Insolvenz-Schock

30.000 Schlecker-Mitarbeiter bangen um ihren Job

Schlecker reicht Insolvenz ein. Das Unternehmen will sich nun sanieren und weitere Filialen schließen, auch in Berlin. Die Mitarbeiter sind geschockt, während die Kunden die Pleite haben kommen sehen.

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Vor zwei Minuten hat sie es erfahren. Ein Kunde überbrachte ihr die schlechte Nachricht. Ihr Arbeitgeber Schlecker ist Pleite und jetzt ringt die Frau an der Kasse um Fassung und Worte. „Das ist ein Schock“, sagt die zierliche 55-jährige Verkäuferin schließlich. „Aber mich haut so schnell nichts um.“ Seit 15 Jahren sei sie jetzt schon bei dem Unternehmen. Derzeit arbeitet sie in der Filiale an der Raumerstraße in Prenzlauer Berg. „Bisher ist noch immer alles gut gegangen.“ Es klingt nach Zweckoptimismus. Denn so schlimm wie an diesem Freitag war die Lage bei Schlecker noch nie zuvor.

Der Niedergang der Drogeriekette hat jetzt ein vorläufiges Ende gefunden. Am Freitag gestand Drogerie-Riese seine Zahlungsunfähigkeit ein und kündigte an, bis spätestens Montag den Insolvenzantrag zu stellen. 30.000 Mitarbeiter bangen um ihren Arbeitsplatz. In Berlin sind es nach Schätzung der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di rund 1000. Die Pleite bietet Stoff für zweierlei: für ein Lehrbuch über nachhaltig schlechtes Management und für einen Roman über einen stolzen Patriarchen, der sein Lebenswerk ruiniert.

In Zahlen lässt sich der Absturz von Schlecker nicht nachzeichnen. Der Handelskonzern ist verschwiegen und teilt der Öffentlichkeit nicht mit, ob ein Geschäftsjahr mit Gewinn oder Verlust geendet hat. Die letzte Zahl, die bekannt ist, stammt aus dem Jahr 2010. Damals machte Schlecker einen Umsatz von rund 6,5 Milliarden Euro und trug mit seinen 11000 Filialen den Titel „Deutschlands größte Drogeriemarktkette“.

Zu späte Modernisierung

Allerdings ist es längst kein Geheimnis, dass Schlecker in den vergangenen fünf Jahren rote Zahlen geschrieben hat. Dass das Finanzpolster von Jahr zu Jahr schrumpfte. Dass die neue Strategie, die vor allem eine Modernisierung der oft düsteren und verwinkelten Läden vorsah, zu spät ersonnen und umgesetzt wurde. Nun soll das Unternehmen in der Insolvenz saniert werden.

Schleckers Niedergang läuft einem gängigen Klischee aus dem Wirtschaftsleben zuwider. Bei Karstadt/Quelle und vielen anderen Unternehmen waren es die Nachfahren der Gründer, die das Lebenswerk ruinierten und Vermögen aufzehrten. Bei Anton Schlecker, dem 67-jährigen Metzgersohn aus dem schwäbischen Ort Ehingen, liegt der Fall etwas anders. Die Führung seines Imperiums legte er zu einer Zeit in die Hände seiner beiden Kinder Lars und Meike Schlecker, als längst blanke Not herrschte.

Zwar sorgten die beiden Sprösslinge dafür, dass sicher der raue Umgangston änderte. Betriebsräte wurden fortan nicht mehr verflucht. In Berlin, berichtet Ver.di-Handelsexpertin Janet Dumann, gibt es flächendeckend Interessenvertretungen der Belegschaft. Auch die Umgangsformen hätten sich gebessert. „Es herrschte Hoffnung und eine gewisse Aufbruchsstimmung“, erzählt Dumann. Auch, weil Schlecker damit begann, Filialen umzubauen. So, wie an der Raumerstraße.

„Wir haben doch gerade erst alles modernisiert“, sagt die Verkäuferin. Im vergangenen Sommer ist die Filiale vom Helmholtzplatz nur ein paar Hundert Meter weiter die Raumerstraße gezogen. Dabei wurde auch die Einrichtung rundum erneuert: „Schlecker“ steht nun in geschwungener Schreibschrift über dem Laden im Eckhaus. Drinnen führen kräftige Farben zum richtigen Regal: Sonnengelb zur Kindernahrung, Türkisblau zu Kosmetika. Die alte, muffige Schlecker-Welt wurde ordentlich durchgelüftet. „Man schließt doch keinen Laden, den man gerade neu eingerichtet hat“, sagt die Verkäuferin. Daraus schöpft sie ihren Optimismus, wohl eher das Prinzip Hoffnung.

