Ausbildung

In der Jugend liegt die Kraft – auch für Betriebe

Fachkräftemangel, zu wenig Nachwuchs: Berlins Betriebe lassen sich mittlerweile einiges einfallen, um talentierte Azubis zu gewinnen, die ihr Team verstärken können.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Sie betreut ihr erstes eigenes Immobilienobjekt, im Herbst wird sie sechs Wochen lang ein Praktikum in London absolvieren, und später kann sie sich gut vorstellen, selbst einmal den Nachwuchs auszubilden. Geraldine Köhns Berufsweg wirkt auf den ersten Blick nicht, wie der einer Auszubildenden im ersten Lehrjahr.

Die Berlinerin ist 21 Jahre alt und hat erst im vergangen Jahr ihre Ausbildung zur Immobilienkauffrau bei Gegenbauer, einer Firma für Facility Management, begonnen. Schon nach kurzer Zeit hat sie Verantwortung übernommen. „Ich will noch viel lernen“, sagt Geraldine Köhn, „ich will Erfahrungen machen und auch mal Fehler machen dürfen“. Das erwartet sie von ihrer Ausbildung. Ihr Arbeitgeber kommt ihr entgegen, unterstützt sie finanziell für ihren Auslandsaufenthalt in England.

Vor zwei Jahren wurde die Firma Gegenbauer für ihr Engagement in der Ausbildung mit einem Preis ausgezeichnet. Bei dem von der Handwerkskammer und der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin ausgeschriebenen Wettbewerb „Berlins beste Ausbildungsbetriebe“ ging Gegenbauer als Sieger hervor.

Immer mehr Betriebe sind unter Druck

In diesem Jahr suchen die Partner wieder nach Unternehmen, die sich auch über vorgeschriebene Inhalte hinaus um ihren Nachwuchs bemühen. Und das werden immer mehr, denn die Betriebe sind unter Druck. Ihnen fehlt der geeignete Nachwuchs, der Fachkräftemangel verschärft sich. Von Fachkräftemangel spricht die Bundesagentur für Arbeit, wenn die Zeit, in der eine Stelle unbesetzt bleibt, mindestens um 40 Prozent über dem Durchschnitt aller Berufe liegt. Erstmals tauchten Anfang des Jahres in der Liste auch drei technische Berufe auf, für die ein Universitätsabschluss nicht zur Voraussetzung gehört: Deutschland braucht Spezialisten in den Ausbildungsberufen Energietechnik, Klempnerei und Lokomotivführer.

„Gerade im Handwerk bekommen wir in einigen Berufen die Stellen schwer oder gar nicht mehr besetzt“, sagt Katharina Schumann von der Bildungsberatung der Handwerkskammer Berlin. 400 Stellen seien allein im vergangen Jahr nicht vergeben worden.

Manche Berufe haben ein schlechtes Image

„Das liegt zum einen daran, dass die Schüler viele Berufsbilder nicht kennen, zum anderen am schlechten Image mancher Berufe, wie zum Beispiel der Sanitärtechnik.“ Weil außerdem aufgrund der demografischen Entwicklung jährlich die Zahl der Schulabgänger sinke, würden die Berliner Betriebe abnehmende Bewerberzahlen bei gleichbleibenden Lehrstellenangeboten verzeichnen.

Weil zudem jährlich zehn Prozent der Berliner Jugendlichen die Schule ohne einen Abschluss verlassen, ist der Wettbewerb unter den Unternehmen groß, leistungsstarke junge Mitarbeiter an sich zu binden. Dafür lassen sie sich einiges einfallen: Fort- und Weiterbildungen, die über die vorgeschriebenen Ausbildungsinhalte hinausgehen, Auslandsaufenthalte, duale Abschlüsse.

Telekom geht individuell auf Bedürfnisse ein

Bei der Telekom Berlin sanken die Bewerberzahlen für die jährlich gut 130 freien Ausbildungsplätze in den vergangenen fünf Jahren von 4500 auf 2500. „Wir kriegen unsere Plätze voll, aber der Kraftaufwand ist größer geworden“, sagt die stellvertretende Ausbildungsleiterin Dorit Krinelke. Um gegenzusteuern trete das Berliner Ausbildungszentrum der Telekom verstärkt auf Messen auf, engagiere sich im Rahmen des „Girls’ Day“ und biete Schülerpraktika. „Unsere Strategie ist, talentorientiert zu suchen und Bewerber nicht ausschließlich aufgrund der Schulleistung auszusuchen.“

Auch werde individuell auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingegangen. Marianne Bünger lernt im zweiten Jahr Bürokommunikation bei der Telekom in Berlin. Die 27-Jährige hat vor acht Wochen ihr drittes Kind bekommen, ihre Ausbildung absolviert sie in Teilzeit. Trotzdem sind ihre Leistungen so gut, dass sie kürzlich ihre Lehrzeit auf zwei Jahre verkürzen durfte.

