Mit ihrer rot, orange und gelb gefärbten Fassade wirken die beiden Werke der Firma First Solar so sonnig, dass man nichts Böses ahnen möchte. Doch schon auf den zweiten Blick wird das umzäunte Betriebsgelände der amerikanischen Solarfirma in einem Industriegebiet am Rande Frankfurts zum Hochsicherheitstrakt. An allen Zugängen patrouillieren Wachleute, Schilder signalisieren umfangreiche Videoüberwachung. Auch die Mitarbeiter blicken an diesem Vormittag mürrisch und verschlossen drein. Kaum jemand von ihnen beachtet die wartenden Journalisten, reagiert doch mal jemand, entlädt sich der ganze Frust, den wohl jeder der 1200 First-Solar-Angestellten seit Dienstagnachmittag verspürt, seitdem bekannt wurde, dass die beiden Werke geschlossen werden sollen. Und wer nicht wütend ist, der steht vermutlich noch unter Schock.

„Das ist richtig, viele können es noch gar nicht fassen“, sagt Betriebsratsmitglied Sven Hennig, einer der wenigen bei First Solar, der Klartext redet, und bestätigt, dass seit dem Bekanntwerden der Schließungspläne auch die Produktion zum Erliegen gekommen ist. „Die Leute haben nichts zu tun.“ Dabei will First Solar erst Ende Oktober dieses Jahres die Schotten in Deutschland dichtmachen. Dann nämlich ist die fünfjährige Frist abgelaufen, innerhalb der die Firma ihre erste Frankfurter Fabrik nicht schließen durfte – jedenfalls nicht ohne die 45 Millionen Euro staatlicher Investitionsförderung zurückzahlen zu müssen.

Obwohl die Leidensgeschichte der Mitarbeiter schon länger andauert – bereits seit März gilt Kurzarbeit – hätte doch keiner mit einem so plötzlichen Ende gerechnet. „Wir hatten das Gefühl, es geht bergauf – gerade nach der Eröffnung des zweiten Werkes im Herbst vergangenen Jahres“, sagt der 36-jährige Hennig, der seit Sommer 2007, also von Beginn an, bei First Solar ist. Es sollen sogar Lohnerhöhungen im Gespräch gewesen sein.

Transfergesellschaft geplant

Selbst Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) ist von der Entscheidung nach eigenen Angaben überrascht worden. Er habe aus den Medien von dem geplanten Rückzug erfahren. „Wir haben gesagt, dass das so nicht geht“, sagte Platzeck bei einem Krisentreffen mit Konzernchef Mike Ahearn in der Potsdamer Staatskanzlei. Viele der 1200 Mitarbeiter und 30 Auszubildenden seien erst vor wenigen Monaten in die Region gezogen, mit der Eröffnung der zweiten First-Solar-Fabrik. Jetzt setzt die Landesregierung in Brandenburg auf eine Auffanglösung für die Beschäftigten: Platzeck kündigte an, der Konzern wolle sich an einer Transfergesellschaft beteiligen. Darin können Beschäftigte neu vermittelt werden und für eine Übergangszeit weiter Geld bekommen. Auch werde gemeinsam nach Investoren gesucht. Es handle sich um eine nagelneue Fabrik mit besten Rahmenbedingungen, sagte Platzeck. Ob es dabei bleibt, dass First Solar nur die 22 Millionen Euro Förderung für das zweite Werk zurückzahlen muss, werde noch berechnet.

First-Solar-Chef Michael Ahearn nannte als Gründe für die Schließung einen Verfall der Preise angesichts der Konkurrenz aus China und die veränderte Förderung in Deutschland (siehe Text unten).

Dabei galt sie doch als so vielversprechend, die Solarbranche. „Im Osten geht die Sonne auf“, titelte die selbsternannte „deutsche Solarhauptstadt“ an der Oder jahrelang selbstbewusst. Wer nicht selbst in der zukunftsträchtigen Branche eine neue berufliche Perspektive fand, bei dem waren es zumindest Familienmitglieder, ehemalige Kollegen oder gute Freunde. Außerdem profitierten auch andere indirekt von den vielversprechenden Neuansiedlungen, beispielsweise mittelständische Zulieferer. Ein neu gegründeter Solarverein träumte von gemeinsam finanzierten Bürgersolarparks mit ordentlicher Rendite und damit von einem komplett neuen Stadtbild.

