„Gamestage“

Computerspielemuseum zeigt die Evolution der Videospiele

„Pong“, ZX81, „Pac Man“ und „Space Invaders“: In Berlin-Friedrichshain gibt es das größte Museum für Computerspiele in Europa. Und dort darf alles auch ausprobiert werden.

Foto: Dorian Gorr

Eigentlich wirkt Thomas Gottschalk wie immer – blonde Mähne, große Nase, abgehackte Moderation. Nur ist er in dem kleinen Monitor, der ihn im Computerspielemuseum in Berlin zeigt, 35 Jahre jünger als heute. „Telespiele“ hieß die Sendung, bei der der spätere „Wetten, dass..?“-Moderator sein Fernsehdebüt gab.

Die Sendung war eine Reaktion auf die Beliebtheit eben jener Telespiele in den heimischen Wohnzimmern. Das Konzept: Kandidaten steuerten über die Lautstärke ihrer Stimme einen Balken und versuchten mit diesem, den hin und her geschossenen Ball im Spiel „Pong“ abzuwehren und auf der Gegnerseite zu versenken.

Damals war das die Geburt eines neuen Fernsehformats, das sich immerhin vier Jahre lang hielt. Heute ist es ein Meilenstein im Deutschen Computerspielemuseum – einer von vielen.

Im Rahmen der Deutschen Gamestage findet hier vom 24. bis 28. April 2013 das Gamesfest statt. In dem Museum an der Karl-Marx-Allee 93a in Friedrichshain wird es dafür die Aktion „Spiel die Sieger“ geben. Besucher können von Donnerstag an alle zehn Gewinner des Deutschen Computerspielepreises und des LARA-Awards selbst ausprobieren.

Am Sonnabend stellen Speedrunner, also Spieler, die manche Videospiele besonders schnell durchspielen, neue Weltrekorde auf. Schon vorher haben Besucher die Möglichkeit, sich selbst am „Speed-run“ zu probieren.

Painstation mit Elektrostößen

Wie die Entwicklung bis zu den heutigen Spielen verlaufen ist, das erzählt das Museum. Und die Geschichte startet nicht erst mit Arcade-Klassikern wie „Space Invaders“, nicht einmal mit dem ersten Videospiel-Patent aus dem Jahr 1968, sondern lässt sich zurückverfolgen bis zu Schach-Fernpartien, die per Postkarten ausgetragen wurden, und sogar zur „Laterna magica“, dem vor mehr als dreihundert Jahren erfundenen Projektionsgerät. Spiele haben einen langen Weg hinter sich. Und das Computerspielemuseum, 1997 in einer Dreizimmer-Wohnung gestartet und seit 2011 an der Weberwiese, zeichnet diesen Weg nach.

In Glaskästen stehen längst vergessene Spielesysteme. Sie heißen Sinclairs ZX81, Game & Watch oder Microvision. Der Commodore VC 20 oder Ataris Heimcomputer 400/800 gehören da noch zu den bekannteren Geräten, die im Laufe der Zeit auf der Strecke blieben. Die Displays wirken im Vergleich zu heute lächerlich klein, die Tasten groß und schwer.

Selbst die Macintosh-Geräte von Apple, sonst für wegweisendes Design gepriesen, wirken klobig und wie aus grauen Vorzeiten. Wenige Meter daneben laufen Spiele in 3D und mit HD-Auflösung. Wenn im Computerspielemuseum eines deutlich wird, dann wie rasant sich die Technik in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelt hat. Das Computerspielemuseum lässt keine Zwischenstation aus – und lädt zum Ausprobieren in jedem Zeitalter ein. Spielhallen-Flair mit alten „Donkey-Kong“-Automaten genießen, ein paar Strikes beim Wii-Bowling werfen oder die besten Moves im digitalen Tanzstudio üben. Wer besonders mutig (und volljährig) ist, kann auch die Painstation ausprobieren, die bei Gegentoren in „Pong“ die Hand mit Hitze, Elektrostößen oder kleinen Peitschenhieben bestraft – manchmal ist eben doch offensichtlich, warum sich eine Erfindung nicht durchsetzte.

Magie der Spiele

Insgesamt gibt es mehr als 300 Ausstellungsstücke. Damit ist das Museum in Größe und Ausstattung europaweit einzigartig und lockt monatlich rund 9000 Interessierte an – längst nicht nur Videospiel-Verrückte. Auch deswegen geht es nicht nur ums Ausprobieren, sondern um Wissensvermittlung: Dem Nichtspieler soll die gesellschaftliche Relevanz der Videospiele deutlich gemacht werden. Sei es ihr Anteil am technologischen Wandel oder eine Installation von Computern, die alleine spielt und so vor einer vollkommenen Technologisierung der Welt warnt. Wer will, kann in vielen Ecken des Museums entdecken, wie Computerspiele die Gesellschaft kommentieren.

Trotzdem geht es natürlich in erster Linie um die Magie der Spiele und jede Menge Retro-Charme. Mehr als 50 Kurzvideos stellen wegweisende Spiele, von „Pac Man“ über „Sim City“ bis „Grand Theft Auto IV“ vor. Wer sich darauf einlässt, befindet sich im Nostalgie-Paradies für Spiele-Nerds – im Nerdvana. Gemeinsam mit Thomas Gottschalk.