„Bei der Wahl meines Ausbildungsbetriebs war für mich ausschlaggebend, dass ich die Arbeit mit meiner Familie vereinbaren kann“, sagt sie. In manchen Bewerbungsgesprächen sei angezweifelt worden, ob sie als mehrfache Mutter die Ausbildungsziele überhaupt erreichen könne. „Mir war klar, ich schaffe das“, sagt die junge Mutter. „Es ist aber schon sehr hilfreich, dass die Telekom und meine Vorgesetzten so sozial sind. Wenn eines der Kinder mal krank war und ich zu Hause bleiben musste, war das nie ein Problem.“

Kombination von Ausbildung und Abitur

Auch manche ihrer Kollegen aus der Technik erfahren eine besondere Förderung: Patrick Komke wird in diesem Jahr seine Ausbildung zum IT-Systemelektroniker abschließen und im nächsten Jahr dann sein Abitur machen. „Nur in Berlin bietet die Telekom diese Kombination an“, sagt die stellvertretende Ausbildungsleiterin, Dorit Krinelke. Wenn es Probleme zwischen Azubis und Ausbildern gebe, werde gezielt an Lösungen gearbeitet. „Unter- oder Überforderung lassen sich im Gespräch regeln“, sagt Dorit Krinelke. „Wegen Problemen bei der Ausbildung verlässt uns keiner. Denn unsere Azubis finden bei uns immer ein offenes Ohr.“

Die Betriebe profitieren von jungen Mitarbeitern, die zufrieden sind. Dafür bieten viele Ausbilder Feedbackgespräche und Mentorenprogramme. Dass die Firmen zunehmend bemüht sind, Probleme mit Auszubildenden einvernehmlich zu klären, bestätigt auch der Schlichtungsausschuss der IHK. Verzeichnete die Hilfsstelle für Streitigkeiten zwischen Azubis und Betrieben 2011 noch über 200 Verfahren, waren es 2012 nur noch 95. Bei 31 dieser Fälle wurde das Ausbildungsverhältnis am Ende beibehalten. „Viele Betriebe bemühen sich sehr und nutzen alle Möglichkeiten, um eine Kündigung zu verhindern“, sagt Katrin Dummer vom Schlichtungsausschuss.

Probleme hätten die Betriebe vor allem mit Pflichtverletzungen, wie unentschuldigte Fehlzeiten, zu spät eingereichte Krankmeldungen, oder wenn die Berufsschule nicht besucht wird und damit das Erreichen des Ausbildungsziels gefährdet ist. „Dann haben die Unternehmen oft keine andere Wahl, als das Ausbildungsverhältnis zu beenden.“ Im Gegenzug berate sie aber auch Azubis, die sich ungerecht behandelt fühlen und rechtlich gegen eine Kündigung vorgehen wollen.

„Häufig fühlen sich die Azubis mit ihren Problemen allein gelassen und finden keinen Ansprechpartner, andere kommen weil sie unterfordert sind oder die Ausbildung nicht nach Plan läuft.“ Dann setzt Katrin Dummer sich mit den zerstrittenen Parteien an einen Tisch. Oft scheitere es an der Kommunikation, „es wird nicht über das Wesentliche gesprochen, bis sich auf beiden Seiten die Meinungen verfestigen.“

Verständnis vom Ausbilder

Dass er immer über Probleme mit seinen Vorgesetzten sprechen kann, ist, was Christopher Ebertowski in seinem Ausbildungsbetrieb besonders schätzt. Der 23-Jährige lernt im dritten Jahr Industriemechaniker bei dem Berliner Solarmodulproduzenten Solon. 2011, als der Wettbewerb „Berlins beste Ausbildungsbetriebe“ das letzte Mal stattgefunden hat, wurde Solon Dritter. Ebertowski war bereits seit einiger Zeit bei der Firma, als seine Ur-Oma starb. Er ist damals schnell nach Hause gefahren, sein Ausbilder habe mit viel Verständnis reagiert und ihm sofort Urlaub genehmigt. „Dass es zwischenmenschlich in der Arbeit stimmt, ist mir sehr wichtig“, sagt er. In seiner Ausbildung wolle er außerdem selbstständig arbeiten und sich mit eigenen Ideen einbringen. Solon fördere ihn, indem die Firma ihm Einblicke in alle Bereiche gewähre, auf zusätzliche Fortbildungen und auf Montage schicke. Vergangenes Jahr baute er mit Kollegen eine Produktionsstätte in Fudschaira in den Arabischen Emiraten auf. Zwei Wochen durfte der Azubi seine Firma im Auslandseinsatz vertreten – eine Chance, die die mittelständische Firma ihren Auszubildenden ermöglicht und sich damit vom Angebot vieler Konkurrenten absetzt.

Wie es für Ebertowski nach der Ausbildung weitergehen soll, weiß er noch nicht genau. Die Übernahmechancen seien gut, irgendwann mehr Geld zu verdienen, wäre auch gut. Nur Theoretisches wolle er nicht mehr so viel lernen, er sei eher ein „Anpacker“.

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