Ist klar, dass Kurt Meister (75) das alles hart trifft. Es geht um die Firma, die er groß gemacht hat. Nun fragt er sich: „Was habe ich da meinem Sohn nur hinterlassen?“ Und Stefan Meister (46) – Chef der Buchbinderei Helm, Herr über 50 Mitarbeiter und gut drei Millionen Euro Umsatz im Jahr – will nicht derjenige sein, der die Firmengeschichte mit einer Pleite beendet. Aber er führt nun mal die Geschäfte in diesen Zeiten, wo Buchbindereien und Druckereien verschwinden, Aufträge seltener werden, einst verlässliche Geschäftspartner pleite gehen, Rechnungen offen bleiben. Und dann ist da noch die Sache mit dem Grundstück, den Krediten und dem Lande Berlin. Fast in die Pleite wären sie wegen einer Behörde gerutscht, sagen die Meisters.
Diese Geschichte handelt von einer Beinahe-Pleite und aufgebrachten Unternehmern auf der einen Seite. Auf der anderen Seite steht eine Behörde des Landes Berlin, die am engen Gängelband von Senatsverwaltungen läuft. Somit ist es die Geschichte einer kulturellen Kluft. Hier ein Unternehmen, das schnell reagieren, dort eine Behörde, die alles richtig machen will. Ein Lehrbeispiel, dass Privatwirtschaft und Verwaltung an bestimmten Punkten nie zusammen kommen können.
Alles beginnt am 20. September 2012. Das Geschäft der Buchbinderei ist längst „wacklig“ geworden, wie Kurt Meister sagt. Seit Jahren hat der Betrieb nicht genug abgeworfen, um Geld für schlechte Zeiten beiseite zu legen. Jedenfalls schickt der Anwalt und Notar der Buchbinderei Helm an diesem Tag ein Schreiben an den Liegenschaftsfonds, jene Institution, die landeseigenen Grundbesitz vermarktet und verwaltet. „Die erforderliche Liquidität des Unternehmens ist gefährdet“, schreibt der Jurist. „Wenn nicht die laufende Belastung durch Zins und Tilgung reduziert wird.“
Der Liegenschaftsfonds hat noch etwas zu sagen, wenn es um das Grundstück geht. Kurt Meister hat das Gelände in Marienfelde 1997 vom Land Berlin gekauft und für die Zwecke seiner Firma hergerichtet. Der Notar schickt den Brief deswegen los, weil es der Buchbinderei im Herbst so schlecht geht, dass man was mit den Banken machen muss. Und wenn die einem entgegenkommen sollen, wollen sie mehr Sicherheit. Bei den Meisters geht es darum: Laufzeit des Kredits und eingetragene Grundschuld des einen Instituts müssen zeitlich gestreckt werden. Ein weiteres Geldhaus, es gewährte 200.000 Euro Kredit für eine Maschine, will als erstrangiger Gläubiger im Grundbuch eingetragen werden.
Der Liegenschaftsfonds muss zustimmen. Schließlich kam die Buchbinderei seinerzeit nur an die knapp 9000 Quadratmeter, weil das Land einen Vorbehalt formulierte. Bis zu 20 Jahre nach dem Verkauf darf Berlin noch mitbestimmen. Die Regel gibt es, damit Firmen mit den günstig erworbenen Grundstücken nicht Schindluder treiben. Sie beispielsweise teuer weiter veräußern. Deshalb steht der Liegenschaftsfonds noch erstrangig im Grundbuch des Meisterschen Firmenareals. Jene Bank, die die Maschine finanzierte, würde die Kreditrate verringern, wenn sie erstrangig ins Grundbuch käme.
Vater und Sohn werden nervös
Viele Briefe und E-Mails gehen hin und her. Der Liegenschaftsfonds, sagen Stefan und Kurt Meister, habe nichts von sich hören lassen. Vater und Sohn werden von Woche zu Woche nervöser. Ohne Zustimmung des Liegenschaftsfonds gibt es keine Entlastung durch Banken. „Spätestens 2017 hätten wir schuldenfrei sein können“, sagt Stefan Meister. Wenn die Geschäfte weiter so gelaufen wären, wie Anfang des Jahrtausends. Jetzt muss er bei der landeseigenen Förderbank IBB Antrag auf Mittel aus dem Liquiditätsfonds stellen. Es ist ein Kreditprogramm für Firmen in Not.
Und dazu der Ärger mit dem Grundstück. Die Meisters lassen ihren Anwalt eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen einen Mitarbeiter des Liegenschaftsfonds einreichen. Briefe an die Senatoren für Wirtschaft, Cornelia Yzer (CDU), und Finanzen, Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) werden verschickt. Stefan Meister testet in den Briefen Grenzen formeller Höflichkeit aus. „Ich habe langsam das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden“, schreibt er im November.
Allerdings: Die Sache ist wirklich vertrackt. Um das zu verstehen, hilft nur ein Perspektivwechsel, die Sichtweise des Liegenschaftsfonds. „Wir haben“, sagt Irina Dähne vom Liegenschaftsfonds, „eine Liste, wann, wo und wie unser Mitarbeiter Kontakt aufgenommen und informiert wurde.“ Untätigkeit, sagt sie, das stimme einfach nicht. Beim Liegenschaftsfonds reagieren sie allergisch auf Vorwürfe, man würde Unternehmer behindern. Seit langer Zeit gibt es Beschwerden von Firmen, die Grund und Boden kaufen wollen, und seit Jahren warten.
Der Liegenschaftsfonds selber gleicht derzeit allerdings einem arg mitgenommenen Ball, der von verschiedenen Senatsverwaltungen hart getreten wird. Denn jedes Geschäft muss von den Senatsbehörden für Wirtschaft, Finanzen, Stadtentwicklung sowie einem Bezirk abgenickt werden.
Das Ansinnen der Firma Helm sei nach Gesetzesvorgabe nicht zu bewilligen gewesen, sagt Irina Dähne. Man habe es doch getan, nachdem die Verwaltungen für Wirtschaft und Finanzen einer Ausnahme zugestimmt hätten. „Und legt man diesen komplexen Vorgang zugrunde, waren wir wirklich nicht langsam“ sagt Dähne. Womit sie wohl nicht ganz unrecht hat.
Immerhin ging das Schreiben am 21. Februar an den Notar von Stefan und Kurt Meister. Es sieht so aus, als würde alles gut. In den fünf Monaten, sagt Stefan Meister, hätte das Unternehmen leicht die Pleite erleiden können. „Es geht doch um Arbeitsplätze und eine Traditionsfirma“, sagt Meister. Wieso, fragen sich er und sein Vater, passiere das nicht alles etwas schneller.
Wahrscheinlich spielt ein Grundmisstrauen gegen Behörden eine nicht unwesentliche Rolle. Als sie ihr Firmengrundstück in Marienfelde gerade erworben hatten, ließen sie den Grund für den Baubeginn herrichten. Altes, teils kontaminiertes Erdreich wurde abgetragen, Leitungen verlegt, alles für den Baubeginn vorbereitet. Es gab nur ein Hindernis. „Mitten auf dem Grundstück stand eine alte trockene Birke“, erzählt Stefan Meister. Zweieinhalb Monate, sagt er, habe es gedauert, bis die Fällgenehmigung vorlag. An manchen Stellen finden Unternehmer und Verwaltung einfach nicht zusammen.