Nun droht die Sonne dort wider der Natur unter zu gehen. Denn der Rückzug des Branchenprimus First Solar ist der vorläufige Höhepunkt eines Niedergangs im Bereich erneuerbarer Energien: Die Frankfurter Firma Odersun ist pleite, ein neuer Investor derzeit nicht in Sicht. Die Hamburger Conergy AG musste ihre Frankfurter Belegschaft bereits halbieren und machte erst kürzlich als „größter Kapitalvernichter“ Deutschlands Schlagzeilen. Und auch beim hoch verschuldeten Solarunternehmen Q-Cells im benachbarten Sachsen-Anhalt wird am 1. Juli das Insolvenzverfahren eröffnet.

Ein schlechtes Déjà-vu

Für die 60.000 Einwohner zählende Stadt Frankfurt ist die aktuelle Entwicklung wie ein schlechtes Déjà-vu: Vor neun Jahren scheiterte das ehrgeizige Projekt einer Chipfabrik, noch ehe dort überhaupt die Produktion aufgenommen worden war. Der riesige, dreistöckige Betonrohbau an der Autobahn 12 verwaiste und blieb wie ein Mahnmal des erlebten Albtraums zurück. Der Oderstadt liefen die Einwohner in Scharen weg, wer konnte, suchte seine Zukunft woanders. Resignation und Pessimismus machten sich breit, kaum jemand glaubte noch daran, dass die strukturschwache Region jemals zu einem ernst zu nehmenden Wirtschaftsstandort werden könnte. Der Schock saß an der Oder so tief, dass selbst die Nachricht von der Conergy-Neuansiedlung, damals immerhin umsatzstärkstes Solarunternehmen Europas, zunächst nur mit skeptischer Zurückhaltung statt großer Euphorie aufgenommen wurde.

Es dauerte lange, bis die Zuversicht zurückkam an die Oder. Nach und nach kehrten Fachkräfte, die dem einstigen Halbleiterstandort mangels Perspektive längst den Rücken gekehrt hatten, zurück – mit jeder großen Jobbörse der neu angesiedelten Unternehmen ein paar mehr. Und jetzt der erneute Rückschlag, der die strukturschwache Region kalt erwischt und die Bewohner resignieren lässt. „In den erneuerbaren Energien liegt doch angeblich die Zukunft. Warum funktioniert es dann hier nicht“, sagt eine Passantin. Und dann ist da auch wieder der Frust: „Da werden erst Millionen an Subventionen reingepumpt, und dann ist alles für die Katz“, schimpft ein älterer Mann.

Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) spricht ebenfalls aus, was viele in der Stadt denken: „Frankfurt ist wieder da, wo es vor zehn Jahren war mit allen seinen Strukturproblemen.“ Die Landesregierung werde dennoch versuchen, die Situation zu entschärfen. „Wir werden uns überlegen müssen, was wir beispielsweise für den Bereich Logistik tun können, wo wir stabilisieren können und was möglicherweise eine Perspektive für den Standort ist“, sagte Christoffers dem RBB.

Zweckoptimismus verbreitet Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke, über Jahre als Chef des Investorcenters Ostbrandenburg Wirtschaftsförderer der Region. „Den Kopf in den Sand zu stecken hilft uns nicht“, sagt er. „Wir haben nach wie vor gute Standortbedingungen, eine ausgebaute Infrastruktur, Fachkräfte und Forschung vor Ort. Davon müssen wir ansiedlungswillige Unternehmen nur überzeugen.“ Auch Jochem Freyer, Chef der Frankfurter Arbeitsagentur, ist zuversichtlich – obwohl man inklusive Zulieferern mit rund 2000 Arbeitslosen in der Region rechne. Bereits zum Sommer werde man einen Großteil der First-Solar-Mitarbeiter an andere Unternehmen vermittelt haben, hofft Freyer. Wenn auch nicht unbedingt in Frankfurt.