Strom und Gas

Das Berliner Energienetz ist bei Versorgern begehrt

Der Betrieb der Strom- und Gasleitungen in der Hauptstadt ist äußerst begehrt. Vattenfall und Gasag haben erstmals harte Konkurrenz.

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Berlins Versorgungsnetze für Strom und Gas sind gefragt. Eine Reihe von Bieter haben offiziell bei der Senatsfinanzverwaltung ihr Interesse bekundet, die Netze ab 2013 (Gas) und 2014 (Strom) zu betreiben.

Dem Vernehmen nach sind es zehn Bewerber, genaue Zahlen nennt die Senatsverwaltung nicht. Wie zu hören ist, soll eine Entscheidung über die Vergabe der für 20 Jahre laufenden Konzessionen im Herbst erfolgen, etwas später als zunächst geplant. Das liege auch daran, dass die Experten in den Verwaltungen derzeit mit den Verhandlungen über den Rückkauf der Anteile an den Wasserbetrieben alle Hände voll zu tun haben.

Mit im Rennen sind auf jeden Fall die Platzhirsche Vattenfall und Gasag, die seit Jahrzehnten Strom beziehungsweise Gas über ihre Rohre und Leitungen an die Haushalte und Gewerbebetriebe der Stadt verteilen.

Ebenfalls dabei ist für den Strom eine neu gegründete Genossenschaft namens Bürger Energie Berlin, die sich am kommenden Mittwoch öffentlich präsentieren wird. Nicht beworben hat sich hingegen der russische Staatskonzern Gazprom, wie ein Sprecher sagte.

Offensiv geht vor allem Vattenfall mit seinem Interesse um, mit seiner Tochter Vattenfall Distribution das Hauptstadtnetz für Strom auch die nächsten 20 Jahre weiter zu betreiben. Der Ableger des schwedischen Staatskonzerns, der 2001 den ehemals kommunalen Berliner Energieversorger Bewag erworben hat, produziert auch den meisten Strom für die Region und hat zugesagt, eine Milliarde Euro in die Modernisierung seiner Kraftwerksparks zu investieren.

„Wir sind der bestmögliche Netzbetreiber“, preist der Vattenfall-Bevollmächtigte für Berlin, Rainer Knauber: Er gehe davon aus, dass im Vergabeverfahren der herrschende Status quo der guten Versorgungsqualität und die Betreiberkompetenz angemessen berücksichtigt werde.

Ein neuer Betreiber müsste sich mit Vattenfall über einen Preis zur Übernahme der Infrastruktur und wohl auch des spezialisierten Personals einigen. Folgt man einem Preisrechner, den die Unternehmensberatung PWC zur Bewertung von Energienetzen ins Internet gestellt hat, dürfte das Vattenfall-Netz mindestens zwei Milliarden Euro kosten.

Als Konkurrenten muss Vattenfall nicht nur die Mitbewerber fürchten. In der Berliner Landespolitik gibt es starke Tendenzen, nach dem Wasser auch die Stromnetze in kommunale Hand zu bringen. Ein Volksbegehren sammelt gerade Unterschriften für eine Rekommunalisierung.

Auch in der SPD gibt es starke Stimmen dafür. Beispiele gibt es. So ist der Hamburger SPD-Senat dabei, sich mit 25,1 Prozent am dortigen Netzbetreiber, ebenfalls eine Vattenfall-Tochter, zu beteiligen. In der Regierungskoalition besteht jedoch keine Einigkeit über dieses Ziel. Die CDU-Fraktion hat sich dagegen entschieden. Der politische Einfluss könne auch ohne kapitalmäßige Beteiligung sichergestellt werden, so die Christdemokraten.

Vattenfall-Mann Knauber tritt der Erwartungshaltung mancher Politiker entgegen, dass sich mit dem Netzbetrieb so viel Geld verdienen lasse, um einen über Kredit bezahlten Kauf der Infrastruktur zu refinanzieren. Es gebe ein unternehmerisches Risiko im Netzbetrieb, so dass es für das Land deutlich attraktiver sein könne, die Konzessionsabgabe von 137 Millionen Euro pro Jahr zu nehmen, denn auf mögliche höhere Gewinne zu hoffen.

Die Bundesnetzagentur begrenze die Eigenkapitalrendite, real liege diese nur bei vier bis fünf Prozent pro Jahr. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse der Netzbetreiber aber sehr effizient arbeiten. Zudem verlangt die Regulierungsbehörde jedes Jahr einen Produktivitätsfortschritt, der ab 2014 bei 1,5 Prozent liegen werde.

Vattenfalls Berliner Netztochter setzte 2010 720 Millionen Euro um, deutlich weniger als in den Vorjahren. Der Gewinn betrug 105 Millionen Euro. Das ist aber nicht in jedem Jahr so. 2009 lag das Plus bei 44,5 Millionen, 2008 gab es einen Verlust von 40 Millionen.

Das liegt auch an den hohen Investitionen von durchschnittlich 240 Millionen Euro pro Jahr, die Vattenfall nach eigenen Angaben ins Netz steckt. Auch in den kommenden Jahren würden hohe Investitionen notwendig sein, um die Anforderungen der Energiewende wie neue Stromzähler und die Einspeisung von dezentralen Kleinkraftwerken oder schwankenden Mengen erneuerbarer Energie zu erfüllen.

Dass Vattenfall das Wachstum von Solaranlagen oder Blockheizkraftwerken verhindere, um den Stromabsatz aus seinen Großkraftwerken zu sichern, wie es manche Aktivisten des Volksbegehrens dem Konzern vorwerfen, sei nachweislich falsch, betonte Knauber. Vattenfall müsse jeden Strom diskriminierungsfrei durchleiten und garantiere Anbietern dezentraler Kraftwerke einen schnellen Anschluss ans Netz.

Der Boom der erneuerbaren Energien ist auch in Berlin sichtbar: So hat sich die Zahl der Öko-Strom-Anlagen seit 2008 auf 4000 mehr als verdoppelt, zu 90 Prozent sind das Photovoltaik-Anlagen, die Strom aus der Sonnenenergie ziehen. „Die Politik muss beantworten, was besser werden soll, wenn die Stadt das Netz selbst übernimmt“, sagte Rainer Knauber.