Doch das, was Schlecker an der Raumerstraße geschafft hat, ist viel zu selten und zu langsam gelungen. Als Lars und Meike Schlecker Ende 2010 an die Spitze rückten, war die Rede 1000 bis 2000 Filialen, die pro Jahr in Deutschland auf Vordermann gebracht werden sollten. Doch dafür fehlte letztlich das Geld und das Unternehmen geriet in einen Teufelskreislauf. Die neuen Filialen brachten zwar bis zu 30 Prozent mehr Umsatz. Aber insgesamt überwogen die defizitären Standorte – und deswegen fehlte Geld, um die Läden schnell zu modernisieren.

700 Schlecker-Filialen allein im Januar geschlossen

Stattdessen machte Schlecker Schlagzeilen mit dem Verkauf von Läden. In immer schnellerem Tempo trennte sich der Konzern von seinen Verkaufsstellen für Shampoo, Seife und Katzenfutter. Allein im Januar dieses Jahres sollten in ganz Deutschland 700 Schlecker-Filialen dicht gemacht werden, 30 davon in Berlin. Hier gibt es derzeit noch rund 200 Standpunkte, in Brandenburg dürften es kaum mehr als 100 sein.

„Fit for Future“ taufte Schlecker sein Sanierungsprogramm – fit für die Zukunft. Es ist gescheitert und das liegt auch daran, dass Schlecker bei den Kunden keinen guten Stand hat. In der Filiale an der Raumerstraße geben sich die Kunden – in der Mehrzahl Mütter mit Kinderwagen oder Baby-Tragegurt – wenig überrascht von der Nachricht über die drohende Pleite. „Hier wurde zwar alles renoviert, aber insgesamt ist Schlecker viel altmodischer als die Konkurrenz“, sagt Katja Nemetz. Außerdem sei das Angebot geringer als etwa bei dm oder Rossmann. „Die haben hier nie die passende Windelgröße und auch sonst eine geringere Auswahl“, sagt die junge Mutter.

Immerhin: Kathrin Bauer fände es schon schade, sollte die Schlecker-Filiale tatsächlich schließen. Die Werbekauffrau wohnt direkt im Haus gegenüber. „Wenn Schlecker dichtmacht, muss ich ziemlich lange bis zur nächsten Drogerie laufen.“ In dem Viertel, in dem Cafés Ökotoast und Vollkornstullen zum Frühstück reichen, kleine Biomärkte und teure Designer dominieren, sei Schlecker so ziemlich der günstigste Laden gewesen, sagt Bauer. „Aber die Produktpalette war nicht so gut.“

Schlechte Aussichten für Berliner Filialen

Das ist das Dilemma von Schlecker. Schlechtes Image und Konkurrenz mit Drogerieketten, die die Kunden schlichtweg besser finden. Sollte sich im Zuge des Insolvenzverfahrens ein Investor finden – er hätte richtig viel zu tun: Finanzen in Ordnung bringen, Image aufpolieren, die misstrauischen Zulieferer überzeugen, die Schlecker in früheren, besseren Jahren mit Preisdrückerei zur Weißglut trieb.

Für die Mitarbeiterinnen, in den Berliner Filialen arbeiten ausschließlich Frauen, sind das alles keine guten Aussichten. Auch Agata Zevic* (38) möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie arbeitet in der Schleckerfiliale in der Yorkstraße in Kreuzberg. Seit 15 Jahren ist sie Mitarbeiterin. Sie sitzt an der Kasse und bewahrt die Fassung. „In den letzten Jahren gab es ja soviele schlechte Nachricht, da härtet man etwas ab“, sagt die Polin. Trotzdem war die Nachricht von der Insolvenz ein Schock: „Erst wollte ich es nicht glauben.“

Jetzt aber hält sie ein Fax in der Hand, das Mitarbeiter der Filialen informiert. Ihnen wird Mut gemacht: Die Geschäftsführung bleibe im Amt, das Unternehmen als Ganzes bestehen. Frau Zevic hat noch bis Mai in einer anderen Schlecker-Filiale gearbeitet. Wie so viele Standorte in Berlin machte diese dicht.

In einer anderen Filiale in Mitte sagte eine Verkäuferin: „Ich bin froh, wenn ich nächste Woche noch hier arbeite.“ Ihre Kollegin weint. Ein Fernsehteam stürmt in das Geschäft. Die beiden Kassiererinnen wollen nicht gefilmt werden und nicht ihren Namen nennen. Sie laufen zur Zahnpasta, ganz hinten im Laden. Niemand ist gern das Gesicht einer Insolvenz.