Qualifizierte Handwerksgesellen und gute Auszubildende können damit rechnen, in Zukunft mehr Geld zu verdienen. Der Mangel an Fachkräften und die Knappheit an motivierten Lehrlingen werden nach Einschätzung der regionalen Handwerkskammern dazu führen, dass sich die Bezahlung verbessern wird. „Das wird Auswirkungen auf das Tarifgefüge haben“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer, Jürgen Wittre am Freitag bei der Präsentation der Konjunkturumfrage der regionalen Kammern. „Betriebe wenden schon jetzt zusätzliche Mittel auf, um gute Lehrlinge zu bekommen“, sagte sein Kollege aus Frankfurt/Oder, Wolfgang Zither.
Bei allem Optimismus des Handwerks, das nach den Worten Wittkes der Krise „als Fels in der Brandung“ trotzt, bleibt der Fachkräftemangel das Hauptproblem für die meisten der 40.200 Brandenburger und 30.800 Berliner Betriebe. Die sind meistens sehr klein, in Brandenburg haben sie im Durchschnitt vier Beschäftigte und setzen 300.000 Euro um. In Berlin sind 5,5 Mitarbeiter an Bord, entsprechend dürfte der Umsatz pro Betrieb etwas höher liegen.
In Berlin haben 40 Prozent der Unternehmen Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden, in Brandenburg sind die Probleme etwas kleiner. 28 Prozent der Berliner Betriebe haben aktuell offene Stellen zu besetzen, vor einem Jahr waren es erst 21,4 Prozent. Annähernd die Hälfte (44,4 Prozent) der Handwerksmeister haben laut Umfrage gar keine Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen erhalten. Vor einem Jahr berichteten erst ein Viertel von einem völligen Desinteresse an ihren Jobangeboten. Die von den Arbeitsagenturen geschickten Kandidaten schätzen die Hälfte der Chefs als ungeeignet ein.
Am größten ist die Personalnot für die Nahrungsmittelhandwerker und das Ausbaugewerbe. Vor allem bei Bäckern, Fleischern oder Konditoren scheitern Einstellungen aber oft an laut Berlins HWK-Chef „überzogenen Gehaltsvorstellungen“ potenzieller Bewerber.
Abgang von Arbeitnehmern
Der Fachkräftemangel sei auch dafür verantwortlich, dass im ersten Halbjahr 2012 trotz einer von 81 Prozent als positiv eingeschätzten Geschäftslage sogar mehr Berliner Betriebe Stellen abgebaut als zusätzliche Jobs geschaffen haben. Es habe keine großen Insolvenzen gegeben, sagte Wittke. Aber viele Handwerker könnten den altersbedingten Abgang von Arbeitnehmern nicht mehr ausgleichen. „Es kommt jetzt in den Betrieben an, dass offene Stellen einfach offen bleiben“, sagte der HWK-Hauptgeschäftsführer.
Keine Entlastung bringen Arbeitskräfte aus Polen oder anderen EU-osteuropäischen Staaten, die seit dem 1. Mai uneingeschränkt in Deutschland arbeiten dürfen. Nur 2,5 Prozent der Umfrageteilnehmer aus der Region haben seitdem Osteuropäer eingestellt. Nennenswert ist der Anteil allein im Bauhauptgewerbe, wo immerhin fast sechs Prozent der Betriebe sich mit Personal aus Polen und anderen Staaten verstärkt haben. „Der Sog nach der Arbeitnehmerfreizügigkeit war nicht so groß, wie es einige Leute befürchtet oder andere erhofft haben“, sagte Wittke. Man wolle aber Werbemaßnahmen verstärken, um vor allem aus Polen zusätzliche Fachkräfte oder auch Auszubildende zu gewinnen
Denn auch eine Lehre im Handwerk erscheint vielen jungen Leuten trotz der gegenwärtig guten Wirtschaftslage in den meisten Branchen wenig attraktiv. Derzeit sind in den vier Kammerbezirken Berlin, Potsdam, Cottbus und Frankfurt/Oder noch 1700 Ausbildungsplätze nicht besetzt, 2720 Verträge sind unterschrieben. Für Berlin erwartet HWK-Hauptgeschäftsführer Wittke, dass man im September mit 300 unbesetzten Plätzen ins Ausbildungsjahr starten werde. Mit Schülerpraktika und Übernahmegarantien versuchen viele Betriebe, dem Nachwuchsmangel zu begegnen.
Jugendliche bleiben in der Region
Die Handwerker sind zunehmend auch bereit, Bewerber zu akzeptieren, die ihren hohen Qualitätsstandards nicht ganz entsprechen. Das gilt für Gesellen wie für Azubis. „Sie können sich die Bewerber ja nicht backen“, hieß es. „Wir merken, dass auch Schüler mit schlechteren Noten genommen werden“, schildert der Frankfurter HWK-Chef Zithier den Trend bei der Lehrstellenvergabe. Eine Entwicklung scheint zumindest gestoppt. „Die Jugendlichen schauen nicht mehr so sehr nach Süddeutschland“, sagte Knut Deutscher, Hauptgeschäftsführer in Cottbus, „Sie wissen, dass vor ihrer Haustür auch gute Lehrstellen zur Verfügung stehen.“
Trotz der Schwierigkeiten bei der Personalfindung erlebt das Handwerk in fast allen Branchen einen anhaltenden Boom. Mehr als vier von fünf Betrieben sind zufrieden mit dem Geschäft. Dennoch gelingt es den Handwerkern nicht, für ihre Arbeit höhere Preise durchzusetzen. Trotz der vielen Arbeit melden mehr Betriebe gesunkene Umsätze als gestiegene.
Akute Probleme sehen die Kammern nur für das KfZ-Gewerbe. Hier hat sich sowohl die Zufriedenheit mit dem Zustand als auch die Auftragslage deutlich verschlechtert. Als Gründe werden die Spätfolgen der Abwrackprämie, Rabattschlachten der Autohändler und hohe Benzinpreise angeführt, die den Autofahrern weniger Geld für Reparaturen ließen.
Die Finanzkrise beeindruckt die Handwerker nicht. Sie kämen wegen der vielen Arbeit nicht dazu, sich mit den Krisennachrichten zu beschäftigen, sagte Deutscher. Doch schauen die Betriebe weniger optimistisch in die Zukunft als im Vorjahr. Die Berliner sind zuversichtlicher als die Brandenburger. 22 Prozent erwarten bessere Geschäfte im zweiten Halbjahr, 21 Prozent schlechtere. In Brandenburg sehen nur 15 Prozent eine Verbesserung.





