Konzernumbau

Berliner Vattenfall-Mitarbeiter rätseln über Standort

Der schwedische Energiekonzern spaltet sich in ein europäisches und ein skandinavisches Vattenfall auf. Das könnte den Standort in der Hauptstadt sogar stärken, hofft die Gewerkschaft Ver.di.

Foto: Caroline Seidel / dpa

Die Geschäftsführung von Vattenfall sah sich unlängst zu einer Bitte an die Belegschaft genötigt: Die Mitarbeiter mögen sich in Geduld üben und weiterarbeiten. Die naheliegenden Fragen beantwortet das natürlich nicht. Wieder einmal geben die schwedischen Besitzer des Energiekonzerns Rätsel auf.

Am 24. Juli 2013 verkündete das Unternehmen, seine Aktivitäten in einen skandinavischen und kontinentaleuropäischen Teil aufzuspalten. Kontinentaleuropa steht dabei für alles, was dem schwedischen Staatskonzern in den letzten Jahren die Laune verdarb: still gelegte Atomkraftwerke in Norddeutschland, unrentable Gaskraftwerke in den Niederlanden, Braunkohle in der Lausitz und natürlich ganz besonders und allgemein die Energiewende in Deutschland. Doch wo will Vattenfall hin, und wie sicher sind zum Beispiel die Jobs der gut 5500 Mitarbeiter in Berlin?

„Die neue Struktur von Vattenfall bietet Chancen“, sagt Hartwig Willert. Für einen Mann von der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di ist das eine bemerkenswerte Aussage. Normalerweise ist das eine Manager-Phrase, mit der harte Veränderungen ummantelt werden. Willert, der auch im Aufsichtsrat der Vattenfall Wärme GmbH und der Konzerntochter Stromnetz Berlin sitzt, meint das aber durchaus ernst.

Streit um Personalabbau in Berlin

Vattenfall, argumentiert er, wird ein großes, rechtlich eigenständiges Unternehmen für Kontinentaleuropa gründen. Dieses muss dann auch die diversen Risiken – etwa die der Atomkraftwerke und die Folgen des Braunkohleabbaus in Deutschland – schultern. „Das könnte dazu führen, dass Strukturen neu überdacht und Personalplanungen verändert werden“, sagt Willert.

Möglicherweise, so sein Kalkül, werde dann der seit längerem geplante Abbau von 1500 Stellen, 500 davon in Berlin, nicht so hart ausfallen. Seit Jahren liegen Betriebsräte und Gewerkschaften auf der einen und die Konzernspitze auf der anderen Seite im Dauerstreit. Ständig werden neue Sparprogramme aufgelegt oder verschärft. Es geht um Personalabbau und Gehaltskürzungen.

Das Unternehmen macht jedoch wenig Hoffnung, dass die Pläne aufgegeben werden. „Der Beschluss zur Aufspaltung hat keine Auswirkungen auf das Sparprogramm“, sagt Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann. Der Personalabbau sei der Situation in Deutschland geschuldet.

Energiewende, Übernahmen und Öffentlichkeitsbild

Diese Situation sieht grob gesagt wie folgt aus. Der 2011 beschlossene Atomausstieg hat die Kernreaktoren der vier großen Energiekonzerne RWE, E.on. Vattenfall und EnBW weniger rentabler gemacht. Hinzu kommt die Energiewende, deren weitere Rahmengebung durch die Politik unklar ist. Auf Europa-, Bundes-, Landes- und Kommunalebene werden weitgehend eigenmächtig Konzepte entwickelt. Dadurch können weder kleine Öko-Energieanbieter noch große Milliarden-Stromtanker verlässlich planen.

Vattenfall hat sich zudem mit vielen Übernahmen in den vergangenen Jahren stark verschuldet. Allerdings bringen die Firmen häufig nicht die erwarteten Einnahmen. Insbesondere der Kauf des niederländischen Versorgers Nuon mit seinen Gaskraftwerken kommt einem Fiasko gleich. Ihr Betrieb lohnt sich kaum. Allein deswegen muss Vattenfall rund vier Milliarden Euro abschreiben. Außerdem mag die klimabesorgte schwedische Öffentlichkeit die Braunkohle-Förderung mit anschließender Verfeuerung in der Lausitz überhaupt nicht.

Somit wird die Aufspaltung in ein „gutes“ skandinavisches Vattenfall und ein „böses“ europäisches vor allem dazu genutzt, die schwedische Öffentlichkeit ruhig zu stellen. Das sehen Beobachter als Hauptgrund. Hingegen gilt ein baldiger Verkauf als unwahrscheinlich. „Wenn es Interessenten gebe, hätte Vattenfall schon längst etwas losgeschlagen“, sagt ein Insider.

Spekulationen über Berliner Stromnetz

In der Berliner Politik sorgen die jüngsten Ereignisse für besonderes Misstrauen. Vattenfall will mit seiner Tochter Berliner Stromnetz GmbH auch über 2014 hinaus das Stromnetz der Stadt betreiben und hat seine Unterlagen eingereicht. Aus dem Senat soll es schon Nachfragen gegeben haben. Tenor: Wenn Berlin Vattenfall das Stromnetz wiedergibt, besitze es vielleicht wenig später ein ganz anderer Konzern. Nämlich dann, wenn doch Unternehmensteile verkauft würden.

Derzeit läuft das Verfahren zur Konzessionsvergabe. Außerdem will eine Initiative per Volksentscheid erreichen, dass der Senat zum Rückkauf des Netzes verpflichtet wird. Vor allem in der SPD gibt es viele Liebhaber einer solchen Rekommunalisierung. Die CDU ängstigt sich vor einer klaren Position, vermutet aber, dass viele Wähler auch für ein Stromwerk in kommunaler Hand sind.

Vielleicht kann der Konzern die Politik etwas beruhigen. Durch die Aufspaltung von Vattenfall entsteht eine neue Energie-Gesellschaft, die von Großbritannien über Holland bis Deutschland aktiv ist. Berlin hat gute Chancen, der Sitz dieser neuen Sparte zu werden.