Insolvenz

Schuhhaus Leiser entlässt in Berlin 100 Mitarbeiter

Die insolvente Schuhhauskette Leiser schließt bundesweit jede vierte Filiale, um zu überleben. In Berlin trifft es drei Häuser.

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Die insolvente Schuhhandelskette Leiser soll in abgespeckter Form überleben. Die Augsburger Bahner-Gruppe, zu der das Berliner Traditionsunternehmen ebenso wie die Marke Schuhhof gehört, wird im Zuge der Sanierung jede vierte ihrer 132 Filialen in Deutschland schließen. 400 der 1400 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Das Augsburger Amtsgericht hat am Dienstag ein Planverfahren mit diesen Kernpunkten gebilligt.

In Berlin schließt Leiser drei seiner 21 Läden. Auch zwei der zehn Schuhhof-Filialen machen zu. Außerdem wickelt das Untenehmen seinen zweiten Verwaltungssitz in der Hauptstadt ab und verlegt alle Zentralfunktionen nach Augsburg, wie Geschäftsführer Steffen Liebich Morgenpost Online sagte. In Berlin wird zwischen 90 und 100 Beschäftigten gekündigt, das entspricht jeder vierten Stelle.

Die Mitarbeiter in den beiden Leiser-Filialen in den Neuköllner Gropiuspassagen, die wie der Laden im Eastgate-Einkaufszentrum in Marzahn geschlossen werden, hatte die Geschäftsleitung bereits zu Versammlungen eingeladen, wie Ver.di-Sekretärin Petra Ringer berichtete. Die Gewerkschaft werde nun eine Rechtsberatung für die von Kündigung bedrohten Kollegen anbieten. Ver.di werde darauf drängen, dass das Unternehmen einen Sozialplan auflegt.

Ringer ärgerte sich über Angaben des Bahner-Geschäftsführers aus der Vergangenheit. Dieser hatte noch im April erklärt, alle Filialen erhalten zu wollen und auch den Personalabbau möglichst gering zu halten. „Was sind Aussagen einer Geschäftsführung wert, wenn es dann ganz anders kommt?“ fragte die Ver.di-Sekretärin. „25 Prozent weniger Filialen, das ist viel.“ Und 400 Mitarbeiter weniger, das sei auch viel.

Ende März hatte die Bahner-Gruppe das Planinsolvenzverfahren eröffnet. Nach dem neuen Insolvenzrecht Esug darf das Management die in Schieflage geratene Firma in Eigenregie wieder neu aufstellen. Die Gläubiger müssen aber die Sanierungspläne genehmigen.

Lage kritischer, als angegeben

Jetzt betritt Leiser die zweite Stufe des Verfahrens, in dem die Geschäftsleitung den vereinbarten Plan innerhalb weniger Monate umsetzen muss. Bis Ende Juli oder Anfang August will die Geschäftsleitung die Verhandlungen mit den Gläubigern abschließen und deren Zustimmung zu den Insolvenzplänen sichern.

Offenbar war die Lage des Schuhhandelshauses im Frühjahr dieses Jahres aber ernster, als es die Geschäftsführung seinerzeit zugegeben hatte. Das Überleben des 1891 in Berlin gegründeten Hauses hing am seidenen Faden. „Bei uns ging gar nichts mehr“, gab Bahner-Chef Liebich jetzt zu. Die Industrie hatte die Lieferungen an Leiser und Schuhhof eingestellt. Man habe aber nachgewiesen, dass eine Sanierung möglich sei, sagte Liebich, der engagiert wurde, um die Krise zu bewältigen.

„Wir haben den Geschäftsbetrieb stabilisiert“, sagte der Bahner-Chef. Die Restrukturierung der Gruppe sei „alternativlos“, hieß es in einer Erklärung der Bahner-Gruppe. Ohne deren Durchsetzung sei die Gruppe „aufgrund ihrer aktuellen operativen Unprofitabilität und fehlenden Wettbewerbsfähigkeit nicht überlebensfähig“. Der Umsatz betrug 2011 rund 185 Millionen Euro, die Ergebnisse waren seit einigen Jahren negativ.

Um die Zukunft zu sichern, will Liebich in neue Computertechnik investieren, die Warenwirtschaft verbessern und insgesamt die Abläufe im Unternehmen straffen. Deutschlandweit 17 Leiser-Läden und 16 Schuhhof-Filialen werden geschlossen. Auch ist es gelungen, mit den Immobilienbesitzern neue Mietverträge auszuhandeln, die auch an bisher unrentablen Standorten den Weiterbetrieb ermöglichen.

„Wir werden signifikant investieren“

Dicht gemacht werden vor allem solche Filialen, die einen unterdurchschnittlichen Anteil zum Umsatz beigetragen haben. Die Läden, die jetzt geschlossen werden – 25 Prozent der Filialen –, brachten nach Liebichs Angaben nur 14 Prozent vom Umsatz. Die verbleibenden Läden will Liebich modernisieren, ein neues Kassensystem aufbauen sowie das Marketing verbessern. „Wir werden signifikant in die Filialen investieren, die zum Teil keine Marktfähigkeit mehr haben“, sagte der Geschäftsführer.

Liebich versicherte, dass Leiser in Berlin ein Outlet-Center erhalten werde. Man sei in Verhandlungen mit dem Eigentümer des Gebäudes an der Neuköllner Grenzallee, wo die Schuhe, die in den Filialen nicht verkauft wurden, derzeit günstig angeboten werden. Das Haus gehörte früher Leiser selbst, als die Krise sich abzeichnete, wurde die Immobilie verkauft. Sollte das Outlet nicht an der Grenzallee bleiben können, wolle man einen neuen Standort finden, sagte der Leiser-Chef.

Leiser war jahrzehntelang das führende Schuhhandelsunternehmen Berlins. 1891 starteten die Gründer in der Kreuzberger Oranienstraße, 1906 eröffneten sie das größte Schuhgeschäft Berlins an der Tauentzienstraße, wo sich noch heute das Flaggschiff der Gruppe befindet. Der jüdische Gründer musste in der NS-Zeit seine Anteile verkaufen, bis 1970 gingen sie an seinen Teilhaber Dietrich Bahner in Augsburg. Dessen Enkel führen noch heute die Gruppe, die in den 60-er und 70-er Jahren die Berliner Konkurrenten Stiller, Wielant und Neumann übernommen hatte und den Schuhhandel in West-Berlin dominierte. Über Jahre war dann aber „nicht viel passiert“, wie Ver.di-Funktionärin Ringer die Insolvenz erklärte.