassen? Das wichtige Weihnachtsgeschäft naht schließlich.

Die Waren für das Weihnachtsgeschäft sind meist geordert. Und was Führungspersonal und eine Strategie betrifft: Da ist Geschwindigkeit ein Faktor, aber nicht der wichtigste. Wesentlich wichtiger ist, dass das Konzept nachhaltig und tragfähig ist, damit die Mitarbeiter wissen, woran sie sind und weiter Arbeit haben. Das Konzept muss Investitionen beinhalten, sich eingehend mit dem Sortiment befassen, es geht um eine Gesamtstrategie für Karstadt. Ohne Investitionen in die einzelnen Häuser wird es nicht gehen. Übrigens auch nicht ohne mehr Eigenständigkeit für die Filialen und ihre Sortimentspolitik vor Ort.

Im Geschäftsjahr 2012/2013 (30. September) wies Karstadt einen Verlust von 131 Millionen Euro bei einem Umsatz von 2,67 Milliarden Euro aus. Der Umsatz schrumpfte zum Vorjahr. Der Verlust stieg. Der Ausblick für das laufende Jahr ist nicht besser. Es heißt, Karstadt stehe 2014 wieder da, wo es 2010 schon einmal gestanden habe. Was können sie sich vorstellen, was kommt. Und was wollen Sie sich nicht vorstellen?

Wir erwarten ein nachhaltiges Zukunftskonzept, das die Arbeitsplätze der Beschäftigten sichert und realistisch aufzeigt, wie Geld über die Ladentheke verdient werden soll. Wenn ein Konzept vorliegt, werden wir es Punkt für Punkt diskutieren. An Spekulationen darüber hinaus beteilige ich mich nicht.

Mancher Handelsexperte rechnet damit, dass mindestens 20 der 83 Filialen schließen müssen.

Das ist Spekulation über den Verlust von Arbeitsplätzen. Schließungen bedeuten: Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz. Und wenn das geplant würde, muss dies ganz genau geprüft werden. Dafür ist es aber wichtig, die Strategie zu kennen. Einfach Häuser zu schließen ist Kahlschlagpolitik, aber keine tragfähige Strategie, denn nur über eine Kostenreduzierung generieren sie keine wachsenden Umsätze. Wissen Sie, wie stark sich die Beschäftigten an der Rettung von Karstadt beteiligt haben? Mit rund 700 Millionen Euro.

Seit 2010?

Nein, seit 2004. Sie haben unter anderem auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet und so in die Zukunft von Karstadt investiert. Und sie stehen jeden Tag in den Warenhäusern und verkaufen. Sie sind motiviert, aber sie wollen auch tragfähige Konzepte sehen und eingebunden werden.

Karstadt ist im Mai 2013 aus der Tarifbindung ausgestiegen, um Tariferhöhungen nicht mitmachen zu müssen.

Eine tarifliche Standort- und Beschäftigungssicherung sowie die Rückkehr in die Tarifbindung und damit die Garantie existenzsichernder Einkommen und Arbeitsbedingungen steht für uns im Mittelpunkt. Die Tarifbindung ist wichtig für die Mitarbeiter.

Allerdings ist das für den Investor mit Kosten verbunden.

Wenn es Probleme gibt, müssen die besprochen werden. Das gilt aber auch für die Beschäftigten, die seit Jahren auf Geld verzichten.

Noch ein Wort zu Nicolas Berggruen...

Was wollen Sie hören? Im Ernst. Viele Beschäftigte sind von ihm enttäuscht und zum Teil sogar verbittert. Berggruen hat wertvolle Zeit nicht genutzt, um Karstadt eine Zukunft zu geben.

Wäre es 2010 nicht besser gewesen, Karstadt wäre an Finanzinvestoren gegangen, die Interesse hatten, statt an Berggruen?

Das ist reine Spekulation. Damals ist aus verschiedenen Gründen so entschieden worden, wie entschieden wurde. Dass Herr Berggruen nicht Wort hält und nicht in Karstadt investiert, konnte niemand vorausahnen.